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Die Welt · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1218 DIE3 Der V. Parteitag der Poale Zion Österreichs (Von unserm Berichterstatter) Der Parteitag der Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion Österreichs wurde Montag den 24. Oktober, abends, im Saal des Lemberger ruthenischen Sokolvereins eröffnet. 85 Delegierte sowie Vertreter vieler Zeitungen des In- und Auslandes füllten den Saal, im erhöhten Zuhörerraum folgten Hunderte von Parteigenossen und Freunden den Verhandlungen. Der Vorsitzende der Parteiexekutive Herr Kaplansky eröffnete den Parteitag mit einer Ansprache, in der er auf die Bedeutung der bevorstehenden Beratungen hinweist. Er bespricht die Erfolge der Weltkonferenz der Poale Zion in Krakau, die Begründung des „Ha-achduth", die befriedigende Entwicklung des Palästina-Arbeiterfonds und den Beschluß des Hamburger Zionistenkongresses, die genossenschaftliche Siedlungsmethode in Angriff zu nehmen. All das beweist, daß wir aus dem Stadium der Diskussionen hinausgewachsen sind. Jetzt heißt es, die gefaßten Beschlüsse mit aller Kraft durchführen. Der Kampf um die nationale Gleichberechtigung und Selbstverwaltung der Juden Österreichs soll von diesem Parteitag gründlich durchberaten werden. Es ist ein kritischer Augenblick, den wir durchleben, Österreich ist am Vorabend des nationalen Ausgleichs. Nur der Ausbau einer nationalen Organisation, die praktische Konstituierung des jüdischen Volkes in Österreich auf Grundlage der Selbstverwaltung und der Autonomie in allen jüdischen Angelegenheiten vermag, die Gefahr zu beseitigen, daß der nationale Ausgleich und das nationale Reichsgesetz die Juden aus der Reihe der national gleichberechtigten Nationen Österreichs ausschließen werden. In modernen Nationalitätenstaaten ist die bürgerliche Gleichberechtigung - undenkbar ohne die nationale. Die Voraussetzung eines erfolgreichen Kampfes um autonome Formen des jüdischen Volkslebens ist die Erhöhung der Schlagfertigkeit der Partei, die dauernde Organisation der Arbeiter und Angestellten zum alltäglichen Kampfe um Brot und Licht. Die Fragen der gewerkschaftlichen Organisation und die Sicherung und Steigerung der Parteieinnahmen werden den breitesten Raum in den Beratungen einnehmen. Redner begrüßte die Delegierten und wünschte dem Parteitag einen würdigen und glanzvollen Verlauf. (Anhaltender Beifall.) Del. Herz begrüßt den Parteitag im Auftrage der Lemberger Organisation. Ins Präsidium wurden gewählt: Kaplansky und Herz zu Vorsitzenden, Nußbaum (Krakau), Steinmetz (Czernowitz), Dr. Drimer (Stanislau) zu Beisitzern; Kandel (Przemysl), David (Wisnitz), Kenner (Krakau) zu Schriftführern. Es folgt die Verlesung der wichtigsten eingetroffenen Be* grüß.ungen: des Poale-zionistischen Zentralkomitees in Jerusalem, der Jüd. Sqz. Partei Poale-Zion Amerikas (beide Z. K. befürworten die Übertragung des Verbandsbureaus nach Palästina), der Poale-Zion Rußlands, Englands und Rumäniens. Im Namen des zionistischen Aktionskomitees beglückwünschte Präsident Wolf f - söhn den Parteitag in einem längeren Schreiben, das beifällig aufgenommen wurde. Das Wiener Bureau des Universellen jüd. Sozialist. Verbandes Poale-Zion begrüßte den Parteitag telegraphisch. Ein Begrüßungsschreiben der Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei („Serp") Rußlands wurde sehr freundlich aufgenommen. Die zahlreichen brieflichen und telegraphischen Glückwünsche aus Österreich konnten nur aufgezählt werden. Zum Schluß begrüßten Davids - sohn im Auftrage der Jaffaer Organisation, Kenner im Namen des Verbandes jüdischer jugendlicher Arbeiter, Klingenberger (Wien) im Namen des Wiener Handelsangestellten Vereins „Achwah" den Parteitag. Es wurde die Einsetzung einer fünfgliedrigen Organisationskommission und eines Finanzausschusses aus 15 Mitgliedern beschlossen. Mit einem Dank an den Chor, der mit dem klangvollen Vortrag der „Schwua" die Verhandlungen eingeleitet hatte, schloß der Vorsitzende die Sitzung. Am folgenden Tag leitete der Parteisekretär Dr. Max Rosenfeld die Diskussion über den Rechenschaftsbericht der Exekutive ein. Der Bericht umfaßt die Tätigkeit der Partei für die Zeit vom Juli 1908 bis Oktober 1910. Im September 1908 wurde die Parteiexekutive nach Wien übertragen. Am Ende des Jahres 1909 erfolgte die Einsetzung eines Parteisekretariats in Lemberg. Die Partei besteht aus 48 Organisationen in Galizien, Bukowina, Wien und Prag mit 3950 Mitgliedern. Das bedeutet einen Fortschritt um einige hundert Mitglieder gegenüber 1908. Der Partei angegliedert ist der „Jugend"-Verband mit etwa 900 jugendlichen Arbeitern. Der Bericht konstatiert einen Rückgang der Frauenvereine, dagegen das Wachstum der Zahl,, der Mittelschüler- und Hochschülerorganisationen". Die studierende Jugend hielt in der Berichtsperiode zwei Konferenzen ab, es bestehen vier akademische Vereine („Cheruth"), die für die jgELT - No, 46 Partei tätig sind. Die poale-zionistische Studentenschaft gibt eine! Zeitschrift* in polnischer Sprache („Nasze Hasla") heraus. Die! Exekutive war infolge der räumlichen Entfernung Wiens von Gai lizien, wo die Partei ihren Schwerpunkt hat, in ihrer Agitation gehemmt. Doch wurde in den zwei Jahren fleißige Arbeit geleistet: Kasriel, Frau Pevsner, Wattenberg, Srubowel, Locker, Schlimowisch, Dr. ' Rosenfeld haben im Auftrage der Exekutive oder mit ihrer Zustimmung zahlreiche Versammlungen und Vorträge abgehalten. Während Frau Pevsner insbesondere für den „Bezalel" warb, Srubowel für jüdische Kulturprobleme Propaganda machte, organisierte Schlimowisch strammer die Sammlungen für den Palästina-Arbeiterfonds, Kasriel und andere Redner sprachen in einer Reihe von Versammlungen über jüdische Emigration und die argentinische Kolonisation. Die Partei veranstaltete Versammlungen anläßlich dfer Einbringung des Gesetzentwurfs über die Sozialversicherung und organisierte eine umfassende Aktion für die Durchführung der Achhihr- Ladensperre. Es zeigte sich dabei, ebenso wie beim vorangegangenen Handelsangestellten-Tag, daß die Masse der jüdischen Angestellten, insbesondere Galiziens, unter der politischen Leitung der.Poale-Zion steht. Die vom Gesetz vorgeschriebenen Gehilfenausschüsse wurden von Poale-Zionisten gebildet, in Krakau siegte die Partei bei den Gewerbegerichtswahlen über die vereinigten polnischen und jüdischen Sozialdemokraten. Die gewerkschaftliche Organisationsarbeit gestaltete sich sehr schwierig infolge der politischen Verfolgung der Angehörigen der Partei durch die polnische Sozialdemokratie. Von den politischen Aktionen der Partei sind zu erwähnen: der Kampf um die Demokratisierung der jüdischen Gemeinden (insbesondere in Czernowitz, Lemberg, Jaroslau), die Veröffentlichung eines Manifestes und die Veranstaltung großer Kundgebungen anläßlich der Einbringung des Antrags Adler bezüglich der nationalen Minderheitsschulen (in dem die jüdische Nation bekanntlich ignoriert wird). Am 1. Mai 1910 wurde von der Exekutive gleichfalls einManifest erlassen. Um der Aktion für die Siedlungsgenossenschaft Nachdruck zu verleihen, wurde Dr. Franz Oppenheim er im April 1909 eingeladen, einen viertägigen Kursus über sozialökonomische Fragen abzuhalten. Es ist den österreichischen Poale-Zion gelungen, die Weltkonferenz für den genossenschaftlichen Gedanken zu gewinnen. In der Kongreßfraktion in Hamburg waren 8 Mitglieder der österreichischen Partei. Auch Franz Oppenheim er wurde, obwohl nicht Parteigenosse, im Interesse der genossenschaftlichen Aktion von den österreichischen Poale-Zion zum Kongreß entsendet. Die Parteipresse erfuhr, wie bereits erwähnt, eine Vergrößerung, der Parteiverlag wurde nach Stanislau übertragen und steht vor einer Reorganisation. Den Kassenbericht erstattete Herr Kandel. Es wurde bis Oktober d. J. eingenommen an Parteisteuern samt Schekeln mehr als 6000 Kronen (die Schekel pro 1910 sind noch nicht verrechnet), an Preßfonds und sonstigen Einnahmen für das Parteiorgan rund 11 800 Kronen. Außer diesen etwa 18 000 Kronen, die in die Parteikasse geflossen sind, wurden 1375 Kr. für den Palästinaarbeiterfonds im Laufe eines Jahres, mehr als 1000 Kronen für den Genossenschaftsfonds abgeführt (während ein noch größerer Betrag dank der Agitation von Parteimitgliedern der Genossenschaft zugeführt wurde). Die Reise der Frau Pevsner brachte dem „Bezalel" gegen 3000 Kronen ein, für den Palästinaverlag „Ha-achduth" brachte man mehr als 600 Kronen auf. Außer diesen Beiträgen wurde auch für den Nationalfonds, insbesondere für den Herzlwald, ferner für Delegiertenfonds, für gewerkschaftliche Zwecke und für die Bedürfnisse der örtlichen Organisationen gearbeitet. In jeder größern Stadt besitzen die Organisationen Vereinslokale, häufig Bibliotheken und Leseräume. Die finanzielle Leistungsfähigkeit der Partei ist somit beträchtlich gestiegen. Der Parteiverlag „Bildung" hatte bis zum 1. Oktober mehr als 1600 Kr. Einnahmen und einen Reingewinn von 300 Kronen. Er hat ein Sammelbuch „Jugend* und das Werk von Chasanowitsch über die „Krise der argentinischen Kolonisation" verlegt. Den Bericht der Administration des „Jüdischen Arbeiters" erstattete Herr Lew in, der über die Rückstände und Schulden der Organisationen Klage führte. In der Debatte über den Rechenschaftsbericht, die die Vor- und Nachmittagssitzung währte, wurde die Passivität der Exekutive bei den galizischen Landtagswahlen, der Disziplinbruch des Lemberger Kreiskomitees bei den Reichsratsersatzwahlen in Bursztyn, die Schwäche der Aktion gegen die Lebensmittelteuerung, die häufigen Redaktionskrisen im „Jüdischen Arbeiter", der nicht immer im Sinne der Parteimehrheit und der Exekutive geleitet würde, von den Delegierten Meisei (Drohobycz), Kandel (Przemysl), Locker (Czernowitz), Chasanowitsch (Lemberg), Dr. Schipper (Tornow), Nußbaum (Krakau), Tunis (Lemberg), Seiber (Lemberg), Buchbinder (Rzeszöw) und mehreren andern Rednern besprochen..

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