Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316452--54010-3347806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haiti 1× ep/1044690
OCR text
No. 47 DIEE^ELT =~ 1233 längst verloren ist, haben die Juden erhalten. Lateinische Wörter haben sie in deutscher Umformung bewahrt Die harten Kehllaute, die heute als dem Hebräischen entstammend fälschlich angesehen werden, sind alte deutsche Aussprache, wie sie auch in andern Grenzdialekten noch vorhanden ist. Aber der Spanier sieht in dem Spagnolischen trotz alles Judenhasses das Spanische. Der Deutsche nennt das Judendeutsch nur mit dem Schimpfwort „mauscheln". Wörter des Jüdischdeutschen, wie „Lailich, etz, enk, engker, Eidam, Schwiger, Fromfes," und so viele andere, die in der deutschen Schrift- und Umgangssprache verschwunden sind, weisen deutlich auf den Ursprung aus alter Schriftsprache und Volksdialekten. Aber dem Jüdischdeutschen ist das Unglück widerfahren, daß die Räuber und Diebe künstlich aus ihm Wörter übernahmen, um unverständlich zu sein, und die antisemitische Aftergelehrsamkeit hat das Rotwelsch der Gauner mit dem Judendeutsch zusammengeworfen. Der Sprachforscher kann jedoch in den verschiedensten Dialekten des Jüdischdeutschen reiches Material zur Erforschung alter deutscher Sprachformen und alten deutschen Wortschatzes finden. Das Jüdischdeutsche ist in allen seinen Dialekten eine ganz spezifisch deutsche Sprache. Oberhaupt gilt vom Jüdischdeutschen wie von allen den Judensprachen, daß das Schicksal des Ewigen Juden sich an ihnen erfüllt: Das Volksbuch erzählt vom Ewigen Juden, daß Ahasver die Sprache des Landes spricht, aus dem er gerade kommt. Dieses Auskunftsmittel unwissender Betrüger findet beim wirklichen Ewigen Juden, beim nimmer sterbenden jüdischen Wandervolk seine Bewahrheitung. Die Juden des Orients sprechen Spanisch, die des europäischen Ostens Deutsch, die von Buchara Persisch. Die Juden in Westchina sprechen Chinesisch, bewahren aber noch das Persische, die in Ostchina sprechen das Maharattische der Juden von Bombay und Poona. Die Juden sprechen also immer die Sprache des Landes, aus dem sie gerade kommen, und es soll wahrlich niemanden wundernehmen, wenn trotz alles Hebräischen nach hundert Jahren im Lande Israel eine Generation von Juden sich befindet, die besser und allgemeiner Russisch spricht, als heute die Juden in Rußland. Eine ganze Reihe von Judensprachen hat sich bis auf den heutigenTag erhalten. Voran das Jüdischdeutsche mit seinen polnischen, russischen, galizischen, rumänischen, seinen alten Mundarten in Deutschland und seinen neuen in der Neuen Welt. Dann das Judenspanisch und das Judenpersisch. In Saloniki gibt es ein Judengriechisch, von dem die Dönme eine besondere Mundart reden. Anderes Judengriechisch, das an die griechischen Mundarten Tauriens anknüpft, sprechen die Karäer Jerusalems, Konstantinopels und zum Teil Kairos, während ihre Brüder in der Krim einen eigenen tatarischen Dialekt sprechen. Der bei den ägyptischen Karäern häufige Name Mangubi stammt von der krimischen Stadt Mankub. In Palästina sprechen die 'Samaritaner heute Arabisch, haben aber ihre alte aramäische Mundart als Gebetsprache beibehalten. Die Juden von Jemen sprechen einen arabischen Dialekt, dessen Eigenheiten wie bei allen Juden-Volkssprachen auf ihre Aussprache des Hebräischen übergegangen sind. So spiegelt sich in den Sprachen, die die Juden in den verschiedenen Ländern ihres Aufenthaltes sprechen, 1 das Geschick wider, das sie durch die Länder getrieben \ hat. Es sind die Sprachen des jüdischen Galuth. Aber in ihnen hat sich der jüdische Stamm die Luftwurzeln geschaffen, aus denen er, in Ermanglung gesunder Wurzeln in der eigenen angestammten Sprache, die Kraft zieht, um die Tage des Galuth zu überdauern und die Lebenskraft sich zu erhalten, um wieder in heimischer Erde und heimischer Sprache wurzeln zu können. Zu dem Begriffe der Nation gehört die Sprache noch nicht notwendig hinzu. Würde ohns weiteres die Muttersprache die Zugehörigkeit zur Nation bedingen, welche die Sprache geschaffen hat, so wären die polnischen und russischen Juden ebenso wie die galizischen und rumänischen zum größten Teil Deutsche; unter den türkischen Juden wäre die Mehrzahl Spanier, die bucharischen und Bergjuden wären Perser, die einheimischen Juden von Shanghai Inder und die Falaschas entsprechend ihrer Huaraza-Sprache Angehörige des hamitischen Agau-Stammes. Es wäre widersinnig, die Juden in dieser Weise national zu Völkern zu rechnen, unter denen sie vor Jahrhunderten gewohnt und von denen sie zumeist örtlich und ideell getrennt leben. Überhaupt gibt es ja verschiedene Nationen, die die gleiche Sprache sprechen, und wiederum verschiedene Sprachen in derselben Nation. So sind Norweger und Dänen trotz der gleichen, kaum dialektisch geschiedenen Sprache zwei völlig selbständige Nationen. Die Negerreptibliken Haiti und San Domingo haben aus leicht begreiflichen historischen Gründen ausschließlich Französisch als ihre Sprache, aber ihre Nationalität hat mit der französischen nichts zu tun, ebensowenig wie die Engländer die Englisch sprechenden Yankees oder gar die Englisch redenden Neger der Vereinigten Staaten zu ihrer Nation zu zählen gedenken. Und die Neger Südamerikas sind keine Spanier, die Brasilier, auch nicht die Nachkommen portugiesischer Einwanderer, Portugiesen. Sprachen übertragen sich von einer Nation auf die andere. Für eine solche Übertragung ist der beste Beweis, der im vollen Lichte bekannter Geschichte liegt, die Entstehung der romanischen Sprachen. Das romanische Element ist sogar in die englische Sprache reichlich eingedrungen und eigentümlicherweise dorthin durch einen germanischen Stamm gebracht worden. Das klassische Volk der Sprachenübertragung aber waren doch die Juden und sind es bis zum heutigen Tage geblieben. Ihre Zähigkeit, die sie unter fremden Völkern an der eigenen Nationalität festhalten ließ, auch wenn sie zur Aufgabe der eigenen oder bisherigen Sprache gezwungen waren, ließ sie ihre nationale Eigenheit auch dann treu bewahren, wenn sie sprachlich verschwanden. Sie retteten die Stammestürnlichkeit in religiösen Formen und Sitten. Aber die Sprachenübernahme von fremden Stämmen ist bei den Juden erst eine Erscheinung des Galuth. Die hebräische Sprache, mit der sie im Lichte der Geschichte als Nation erscheinen, bleibt ihre Nationalsprache unbestritten bis zur Zerstörung ihres Staates. Aber auch später und bis in die Jetztzeit hinein ist sie das Band, das, wenn auch nur noch rudimentär, die ganze Nation umschlingt. Sie verbindet^ ob auch nur in vielfach ganz unscheinbaren Resten, alle Glieder des lebenden Volkes. Daß sie aber das einheitliche Band zwischen den Juden nicht bloß aller Länder, sondern auch aller