Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1232 DiEi&nn No. 41 JÜDISCHE SPRACHE UND JÜDISCHE FREIHEIT Von Dr. Heinrich Loewe, Berlin Mit dem siegreichem Vordringen der christlichen Spanier gegen Süden drang auch ihre Sprache in das großenteils arabisierte Land ein. Die unter ihnen wohnenden Juden, bei denen aus alter römischer und gotischer Zeit her die romanische Sprache wohl niemals abgestorben war, wurden besonders Träger der von ihnen wertgehaltenen Sprache. Ebenso wie an der arabischen, beteiligten sie sich an der spanischen Kultur und schufen in Kastiliens Sprache besonders viele Dichtungen, während das Spanische für gelehrte Abhandlungen niemals ein Nebenbuhler des Arabischen und Hebräischen geworden ist. Aber um so mehr wurde es zur Volkssprache der spanischen Juden, die es auch nach ihrer Vertreibung mit einer Zähigkeit ohnegleichen festhielten. Wohin sie auch wanderten, nahmen sie die spanische Sprache mit. Es hat ziemlich lange gedauert, bis das kleine Häuflein? spanisch-portugiesischer Juden am deutschen Nordseegestade ihren romanischen Dialekt g£gen das Niederdeutsche eintauschte. In den Ländern des Orients dagegen hat das Spagnolische sich nicht bloß in mehreren Dialekten erhalten, sondern hat sogar unter der arabisch-jüdischen Bevölkerung eine solche Stellung einzunehmen gewußt, daß noch bis in die jüngste Zeit der orientalische Jude, der etwas auf sich hielt, es für nötig erachtete, in seine Familie das Spagnolische als Umgangssprache einzuführen. Aber niemals hat es, trotzdem es bereits seit Jahren auch Zeitschriften in spagnolischer Sprache gibt und allmählich eine ganze spagnolische Literatur entstanden ist, den Anspruch erheben können, daß es an Stelle oder auch nur gleichberechtigt neben das Hebräische treten könne. Die verschiedenen Dialekte des Spagnolischen aber wurden gleichwohl nicht so sehr als Sprache der spanischen Nation empfunden, sondern galten als eine zweite jüdische Sprache, als die Volkssprache, als der Familiendialekt, freilich der bevorzugte und geliebte Familiendialekt der türkisch-arabischen Judenheit. Diese spagnolische Mundart hat sehr viel altes spanisches Sprachgut erhalten, das im Spanischen (Castellano) nicht mehr nachzuweisen ist. Darin entspricht sie ganz dem Judenpersisch der bucharischen Juden, das alles iranisches Sprachgut treu bewahrt hat. Die weitaus größte Masse der Juden war aber allmählich nach Norden gewandert. Sie wurden das Bürgerelement, wie zuerst in Frankreich und Burgund, so später am Rhein und Main, und bildeten das Ferment, , das die überkommenen Zustände durch höhere Kultur zersetzte und der Kultur den Eingang verschaffte. Daß sie in Frankreich die französische Sprache beherrschten und als Familiensprache redeten, sehen wir u. a. aus den Kommentaren eines Raschi und aus alten Festgebetbüchern. Viel intensiver und ausgebreiteter war ihre Beteiligung an der deutschen Kultur, die bis in die Zeit der Hohenstaufen ohne die große Anteilnahme der Juden gar nicht denkbar ist. An Zahl und Einfluß' waren sie von ganz besonderer Bedeutung. Sie waren der Bürgerstand, und die Privilegien Heinrichs IV für Worms und Speier sind kein geringes Zeugnis für ihren Einfluß und für ihre Bedeutung. Sie nahmen die deutsche Sprache an und behielten in ihr viele Eigenheiten, die sie sehr frühzeitig schufen. Aber ihre jüdisch-deutsche Sprache ging in der Entwicklung und Fortbildung mit der deutschen Sprache weiter, an die sie sich den Anschluß bewahrte. Ihr Süßkind von Trimberg dichtete in bestem Hochdeutsch seine schönen Lieder. Der deutsche Bürgerstand, der unter dem Einfluß und in Anlehnung an den jüdischen Bürgerstand erwuchs, empfand später in ihm nur noch den lästigen Vormund und unangenehmen Konkurrenten. Dazu kam die mit ihrer Macht immer mehr anwachsende Verfolgungssucht der Kirche, die den alexandrinischen Judenhaß durch die Konkavlinse des Byzantinismus empfangen und verstärkt hatte, und das Ende des Mittelalters sah mit der aufblühenden Kultur der deutschen Städte die grausame Verfolgung und Verbrennung, Unterdrückung und Austreibung der Juden aus den deutschen Landen. Von Süden und Westen wälzte sich das Ungeheuer der Judenverfolgung nach Norden und Osten. Als vor nunmehr gerade vierhundert Jahren auch an der Ostgrenze des Reiches der riesenhohe Holzstoß aufloderte, auf welchem man die brandenburgischen Juden verbrannte, war dieser Feuerschein die Leichenfackel der großen deutschen Judenschaft. Das aber geschah bereits im vollen, hellen Lichte der angebrochenen Neuzeit. Gleichzeitig mit den spanischen wanderten die deutschen Juden. Während die Hunderttausende von jenen im Orient eine neue Heimat suchten und fanden, wurden die Millionen deutscher Juden, soweit sie nicht totgeschlagen und verbrannt waren, nach Polen hineingedrängt. Nur ein kleiner Teil deutscher Juden blieb in der alten Heimat zurück. Die jüdisch-deutsche Sprache behielten die Zurückbleibenden bei. Es gab u. a. einen hessischen, altmärkischen, fränkischen, elsässischen, holländischen Dialekt. Sie alle hatten Gemeinsames miteinander und mit den benachbarten deutschen Mundarten. Aber die nach dem Osten auswandernden deutschen Juden nahmen auch ihre deutsche Sprache dorthin mit. Ja, sie assimilierten sich die vorgefundenen Judenschaften, die nunmehr von der Masse der Einwanderer, die in allgemeiner und vor allem jüdischer Kultur unendlich viel höher standen, die deutsche Sprache annahmen. So entstand das deutschsprechende Judenvolk von Polen und Rußland, Rumänien und dem ganzen weiten Osten. Sie haben mit derselben rührenden Treue die Sprache ihrer deutschen Verfolger in den Osten mitgenommen, wie ihre spanischen Brüder das Spanische ihrer Unterdrücker, die persischen Juden das Iranische ihrer Verfolger. Wie die italienischen Juden glaubten, Talmud nur im spagnolischen „Ladino" lernen zu können, so blieb es bei den aschkenasischen Juden auch dann selbstverständlich, in jüdisch-deutscher Sprache (teitsch) zu ,Jemen'4, wenn sonst bereits die Landessprache den deutschen Judendialekt verdrängt hatte. So ist es noch heute, in Groningen und Amsterdam, wie in Paris und Marseille. Als es im Jahre 1804 während des Krieges bei den dänischen Juden verpönt war, überhaupt deutsch zu verstehen, wurde in der Kopenhagener Klaus, wie es auch heute noch der Fall ist. „Gemore gelernt'4 in deutscher, d. h. natürlich jüdischdeutscher Sprache. Altes deutsches Sprachgut, das in der deutschen Umgangssprache und auch in den andern Volksdialekten