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Die Welt · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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der zunehmenden Einwanderung von Juden in das Land der Väter zu immer größerer Ungerechtigkeit führen. Denn aus Ländern wie Deutschland, wo es den Juden materiell gut geht, kamen wenige Zuwanderer, während aus den russischen Provinzen, wo das Elend zu Hause ist, und aus dem Orient die Massen der Einwanderer hereinströmten. Anderseits konnten diese Länder weniger Chalukahgelder im Verhältnis aufbringen als die Länder, aus denen nur wenige Einwanderer stammten. So gaben die großen Kolelim natürlich ganz geringe Gaben, während die verhältnismäßig kleinsten Kolelim Hod und Ungarn die größten Summen an Armengeldern verteilten. Die ganz besondern Mißstände beim deutsch-holländischen Kolel veranlaßten Heinrich Loewe, seit nahezu zwanzig Jahren dauernd Anklagen gegen die ungerechte Verwaltung zu erheben, und bei einer Berliner Versammlung zugunsten der deutschholländischen Chalukah erklärte Dr. Eduard Biberfeld, daß er sein Interesse für die Chalukah nicht bloß negativ diesen immer wiederholten Angriffen verdanke, sondern daß die nunmehr in Angriff genommene neueste Reform der Chalukahverteilung ausschließlich durch diese Angriffe hervorgerufen worden ist. Die stete Kritik hat hier also gute Früchte getragen. Eb' bleibt zwar abzuwarten, ob der eingeschlagene Weg weiter betreten wird. Dieser Weg, der neben der Pflege des Studiums der Thora und des Talmuds auch dazu führen soll, die zwangsweise Zuführung zum Talmudstudium ungeeigneter Elemente aufhören zu lassen und diesen dafür den Weg zu einem produktiven Erwerb zu schaffen, ist sicher der richtige. Denn man kann nicht mit einem Male ein System abschaffen, das seit einem Jahrhunderfc die wirtschaftliche, wenn auch durchaus faule Grundlage der Bevölkerung bildete. Aber weder ist es eine Entschuldigung, daß in der Tat die christliche Chalukah in Jerusalem die jüdische um das Vielfache übertrifft, noch liegt irgendein Grund dafür vor, den ungarischen und aus Deutschland stammenden Juden größere Summen alljährlich zu geben, während man den wirklich entsetzlich armen Juden aus Eußland und gar den hungernden und bettelarmen marokkanischen, jemenitischen und sonstigen orientalischen Juden die geringsten Gaben und vor allem die Mittel, sich aus dieser entsetzlichen Armut zu befreien, dauernd vorenthält. Die kleine Reform der deutsch-holländischen Chalukah ' ist als erste Abschlagszahlung durchaus willkommen und zu begrüßen, und es wäre wünschenswert, wenn die Abrechnungen der Pekidim und Amarkalim mit Namen und Daten regelmäßig der Öffentlichkeit ausführlieh vorgelegt würden, weil nur so eine Kontrolle durch die Öffentlichkeit möglich ist. Aber diese Reform, die sich, wie es scheint, gegen die dagegen ausgebrochene Revolution der?? Deutsch-israelitischen Gemeinde in Jerusalem<( durchzusetzen in der Lage war, ist erst am Anfang ihrer wünschenswerten Entwicklung, und dann muß sie vor allem auch auf die übrigen Kolelim ausgedehnt werden. Weil vielfach das Geld nach dem höhern Maße der Frömmigkeit verteilt wird, ist in Jerusalem, Safed und Tiberias eine geistige Stickluft entstanden, die allein durch eine gerechte und öffentlich völlig frei kontrollierte Verteilung und Verwendung der Chalukahgelder gereinigt werden kann. Die zwei bis drei Millionen Franken, die alljährlich zur Verteilung kommen, können nutzbringender verwendet werden, wenn sie wirklich für Talmudstudium und zugleich für die wirtschaftliche Selbständigmachung der jüdischen Bevölkerung benutzt werden. Denn es handelt sich uns keineswegs um das Bannen und Verbannen des überlieferten Talmudstudiums aus den palästinensischen Städten, sondern vor allem um die Nutzbarmachung der jetzt zum überwiegenden Teile schädlichen großen Kapitalien, die wahre Frömmigkeit und echte Pietät alljährlich für das Land Israel und seine jüdische Bevölkerung spenden. Di< Chalukah ist das beste Zeichen, wie tief eingewurzelt die alte Anhänglichkeit und die innige Liebe unseres Volkes z; seinem angestammten Lande ist. Aber diese Liebe komm in der heutigen Form dem Lande nicht ungemischt zugute, sondern schadet ebensoviel oder mehr, als sie nützt. Das Grundübel aber ist die Verteilung der Armengelde nach „NationenWir haben doch wahrlich genug in allei Ländern durch unsere Zerstreuung und unsere Spaltung ir Landsmannschaften gelitten, als daß wir diese schlimmst Frucht des r\b$ in das Land, der Väter hätten mitnehme] sollen. Zugleich würde eine allgemeine Verwaltung de Chalukah ohne Rücksicht auf die Länder, aus denen si* kommt und ohne Rücksicht vor allem auf die Landes Zugehörigkeit der Juden, für •"..die sie bestimmt ist, alleii; imstande sein, die Mißbräuche aus der Verwaltung zu ent fernen. Erst damit würde die Chalukah aufhören, ein Gewaltmittel in den Händen von .Leuten zu sein, die durch ihre Feindseligkeit gegen alles moderne jüdische Wisseii und gegen jede jüdische Bestrebung, die hebräische Spracht wie die jüdische Kolonisation, dazu beitragen, daß in dei heranwachsenden Jugend der heiligen Städte der jüdisch* Geist untergraben wird. Dieser Vorschlag stammt nicht erst aus den jüngsten Jahren, sondern lag bereits in allen jenen Kritiken und wiederholten Angriffen vor, die zu der Reform der deutsch-holländischen Chalukah geführt haben Faßt man das Urteil über die Chalukah zusammen, sc muß man dieser einzigartigen Institution, die von der Pietät und Opferfreudigkeit der Armen und Ärmsten unseres Stammes ein gewaltiges und großartiges Zeugnis ablegt die höchste Anerkennung zuteil werden lassen. Sie zeigt zugleich die hohe nationale Bedeutung des Mannes, der si< zuerst für die Wiederbesiedlung des Landes dienstbar machte, jener Elijjahu Gaon, der auch sonst in vieler Hinsicht ein Vorläufer der" zionistischen Erneuerung des Juden tums gewesen ist. Sie ist eine gewaltige Kraftanstrengun^ unserer Massen, die freiwillig Steuern aufbringen, von denei sie persönlich keinerlei Vorteile haben, also ein Beweis de allergrößten Idealismus eines Volkes, dem man die ideal Begeisterungsfähigkeit so gern absprechen möchte. Sizeigt aber auch, daß das Unglück der jüdischen Nation hier wie so vielfach der Mangel an jeglicher Organisation ist Es gilt allmählich — nicht auf einmal und nicht nV: Gewalt — die Mittel der Chalukah so zu verwenden, da \ sie dem Judentum und den Juden geistig und wirtschaftlic \ zugute kommen, damit die Bevölkerung der palästinensische i Städte, die man heute noch vielfach besser in Abzug bring- , wenn man die Juden des Landes Israel zählen will, ei -i positives Element werde, das seiner hohen Begabung, sein« i ihm innewohnenden Kraft und seinem sittlichen Kern er? sprechend dem Ideale des Gaon nahekommt, die jüdiscl 1 Bevölkerung des heiligen Landes zu mehren und nicht mindern. Zu diesem Zwecke mangelt es vor allem an eini's allgemeinen, von Landsmannschaften losgelösten und offeni lieh kontrollierten Verwaltung, die zugleich ehrlich, wohlwollend und jüdisch sein muß. Vom jüdischen Kampf in Österreich Kultuswahlaktion der Wiener Zionisten Am Sonntag den 27. November finden in Wien die Wahlen für den Vorstand der Kultusgemeinde statt. Es gelangen 11 Mandate (darunter das durch den Tod Oskar Marmoreks erledigte) zur Besetzung. Unsere Wiener Gesinnungsgenossen haben die Wahlkampagne

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