Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316451--53993-3347788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
den Wagen Israels, um so wenigstens die ersten Grundsteine nach dem Lande Kenann zu bringen, damit in dem seit Jahrhunderten entvölkerten und besonders von Juden völlig verlassenen Lande eine, wenn auch kleine und arme, judische Bevölkerung sich sässig machen könnte. So rief er die jetzige Form der Chalukah ins Leben, die dazu bestimmt war, in Jerusalem und den andern heiligen Orten des gelobten Landes Juden durch fromme und milde Gaben der Juden aller Llinder zu erhalten. Er sah hierin eine Ehrenpflicht der Juden in den Ländern des und statuierte einen Anspruch der nach Jerusalem übersiedelnden Juden auf die Gaben der im Auslande zurückbleibenden Stammesbrüder. Daß diese Leute fromm und gottesfürchtig, dem Gesetze gemäß leben und die talmudische Gelehrsamkeit pflegen würden, brauchte gar nicht hervorgehoben zu werden. Das war bis zum Ausbruch der jüdischen Geistesrevolution bei den deutschen Juden im ganzen Judentum selbstverständlich. Ebenso natürlich ist es, daß die Chassidim zeitlich die letzten waren, die sich an dieser Neusiedlung beteiligten. Denn sie standen nicht bloß im Gegensatze gerade zu Elijja.hu Gaon und seinen Schülern, von denen hei den aschkenasischen Jaden diese Bewegung ausging, sondern ihre ganze Anschauung war, solange sie sich nicht, wie später, mit dem Talmudismus geeinigt hatten, der Idee unwillkürlich schroff entgegengesetzt. Wie man nun auch heute über die Mißbräuehe denken mag, die bei jeder auf Wohltätigkeit beruhenden Bewegung von selbst entstehen müssen, besonders wenn grundsätzlich die ganze Bevölkerung auf die Gaben anderer angewiesen ist, so muß man doch der Chalukah das hohe Lob zuerkennen, daß der vom Gaon und seinem großen Schüler, dem Kabbi Chajjim in Woloshin, ausgehende Gedanke es gewesen ist, der zuerst europäische Juden in größerer Zahl nach den alten Stätten jüdischer Herrlichkeit geführt hat. So entstand jene jüdische Bevölkerung in den heiligen Städten Jerusalem, Hebron, Tiberias und Zefath, die wir im Gegensatz zur zionistischen Kolonisation, dem fcHnn als ]W> 2'W bezeichnen. Damit aber ist bereits dem Zionismus in seiner heutigen Form der Weg geebnet und Bahn gebrochen worden. Es wäre daher durchaus verfehlt, die hohe Bedeutung zu verkennen, die die vom Gaon und seinen Schülern inaugurierte Bewegung, eine talmudisch gelehrte Bevölkerung im Lande Israel zu schaffen, für die Neusiedlung des alten Volkes im ErblancLe der Väter hat. Vielmehr ist die Chalukah in der Form, die ihr der Gaon und seine Schüler gegeben haben, die gewaltigste Kraft gewesen, um einen Grundstock jüdischer Bevölkerung in Palästina zu schaffen, die der Zahl nach auch heute noch größer als die Kolonisation ist. Aber auch das Ein treten der Rabbiner Hirsch Kalischer und Elias Guttmacher für die moderne Kolonisation auf zionistischen Grundlagen geht unmittelbar auf das vom Gaon Elijjahu von gleichen Grundsätzen beherrschte Schaffen der Chalukah aus. Ereilich konnte es nicht ausbleiben, daß bei einem System, das auf unkontrollierter und unkontrollierbarer Wohltätigkeit beruhte, die Korruption sich früher oder später einstellen mußte. So ist es gar nicht wunderbar, daß die Geschichte der Chalukah trotz ihres so hoclüdealen Untergrundes eine einzige ununterbrochene Kette von Klagen und Beschwerden über ungerechte Verteilung, Unterschlagung und Unterdrückung der Armen geworden ist. Früher oder später mußten ja die Vertrauensleute, in deren Händen die Verteilung ruht, eine Macht bekommen, die sie nicht bloß zum Besten der Eeligion anwendeten. Die Vertrauensleute der Chalukah waren nicht nur in der Lage, materiell am besten für sich selber zu sorgen, sondern wenn sie sogar, wie das bei sehr vielen der Fall war und ist, lauter und unbestechlich waren, so wendeten sie doch, wenn auch vom besten und heiligsten Willen geleitet, diese ihre Machtstellung zur Unterdrückung jeder ihnen nicht genehmen Geistesrichtung an. Und da ihnen jede auch nur scheinbar.freie Geistesrichtung bei ihrer mehr als beschränkten Bildung als Abfall vom Judentum erschien, so war es kein Wunder, daß sie jedes Lernen, das nicht ausschließlich Talmud und talmudischcs Schrifttum betraf, als Hochverrat am Judentum mit dem Bann trafen, und was schlimmer wirkte, jedem, der seinen Kindern eine auch nur elementare Bildung beibringen wollte, den Ohalukahbrotkorb nicht bloß höher hängten, sondern dauernd völlig entzogen. Die Macht der Barbarei und Unwissenheit, der Fluch der Erwerbslosigkeit und der politischen Jammerhaftigkeit der Judenheit in Jerusalem und den andern palästinischen Städten geht fast ausschließlich auf die terroristische Herrschaft zurück, die die völlig im Mittelalter steckenden Vertrauensleute der Armengeld verteilung noch heute innehaben. Die geradezu schändliche Art, wie man erst kürzlich die Trauben der jüdischen Kolonien mit dem heiligen Boykott belegte, dagegen die von Nichtjuden gebauten Trauben für den Genuß freigab, lediglich, um der Feindschaft gegen die Juden in den Kolonien und gegen die Kolonisation überhaupt Ausdruck zu geben, ist nur ein Ausfluß der mittelalterlich-klerikalen Herrschaft, die sich auf der Armengeldverteilung aufbaut und vor allein auch jeden Versuch der gottesfürchtigen und strengtraditionell gesinnten Bevölkerung der heiligen Städte lahmlegt, sich durch Ansie dlung auf dem Lande zu einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz durchzuringen. Die Macht der Chalukahverwalter und insbesondere der lokalen Verwalter in Jerusalem und der andern heiligen Stätten wird um so begreiflicher, wenn man die Summen betrachtet, die alljährlich durch ihre Hände gehen und zum Teil auch in ihnen kleben bleiben. So betrug nach dem Rechenschaftsbericht des Kolel Galizia allein seine Einnahme im Jahre 1909 (5069) 315 179 Kronen, wovon 254 221 Kronen im laufenden Jahre und der verbleibende Überschuß in Höhe von rund 60 000 Kronen am folgenden Pessachfeste besonders zur Verteilung gelangten. Der reichste Kolel ist bei weitem der ungarische, der seine Mitglieder noch besser stellt als der Kolel Hod (Holland- Deutschland), dessen Mitglieder sich niemals zu beklagen hatten. Die für diesen Kolel in Amsterdam bestehende Verwaltung ist bereits aus einer der Reformen hervorgegangen, die durch entstehende Mißbräuche notwendig wurde, in diesem Falle besonders durch die großen Mittel, die das in Palästina noch heute beliebte System des Aussendens von □•»n^lc^Q mit sich brachte. Vor rund hundert Jahren wurde daher diese Verwaltung in Amsterdam ins Leben gerufen, indem Isaak Goedeinde, Hirsche! Lehren und Abrahem Prins es übernahmen, allein zu sammeln, unter der Bedingung, daß die Entsendung der cn^WQ aufhören sollte. Jedenfalls gelang es zum großen Teile, diese in allen Gemeinden wegen ihres Hebräischsprechens angestaunten Erez-Jisroel- Juden von nun ab fernzuhalten. Die Propaganda, die besonders Hirsch Lehren entfaltete, kam in hohem Maße der Chalukah zugute. Freilich mußte dann durch den Vertrag von 1834 (5610) dem trotz allem fortgesetzten Sendbotenwesen ein völliges Endegemacht werden. Diese Reform, wonach der größere Teil der in Holland und Deutschland mit Nebenländern zusammenkommenden Chalukahgelder den aus diesen Landern stammenden Juden zufallen sollte, war in der Zeit, wo sie geschaffen wurde, durchaus gerecht und ein großer, sehr dankenswerter Fortschritt. Aber das ihr zugrunde liegend« Prinzip, wonach die Gelder an die Juden verteilt werden sollten, die den Ländern und Provinzen entstammten, in denen die Summen gesammelt waren, war nicht bloß ein Quell der Ungerechtigkeit und der willkürlichen Trennung unseres ohnehin gespaltenen Volkes, sondern mußte mit 2*