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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Brief aus Konstantinopel (Von unserm. Berichterstatter) Die Konstantinopeler Oemeindewahlen Der Widerspruch der jüdischen Bevölkerung gegenüber den von der Wahlkommission des Großrabbinats vorgeschlagenen Wahlmodalitäten hat vergangene Woche große Dimensionen angenommen. Sämtliche Haschgachoth, die Einzelgemeinden von Hasköj. haben durch ihre offiziellen Vertreter einen gemeinsamen Protest an das Konsistorium und in die Presse gelangen lassen. Dieser richtet sich besonders gegen die Klausel, daß jeder Kandidat für den Mischlisch umumi sich auch zur Annahme des Amtes als Mitglied des Mischlisch dschismani verpflichten müsse, und gegen die, daß für einen Stadtteil Kandidaten aus einein andern Stadtteil nominiert werden dürfen. Die Vororte sehen in diesen beiden Bestimmungen Versuche, sie von einer Eigenvertretung durch ihre Quartierangehörigen möglichst auszuschließen und ihnen rNotabeln" des Stadtzentrums aufzudrängen, die ihnen nicht sympathisch sind. Auf diesen Protest hat der Berichterstatter der Wahlkommission einen Brief an die Presse gerichtet, in dem er die guten Absichten der Kommission beteuert und die bekanntgegebenen Wahlvorschläge als durchaus noch nicht feste und bindende bezeichnet. Man darf also erwarten, daß diese neuerdings im populären Sinne Umänderungen erfahren werden. Der ganze Vorgang ist ein Beweis, wie sehr man in den Massen der Gemeinde beginnt, an den Gesamtangetegenheiten teilzunehmen, und wie stark bereits die Macht' der öffentlichen Meinung geworden ist. Ehrungen für Ben Jehuda Am Sonntag, den 23. Oktober, fand in der Turnhalle des jüdischen Turnvereins zu Pera eine Veranstaltung zur Feier des Jubiläums von Ben Jehuda statt. Etwa hundert Personen waren erschienen. Der erste Referent des Abends, Dr. Auerbach, entwickelte in längern Ausführungen das Problem unserer nationalen* Sprache und feierte Ben Jehudas historische Bedeutung. Hierauf entrollte Redakteur Elmalech in spaniolischer Sprache ein packendes Lebensbild des großen Gelehrten, erzählte von seiner Jugend, seinen Kämpfen für sein Ideal und von den Verfolgungen, die er von den Fanatikern zu erleiden hatte, von dem Durchdringen seiner Ideen endlich und dem großen Werke, seinem Lexikon, dem er all seine Lebenskräfte widmet. Nach diesen Vorträgen wurde die Absendung einer Ehrungsdepesche einstimmig beschlossen. Im Vororte Hasköj feierte man den Jubilar am darauffolgenden' Dienstag. Hier war das Lokal der Gesellschaft „Bn6 Jisrael" von Hunderten von Zuhörern überfüllt. Die Veranstaltung wurde mit dem Gesänge der Hatikwah eröffnet. Alsdann zeichnete Herr Elmalech die Zustände in Palästina vor 25 Jahren und als Gegenstück dazu seine kulturelle Situation von heute, die in nicht geringem Maße als Erfolg der unermüdlichen Bemühungen Ben Jehudas aufzufassen sei. Herr Kretschmar, Redakteur des „Hamewasser", sprach Hebräisch. Er charakterisierte Elieser ben Jehuda als den Schöpfer der ersten jüdischen Familie, als Publizisten und Schriftsteller von Talent. Herr Ja kirn B eh ar David trug Verse vor, die dem Jubilar gewidmet waren. Zum Schlüsse machte Herr Elnekawe, der Herausgeber des ,-,Judio", den Vorschlag zur Gründung einer jüdischen Bibliothek, die den Namen Ben Jehudas tragen soll. Die Versammlung stimmte nicht nur begeistert zu, sondern eröffnete auch sofort eine Subskription, die in wenigen Minuten mehr als 250 Francs ergab. Eine dritte Ben Jehuda-Feier fand am 30. Oktober im Vororte Balat statt. Das Makkabifest in Balat Vergangene Woche ist die Balater Sektion des jüdischen Turnvereins . zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten. Die gezeigten Darbietungen erschienen in Anbetracht der erst drei Monate währenden Arbeit eine hervorragende, geradezu unglaubliche Leistung. Sie ist dem feurigen Temperament und der unerschütterlichen Energie des Vizepräsidenten des Makkabi, Herrn Heinrich Abraham, zuzuschreiben, der es verstanden hat, einer jungen, eben erst zusammengerafften, bis dahin völlig disziplinlosen und an ausdauernde körperliche Arbeit, nicht gewöhnten Jungmannnschaft seine Seele einzuhauchen, wie ein Redner dieser Jugend so schön sagte, und wahre Wunder mit ihr zu vollbringen. Schöne Stab-, Ringer- und Barren Übungen, sowie im Dunkeln vorgeführte Marmorgruppen erfreuten das Auge. Chorvorträge hebräischer Lieder bezeugten die Fortschritte der Sektion auch in nationaler Beziehung. HerrBehar, der Vorsitzende des Zweigvereins, setzte in gründlicher und packender Weise die Ziele des Makkabi auseinander, und ein anderer Turner wandte sich in herzgewinnender, poetisch schließender Ansprache an die Eltern. Schließlich hielt Herr Heinrich Abraham selbst eine groß angelegteren nationaler Leidenschaft durchglüht* Rede, in der er ausführte, daß hier nicht bloß Turner, sonder: zugleich jüdische Männer erzogen würden, die fähig gemach werden sollen, dereinst die Geschicke der Konstantinopeler Gemeinde in ihre Hände zu nehmen. Überaus scharf rechnete er mit aller denen ab, die sich der nationalen Arbeit des Makkabi mit kleinliche Feindschaft in den Weg stellen, insbesondere mit der Alliance, die jüdischen jungen Leuten, noch dazu Ehemaligen ihrer Anstalten die Schullokale und Turnhallen verschließt, weil sie national gesinn sind. Der Widerstand werde aber nichts nützen. Man werde vor wärtsschreiten und sich dazu rüsten, dereinst das ganze jüdische Schulwerk der Stadt unter eignen Einfluß zu nehmen. Die Rede fand rauschenden Beifall. Zum Schluße wurde von Dilettanten ein jüdischer Einaktei unseres Gesinnungsgenossen Maurice Cohen gespielt. Tanz beschloß das schöne Fest. Mohammedanische Seelenfängerei in Mazedonien Die Entführungen junger Jüdinnen in der Absicht, sie zum Islam zu bekehren, mehren sich. Kürzlich wurde wieder, und zwar in Serres ein junges Mädchen namens Sarah Levi aus seiner Wohnung geraubt, um zu dem mohammedanischen Glauben bekehrt zu werden. Ein gleicher Fall wird aus einem Dorfe bei Smyrna berichtet. Kommandeur Primo Levi Kommandeur Primo Levi, der italienische Generalkonsul in Saloniki, wurde zum Leiter des Handelsdepartements im Auswärtigen Amte in JRom ernannt. Während seines hiesigen Aufenthaltes hat sich Herr Levi besonders um die Ausbreitung italienischen Einflusses in Saloniki bemüht. Um jüdische Ange legenheiten hat er sich nicht gekümmert. Palästina Bodenkauf an der ägyptisch-syrischen Grenze Eine Gruppe von jüdischen Kapitalisten steht seit einiger Zeit in Kaufverhandlungen wegen eines größern Bodenkomplexes im ägyptischen Grenzdistrikte in der Umgebung der ägyptisch-syrischen Grenzstation Rapha. Dieser Kauf ist von einem englischen Beamten seit einigen Jahren wiederholt vorgeschlagen worden. Das Land ist von Gaza mittels Wagen in etwa vier Stunden zu erreichen. Das nächste größere Dorf auf türkischem Gebiete, auf dem Wege von Rapha nach Gaza, ist Chan Junis, etwa l1/« Stunden von Rapha entfernt, wo ein größerer Militärposten stationiert ist und ein Mudir seinen Sitz hat. Das angebotene Land gehört verschiedenen Beduinenstämtnen, welche primitiven Ackerbau betreiben. Administrativ untersteht dieses Gebiet dem ägyptischen Gouverneur, welcher in der etwa acht Stunden entfernten Stadt El Arisch seinen Sitz hat. Der Hauptvorzug des Landes besteht darin, daß es unter englisch-ägyptischer Herrschaft steht, welche die kulturell-wirtschaftliche hohe Bedeutung einer jüdischen Ansiedlung in dieser jetzt fast wüsten Gegend voll einzuschätzen versteht und sie daher energisch zu fördern bereit sein wird. Dagegen ist der Boden ein sandiger und von ganz minderwertiger Qualität. Von allen Körnerfrüchten kann hier wahrscheinlich nur die Gerste dürftig gedeihen. Von trockenen Pflanzungen kann allenfalls wahrscheinlich die Mandelkultur in Frage kommen, wohl auch Weintrauben, die jedoch der schlechten Kommunikationsverhältnisse wegen fürjJange Zeit hinaus kaum rentabel sein können. Zwar fliegt Rapha nur -etwa 5 km vom Meere entfernt; der Weg zum Strande führt aber durch hohe Dünen, welche nur für Kamele passierbar sind. Die See soll an dieser Stelle selbst im Sommer sehr bewegt sein, so daß ein Segelverkehr für den Transport nach Ägypten für Weintrauben und andere Früchte, die einem schnellen Verderben ausgesetzt sind, kaum in Frage kommt. Die Niederschiagsverhältnisse sind ziemlich ungünstig, infolgedessen Mißernten recht häufig vorkommen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände könnte das Gebiet um Rapha, insbesondere wenn einmal die projektierte Bahn von Gaza nach Port-Said gebaut und auch die sonstigen Verkehrsverhältnisse sich gebessert haben, als ein zur Anlage von Pflanzungen geeignetes Terrain sich erweisen. Für Kapitalisten, welchen es die Vermögensverhältnisse gestatten, größere Beträge anzulegen, ohne auf ihre Verzinsung angewiesen zu sein, kann dieser Kauf als nicht ungünstiges, wenn auch riskantes Spekulationsobjekt gelten. Aber unter keinen Umständen dürfen Leute, welche in absehbarer Zeit sich ansiedeln oder von ihren Anlagen Nutzen ziehen wollen, ihr Geld im Kaufe dieses Bodens investieren. Vielmehr müssen solche

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