Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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mit einer imposanten Versammlung eingeleitet, die am 8. ds. im Hotel Zentral stattfand. Den Vorsitz führte Herr Dr. Emil Krasny, Es sprachen die Gg. Börsenrat Adolf Brecher, Adolf Böhm Dr. Paul Weisengrün, Max Markus und Dr. Schalit. Die Redner entwickelten das Kultusgemeindeprogramm und kritisierten die Amtsführung des derzeitigen Vorstandes. Besonders kraß sind die Übelstände bei der Besteuerung, der Armenpflege, der Verwaltung der Institutionen, doch all dies wird durch das Wahlrecht für den Kultusvorstand in den Schatten gesteilt. Dieses Wahlrecht stelle wohl das reaktionärste Machwerk dar, wie es ärger heute selbst in vielen asiatischen Staaten nicht zu finden sei. Von den ca. 25 000 Steuerzahlern — das Steuerminimum beträgt schon ohnedies 20 K — haben nur ca. 12000 das Wahlrecht, weil nach einer von dem Kultusvorstand ausgeklügelten Bestimmung nur diejenigen Steuerzahler das Wahlrecht haben, welche die Steuer bis zu einem bestimmten Termin entrichtet haben. Die Steuer wird den säumigen Zahlern nicht etwa geschenkt,^ sondern nach dem Termin unbarmherzig exekutiv eingetrieben. So werden die Steuerzahler um ihr Wahlrecht gebracht. Nach den Referenten sprachen die Herren Grünwald und Freuder. Mit der Aufforderung zur intensivsten Wahlärbeit für unsere Kandidaten schloß der Vorsitzende die würdig verlaufene Versammlung. — Eine zweite große Versammlung fand am 14. November statt. Jüdischnationale Aktion in Galizien Der galizische Landtag wird gegenwärtig von der Obstruktion der ruthenischen Abgeordneten beherrscht, die bei der Frage der Landtagswahlreform ausgebrochen ist. Wie nun die „Jüd. Ztg." berichtet, fanden in den letzten Tagen in vielen galizischen Städten jüdische Versammlungen statt, in denen zur Landtagswahlreform Stellung genommen und die Forderung aufgestellt wurde, für die Juden eine spezielle jüdische Kurie zu schaffen. Mit scharfen Worten wendeten sich die Redner gegen die jüdischen, dem Polenklub angehörenden Landtagsabgeordneten, welche sich in den Wahlreformdebatten teilnahmslos verhielten. Der Landmarschall und die jüdischen Landtagsabgeordneten wurden telegraphisch aufgefordert, den Juden in der neuen Wahlreform eine entsprechende Anzahl von Mandaten zu sichern. Der Kampf der jüdischen Studentenschaft in Osterreich Im Hotel Post in Wien veranstaltete am 7. November die jüdische Studentenschaft der Wiener Hochschulen eine Versammlung, die sich zu einer begeisterten Kundgebung für die Inaugurationsrede des Rektors Bernatzik über „Nationale Matriketi" (vgl. „Welt", Nr. 43) gestaltete. Abg. Dr. Mahler erstattete das Referat, in dem er u.a. folgendes ausführte: Durch viele Jahrzehnte ist in vielen Versammlungen speziell hier immer verkündet worden, wie der nationale Gedanke der große Fluch für die Menschheit sei. Er sei es, der die Menschheit wieder in die Barbarei zurückführe, von dem die Menschheit sozusagen hinaufstreben könne zu einem reinen Menschentum. Nur durch die ganze Loslösung von ihm kann . der Mensch rein werden. Es wird niemand leugnen können, daß nationale Kämpfe und Streitigkeiten unendlich viel Unglück und Unheil angerichtet haben. Wir in Österreich sind Zeugen dafür, wie er zur Hemmung jeden Fortschrittes und jeder Kulturentwicklung dient. Um den nationalen Gedanken richtig zu erfassen, muß man sich darüber klar sein, daßVolkstum sowohlwie Nationalität im wesentlichen nur Ausgestaltungen und Weiterbildungen der Familie sind. Wenn wir die Volkswirtschaft studieren,1 die Geschichte vergangener Zeiten darnach befragen, so stimmen beide darin überein. Die Bande, die sie zusammenhält, ist die Annahme einer gemeinsamen Abstammung von einem Urvater und von einer Ürmutter. Der zweite Faktor ist die Kultur. Ein Element muß noch als etwas Wesenhaftes hinzutreten, es ist die gemeinsame große Geschichte. Nur wer neben - der gemeinsamen Abstammung die gemeinsame Größe der Vergangenheit empfindet, wird den Wert der Verwandtschaft zu schätzen verstehen. Wo gibt es ein Volk auf der Welt, 1 welches mit größerm Stolz zu seinen Ahnen aufblicken kann < als wir Juden? Das ist unser Adelsbrief, unsere Legitimation. Solange wir alle uns eins fühlen mit unsern großen Ahnen, von Moses angefangen bis zu jenen, die auf den spanischen Scheiterhaufen verbiannten, solange wir darum beten, daß ein Fünkchen ihres Geistes in uns auflodern möge, so lange bleibt das jüdische Volk lebendig. Als zweites gehört dazu, um eine Kultur und ein Volk zu konstituieren, eine gemeinschaftliche große Literatur. Wenn diese die Liebe verkündet, wenn sie den einzelnen begleitet von der Wiege bis zum Grabe, wenn sie die Seele der Gemeinschaft geworden ist, dann ist ihre Trägerin ein Volk. Zu einem Volke gehört auch eine gemeinsame Sprache, in der die Literatur abgefaßt ist, und es ist gleichbedeutend, ob viele oder wenige diese Sprache pflegen. Dies alles sind Elemente, die im wesentlichen die Vergangenheitsmomente darstellen. Das einzige gemeinsame große gegenwärtige Interesse kann nur in der Erhaltung und Förderung des Volkes kulminieren. Der Rektor der Wiener Universität, ein Rechtslehrer, hat sich auch als Führer im Rechte erwiesen. Er hat gesagt, daß nur die Aligemeinheit bestehen könne, wenn einzelne Teile bestehen. Er hat uns verkündet, daß in Österreich mit seinen vielen Völkern und Nationen jede Gemeinschaft, die den Willen zum Volkstum hat, auch die Möglichkeit haben muß, diesen Willen zum Ausdruck zu bringen. Was aus diesem Munde verkündet wurde, dieses Recht der Nationen auf Existenz, das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, hat uns die Zuversicht gegeben, daß die Zeiten vorbei sind, da man glaubte, mit Polizeigewalt Nationen abschaffen zu können. Das jüdische Volk hat bestanden, trotz aller Ministerien. Was wir dem Rektor sagen können, ist Dank. Es hat bei uns wiedergeklungen, wir geloben es, wir wollen mitarbeiten, daß es zur Wahrheit werde. (Stürmischer Beifall.) Nach einer wirkungsvollen Rede des Obmannes des Jüdischen Nationalvereins Dr. Jakob Ehrlich wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher dem Rektor Hof rat Dr. Bernatzik der Dank und Zustimmung ausgesprochen wird. Es wird an den Rektor die Bitte gerichtet, die Gleichstellung der jüdischen Nation in der Studentenschaft mit den andern Nationen tatkräftig zu fördern nnd sich dafür einzusetzen, daß an der Reichsuniversität der Sprache und Geschichte unserer Väter ein selbständiger Platz eingeräumt werde. Diese Resolution wurde tags darauf dem Rektor von einer Studentendeputation überreicht. Der Rektor nahm sie mit Befriedigung entgegen und erklärte „Ich fühle mich durch Ihre Kundgebung sehr geehrt und freue mich um so mehr darüber, weil ich wegen meiner Inaugurationsrede mannigfachen Angriffen ausgesetzt bin. Ich habe meinen in der Inaugurationsrede dargelegten Standpunkt schon vor einem anderen Forum vertreten, als es sich um die Anerkennung der jüdischen Kurie für die Landesvertretung in der Bukowina und um die Entscheidung des Reichsgerichtes bezüglich der Geltung der jüdischen Sprache handelte. Ihre Forderung auf Errichtung einer selbständigen Lehrkanzel für jüdische Geschichte und hebräische Sprache werde ich nach Tunlichkeit vor dem akademischen Senat und den Unterrichtsbehörden unterstützen," In der sich ergebenden Diskussion bemerkte der Rektor, daß den Bestrebungen der Jüdischnationalen ein wichtiger Faktor, die Wiener Tagespresse, fehle. B ezüglich derSchaffungvonjüdischenKurien ironisierte der Rektor die Ansicht der Assimilanten, daß man die Juden dadurch in das Ghetto zurückführen wolle, und wegen seines Verhaltens in dieser Frage halte man ihn für einen Antisemiten. Auf die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft nach Aufnahme ihres nationalen Bekenntnisses in die offizielle Statistik erklärte er, daß er sich schon seinerzeit als Mitglied des akademischen Senats hierfür eingesetzt habe. Doch scheiterte es an dem Widerstande! der Regierung. Der Rektor versprach schließlich auch bezüglich anderer Angelegenheiten den jüdischen Studenten seine Unterstützung.