Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316451--53996-3347791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■ i i-j c-1 ■ ■! " f 1216 DIEIEEELT: No. 46 (□□□□□□ ■■ — FEUILLETON □□□□□□ Mit der Sonne Von Ch. N. Bialik (Dem Sechsten Zionistenkongresse gewidmet) Mit der Sonne erhebt euch zu BeTgessicht, Zu schauen ihr goldenes Gut, Ersteht als die Ersten im neuen Licht, Und jeglicher schöpf in die Seele die Flut, Und des Morgens Pracht, tautriefend und jung, Uberström', überström' euch im Flutenschwung. Und erneut jetzt alles, was welk und alt, Befreit euch aus morscher Fesseln Gewalt Und heget und wahret den goldenen Schatz, Die Herzen dran zu ernähren. Und kämet ihr elend und lastenbeschwert, Sollt reiner Fülle ihr wiederkehren, Ihr Welken im Dunkel, ihr Morschen der Nacht, Betet zur Sonne, zur Sonne! Und ihr kehrt zu den Brüdern beladen zurück, Daß Ströme von Licht an euch gleiten, Und ihr tragt zu Vater und Mutter das Glück, Die Botschaft bringt ihr der Weiten. Und schreitet ihr, Licht in der spendenden Hand, Sei's allen Kindern der Zeit gesandt Und dring' in die düstern Keller hinein Zu euren Brüdern in Druck und Pein, Und es beb' in ihr Herz die drängende Macht: ,,Auf, Bruder, und bete in harrendem Flehn! „Noch gibt es ein Hoffen und ein Erstehn", Dann erwacht euer Bruder, der Sohn der Nacht, Und dürstet nach Sonne, nach Sonne! Und war' noch umsonst euer Suchen nach- Licht, So sollt aus dem Nichts ihr's erschaffen, Aus Felsen es schlagen, es stechen aus Stein Und aus dem innern Herzen es raffen. Denn es lebt das Licht, und ist es erwacht, Kann's ewig nicht mehr entschwinden. •— - — Dann kommen alle, die irr und verbannt, Die sehnende Seele zu euch gewandt, Und legen der eigenen Kinder Los, Die heilige Sehnsucht in euren Schoß. Und Zeiten zu Zeiten vererbt das Gebot: ,,0 lebet, dienet und harret! „Ihr Dunkelbefreite aus alter Nacht, „Zu Häupten traget die Sonne!" Aus dem Hebräischen von E. Müller. Ein Vermächtnis Von Wilhelm Berkelhammer Schwer keuchend erhob sich Tobia, der Bettler, auf seinem Lager und fragte mit kaum hörbarer Stimme: Sind — sie — schon — da —? Dann fiel er zurück auf ein großes Bündel schmuhiger Fetzen, die ihm als Kissen dienten. Er hatte die Augen geschlossen und verfiel in einen unruhigen Halbschlaf. Tobias Gesicht glühte vor Hitze, und seine abgemagerten, fast durchsichtigen Hände zitterten nervös, als ob sie nach etwas greifen wollten. Seiner Brust entrang sich ein unheimliches, heiseres Keuchen. Von der lautlosen Stille der Stube hob sich dieses Keuchen so unheilkündend ab. . . . Aber Tobias Gedanken arbeiteten noch fieberhaft, mit dem Eifer einer letzten Anstrengung. Sie wirbelten toll in seinem Hirn durcheinander, wälzten sich gleich einem verworrenen Knäuel hin und her und konnten keine Ruhe finden. Unter der Schwelle des Bewußtseins aber ruhte das letzte Wort, das der Verkörperung harrte. Die krankhaft wirbelnden Gedanken suchten es zu ergründen und in Form zu kleiden. ... Mirele, Tobias Frau, näherte sich langsam dem Lager, beugte sich über den ruhelos zuckenden Körper und würgte, leise schluchzend, die Worte hervor: Tobia.. .Tobia.. .du wolltest... Tobia.. .hörst du? Der Kranke öffnete die Augen und blickte lange auf seine Frau. Er schien sie nicht zu erkennen. Er schaute sich um, wie ein Kind, das eben aus tiefem Schlaf geweckt wird. Dann wandte er die weit aufgerissenen, trocken glänzenden Augen nach einer leeren Ecke des Zimmers, verzog das Gesicht und — horchte... Plötzlich, als ob er sich einer ganz vergessenen, aber ungemein wichtigen Sache erinnert hätte, raffte er sich auf, erhob sich in seinem Bette und spähte voll Unruhe umher. Auf einer großen Truhe unterhalb des Fensters saßen Tobias Söhne, vier Jungen, schmutzig, verwahrlost, in Kleidern, von denen die Fetzen herabhingen, ohne Schuhe... Der älteste war ungefähr siebzehn Jahre alt. Trotz der Halbdämmerung, die hier ewig herrschte, erblickte sie Tobia sogleich, denn auf seinen dürren Lippen erschien ein eigentümlich bitteres Lächeln. Seine Augen erglänzten stärker, und er begann laut zu sprechen. Die Worte klangen feierlich, wie die Worte eines letzten Gebets. -- Gut, daß ihr gekommen seid. Tretet näher, denn ich will von euch Abschied nehmen. . Wenn ich jetzt weggehe, komme ich nicht mehr auf Schabbos nach Hause und bringe auch keine Kartoffeln und Erbsen mehr. Er hielt inne und schöpfte tief Atem. — Mein ganzes Leben lang war ich ein Bettler. Auch mein Vater bettelte. Ihr seid meine Kinder, und auch ihr geht von Haus zu Haus.. . — Ach, mein Leben!... Niemals habe ich gelacht!... Selbst als Kind konnte ichs nicht. Ich sah immer mit grimmigem Neid auf die Satten, die zur Klaus gingen und die heilige Thora lernten... Und ich stand an der Ecke der Straße und bettelte... Selten bekam ich was... Oft wurde ich geschlagen; nicht überall darf man betteln... Und ich weinte niemals... Hört, meine Söhne!... Auch ihr sollt nicht weinen, wenn euch jemand was zu leide tut... Weinet nicht in Gegenwart fremder Leute, zeigt niemandem eure Tränen!... . . . Nur einmal weinte ich — als mir die Mutter starb. . . . Ich war damals gerade Bar-Mizwah und begann Tefillin zu legen. Von nun an gings mir noch schlechter . . . Und der Vater fing an zu trinken. . . . Nach einigen Jahren starb auch er. . . . Ich heiratete. . . . Euere Mutter war gerade so arm wie ich. . . Wir bettelten beide. . . . Ein starker Hustenanfall unterbrach Tobias Worte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sprach weiter: — Als der älteste von euch zur Welt kam erfuhr ich in meinem Innern, wer ich bin. ... Ich schauderte, als ich sah, wie er heranwuchs, zum Bettler heranwuchs. . . Und damals erkannte ich zum erstenmal, was ein Bettler ist und entsetzte mich vor mir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.