Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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NU 46 =■ DIE2 selber. Ich erzitterte bei dem Gedanken, ihr könntet dasselbe werden, wie ich. — Ein Bettler ist kein menschliches Wesen — eine Schlange ist er, kriechend und mit giftigem Blicke spähend, — ein Wurm, niedrig und mit Füßen getreten. . . . Tobia fuhr lauter fort: — Ich hätte euch eher sterben sehen mögen. . . . Seit jener Zeit bettelte ich noch mehr als früher, ich aß nicht und trank nicht, stand vor Morgengrauen auf und sammelte jeden Pfennig. . . . Ich wurde zudringlich und unverschämt, warf man mich zur Türe hinaus, kam ich durchs Fenster wieder. . . . Man prügelte mich und trat mich mit Füßen, es ließ mich kalt. Sogar euch gegenüber geizte ich mit jedem Pfennig. ... Denn ich wollte, daß ihr später zu Menschen werdet. Ihr werdet es mir vergeben. . . . ^%ELT 1217 Tobias Blicke umnebelten sich und seine Stimme erschlaffte. |Er zog mühevoll ein Bündel hervor und hielt es in den Händen. * — Ich sterbe als Bettler, mein Schweiß und mein Blut sollen - euch aber zu Menschen machen. Für dieses Geld sollt ihr arbeiten lernen. . . . Und noch ein Wort, mein Vermächtnis. . . . Tobia fiel ganz erschöpft aufs Bett zurück. Sein Gesicht erbleichte, die Augen wurden trübe. — Wenn an der Pforte eures Hauses ein Bettler erscheint, — flüsterten noch seine ersterbenden Lippen — so wartet nicht, bis er die Hand ausstreckt, — es grüße ihn euere Tat, blickt ihm aber nicht in die Augen. . . . Und ruhig verschied Tobia, der Bettler. Cr o o o o o o o 1 o o o o o o =J AUS DER BEWEGUNG Sitzung des Actions-Comites Die für den 22. November ds. Js. und die folgenden Tage nach Berlin einberufene Sitzung des Actions- Comites sowie die verschiedenen Banksitzungen und die Sitzung des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds werden im E1 i t e - H o t e 1 (Neustädtische Kirchstraße 9, am Bahnhof Friedrichstraße) stattfinden. Die Beratungen des A. C. beginnen um 10 Uhr vormittags. Sitzungstafel: Sonntag, den 20. November nachmittags 3 Uhr: Direktorien der Banken. Montag, den 21. November vormittags 10 Uhr: Engeres Actions- Comite. Mittwoch, den 23. November nachmittags 4 Uhr: Aufsichtsrat des Jewish Colonial Trust. Donnerstag, den 24. November vormittags 9 Uhr: Direktorium des Jüdischen Nationalfonds. Aufruf An alle Verehrer des Andenkens Elchanan Löb Lewinskys! Einen neuen, unsagbar schweren Verlust hat das jüdische Volk erlitten. Unerwartet ist uns einer der besten Söhne unseres Volkes — unser Levvinsky entrissen worden. Urplötzlich hat den körperlich und geistig kraftvollen Mann eine schonungslose unheilbare Krankheit überfallen, und in wenigen Tagen den verzehrt und ins Grab gebracht der sein letztes Wort noch lange nicht gesprochen hatte, der noch viel, sehr viel für seines Volkes Schrifttum und nationale Hoffnungen hätte leisten können. Es ist, als ob das unerbittliche Schicksal sich gegen uns erhoben hätte. Als ob es sich dem finstern Heere unserer Verfolger zugesellt hätte, entreißt es uns der Reihe nach die Besten, Unentbehrlichsten,— diejenigen, die den schweren Kampf um die Regeneration ihres Volkes entschlossen aufgenommen und treu geführt haben. Bestürzt und niedergeschlagen traten die Mitglieder des Odessaer Palästinakomitees, unter Beteiligung von Vertretern verschiedener anderer Strömungen im Judentum zu einer Sitzung zusammen zum Andenken des teuern, unvergeßlichen Kameraden. Es war weder die Zeit, noch der Ort für Reden. Allen und jedem war das lautere Leben des Verewigten sehr wohl bekannt, {{o o o o o o < IL o o o o o o o j das der hebräischen Literatur und der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes gewidmet war. — Es war für alle ein dringendes Bedürfnis, eine Notwendigkeit, dem grausamen Schicksalsschlage gegenüber etwas zu tun. Nein, Lewinsky ist uns nicht gestorben; er seil uns nicht s'erben. Und wenn wir auch nicht in der Lage sind, seinen Körper ins Leben zurückzurufen, so können und sollen wir doch seinen geistigen Einfluß auf die nachkommenden Geschlechter erhalten; wir sind imstande und verpflichtet nach seinem Tode in seinem Namen das Werk fortzusetzen, welches zu Ende zu führen ihm selbst nicht vergönnt war. Wodurch könnte aber der Name Lewinskys besser verewigt werden, als durch Gründung eines Kulturinstituts in Palästina? Und so haben denn die Teilnehmer der erwähnten Sitzung des Palästinakomitees den Beschluß gefaßt, einem längst reif gewordenen Bedürfnisse entgegenzukommen und in Palästina zum Andenken an Lewinsky ein Seminar zur Ausbildung von Lehrerinnen für Kindergärten und Elementarschulen zu gründen. Die Schülerinnen des Lewinsky-Seminars sollen nicht nur in Palästina, sondern auch in den Ländern der Diaspora ihr Arbeitsfeld finden; sie sollen als Lehrerinnen und Erzieherinnen in der jüdischen Volksschule und in der jüdischen Familie wirken, überallhin das lebendige hebräische Wort, die Liebe zu unserer Literatur, den Glauben an die Zukunft unseres Volkes mit sich bringen. Wir wissen sehr wohl, daß wir eine schwierige Aufgabe auf uns nehmen; daß wir sehr beträchtliche Geldmittel nötig haben werden, während wir auch ohnehin nur mit großer Mühe den zahlreichen Anforderungen für gemeinnützige Zwecke in Palästina Rechnung tragen können. Wir gehen trotzdem unverzagt an die wichtige Aufgabe. Wir sind überzeugt, daß die Verehrer des verewigten Lewinskys, des Menschen und des Schriftstellers unsern Aufruf beherzigen werden. Wir wenden uns an jeden, der Sinn und Herz hat für jüdische Angelegenheiten. Möge jeder sofort seine Pflicht erfüllen gegen das Andenken des Mannes, der sein Leben seinem Volke geweiht hat; möge jeder nach Kräften zu der unverzüglichen Errichtung eines würdigen Denkmals nationaler Dankbarkeit beitragen. Wir wollen beweisen, daß wir unsere Kämpfer zu schätzen wissen; daß sich nach jedem erlittenen Verluste unsere Reihen bald wieder zusammenschließen zu weiterer gemeinsamer Arbeit. Komitee zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina, Odessa, Awtschinnikowgasse 12. Der Vorsitzende M. Ussischkin.