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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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der Wahl heramdrückten. Denn der größere Teil der gewählten Konservativen ist keineswegs konservativ oder überhaupt etwas anderes als die bisherigen Liberalen und der Name der „Schinkenorthodoxie", der ihnen bereits vor fünfzig Jahren zuteil wurde, ist heute noch immer zutreffend. Aber es bahnt sich allmählich ein anderer Geist doch die Bahn. Die jüdische Jug nd, die, auch soweit sie nicht zionistisch ist, in ihrem jüdischen Gewissen vom Zionismus und den Zionisten aufgerüttelt ist, begnügt sich nicht mehr mit den Redensarten der liberalen Phrasenhelden und verlangt jüdischen Inhalt für ihr Gemüt. Die sich jetzt überall zeigende Vorliebe für die jüdische Stammesgeschichte, der früher immer unbekannte Eifer für die Pflege des Hebräischen, der erfreulich und sehr groß ist, zeigt den sich fälschlich „liberal" nennenden Sonntagsreformern, daß die künftige Generation nicht mehr daran denkt, sich vom liberalen Geldsack nach Börseninteressen und Börsenanschauungen gängeln und diejüdiscbe Gemeinde regieren zu lassen. Die Reform-Liberalen wittern Morgenluft und kämpfen mit scharfen'und vergifteten Waffen gegen den neuen aufkeimenden jüdischen Jugendgeist. Jetzt sind wir mitten im Gemeindewahlkampf. Seit vier Wochen weiß man kaum noch, in welche Versammlung man gehen soll. Und jede ist interessant wegen der dort ausgefochtenen Kämpfe, wenn wir es auch nicht für würdig oder interessant finden, daß Liberale in ihrer letzten Versammlung am Montag Abend versuchten zum Faustkampf überzugehen. Aber ihr Liberalismus ist ja nur „Sonntags liberalismus." Was unser Korrespondent bereits vor Wochen in der „Welt" voraussägte, ist eingetroffen. Obgleich die zionistische Organisation sich in jeder Weise von den Gemeindewahlen fern hält, haben die Liberalen es in ihrer törichten Furcht vor dem Zionismus doch zustande gebracht, daß in jeder Versammlung nur über den Zionismus diskutiert wird, und daß auch infolgedessen die Namen Klee, Zwirn, Heinrich Loewe undWitkowsky fast zum Repertoire jeder liberalen, konservativen oder mittelparteilichen Versammlung gehören. Die Tendenz der Reformer, speziell die zionistischen Mitglieder der demokra tischen Wahlvereinigungstetöhervorzulocken, ist zwar im Augenblick in ihrem Sinne ein sehr schlaues Wahlmanöver, um nämlich ihrem äußerlich und innerlich unwahren Kampfruf „Gegen Orthodoxe und Zionisten" einen Schein der Berechtigung zu verleihen, aber sie erreichen damit, daß grade die zionistische Propaganda auf ein breites Feld gestellt wird und sie rufen den Eindruck hervor, daß auf der andern Seite wirklich nur die Zionisten und allenfalls ihre Mitläufer stehen. Freilich Reden, - die von aufrichtiger Liebe zum Judentum zeugen, die begeistert und begeisternd einen freudigen Widerhall erwecken, hört man nur von den zionistischen Rednern, unter denen die vier Dr. Klee, Loewe, Witkowsky und Zwirn am meisten hervortreten. Direkt erheiternd wirkt es dabei, wenn die von den Liberalen in die gegnerischen Versammlungen vorgeschickten Herren Ab r a h am und G eb a 11 e in den großen konservativen Volksversammlungen, in denen man ihnen im Gegensatz zur sonntagsliberalen Praxis mehr als reichliche und unbeschränkte Redefreiheit zugesteht, gezwungen sind, wider ihren Willen ein Loblied auf den Zionismus, den sie bekämpfen, zu singen. Denn nicht anders wirkt eine Bekämpfung, die zugeben muß, daß, was in der Jugend überhaupt an Judentum ist, ob in den Studentenvereinen, der Kaiifinannschaft, der Turnerscbaft oder den Jugendorganisationen, lediglich dem Zionismus und den Zionisten die Entstehung vrdankt. Diese widerwillige Anerkennung, die einen Angriff darstellen soll, beweist mehr als allzionistischen Part»*ischritte es vermöchten, wie tief und nachhaltig die junge zionistische Begeisterung in die Herzen der Jugend gedrungen ist. Wie es also vorausgesehen wurde, haben die Liberalen d<m Zionismus gegen seinen Willen auf den Plan gerufen und sie werden ihn nicht mehr los. Mag drum der Wahlkampf enden wie er wolle, mag der Ausfall der Wahl sein, welcher auch immer, d<a* Zionismus geht ganz außerordentlich gestärkt und reicher an Ansehen und Anhängern aus ihm b er vor. Der bisherige Schlendrian in der Gemeinde wird ein klein wenig sogar dann gemildert werden, wenn die Reform-Liberalen siegen sollten, denn sie sehen, daß sie nurdurch kleine Zugeständnisse an das Judentum und an den von ihnen mit Recht gefürchteten •demokratischen Geist es erreichen können, daß sie nicht endlich vom Unwillen der Gemeinde aus der Verwaltung fortgefegt werden. Die- Unduldsamkeit, die einen sonntagsliberalen Schulmeister in einer Versammlung sich rühmen ließ, daß er einen Rabbiner zur Raison gebracht habe, der es gewagt habe, in der Szukkah beim Worte „Jerusalem" einen andächtigen Blick nach oben zuwerfen, die jeden „Fromer' anstellt uud keinem Zionisten in der Gemeinde ein bezahltes oder ein Ehrenamt zuteil werden lassen will, dieser Talmi]>arriotismus und törichte Pseudonationalismus werden der Gemeindemehrheit,die weders onn tagsliberal noch reformgenossenschaftlich ist, allmählich unangenehm. Die demokratische jüdische s Wahlvereinigung, zu der auch die genannten Zionisten gehören, hat alle Hoffnung und glaubt zuversichtlich, den Sieg zu erringen. Aber vvi« auch die Wahl ausfällt, der Kampf für sie bedeutet in weiten Kreisen einen Sieg des Judeut.ims in der Richtung zum Zionismus. Das ist der Erfolg der sonn tags liberalen Vorstöße! Ham-mabbit. f□□□□□□ o -o FEUILLETON <> □□□□□□ P- ) Weshalb der Messias nicht kommen kann Eine unglaubwürdige Geschichte von Dr. Max Steif Ganz am Ende der Welt, so ungefähr in der Nähe des Paradieses, erhebt sich ein eigentümliches, langgestrecktes Gebäude von mächtigem Umfange, trotzdem es nur zwei Lebewesen bewohnen, nämlich der Esel, auf dem dereinst der Messias seinen Einzug unter die Menschen halten soll, und der Leviathan. jenes merkwürdige Fischungeheuer, das da*u bestimmt ist, zur Zeit der Auferstehung als ausgesuchter Leckerbissen auf die Riesentafel gesetzt zu werden, an welcher unter Vorsitz des lieben Gottes sämtliche Frommen und Gerechten der Erde werden teilnehmen können. — Einstweilen] .doch leben jene beiden in friedlicher Nachbarschaft, nur durch eine Zwischenwand von einander getrennt, in einem, seiner gewaltigen Länge entsprechenden Wasserbassin führt der Leviathan sein beschauliches Dasein, während in. einem kleinen Nebenraume der Messiasesel still zufrieden vor seiner gefüllten Krippe steht, zumeist in wohligen Halbschlummer versunken. Die Länge der Zeit — es sind schon einige tausend Jahre her — hat beide zu guten Freunden werden lassen, und obwohl sie längst ihre beiderseitige Lebensgeschichte kennen, suchen sie dennoch, so gut es eben geht, derselben immer neue Seiten abzugewinnen, um nur dieses ihr ewiges Alleinsein einigermaßen erträglicher zu gestalten. — Freilich, wenn es vom Esel allein abhinge, würde der Fluß ihrer Unterhaltung nicht sonderlich ergiebig sein. Denn er verleugnet seine Natur auch als Messiasesei nicht, und ihm ist diese stets gleichbleibende, durch nichts gestörte Ruhe gerade recht und behaglich. Ganz im Gegensatz zu seinem Wand-, nachbar, dem Leviathan der nicht nur das ständige Bedürfnis hat, seinen im Wasser starr gewordenen Gliedern zeitweilig ihre ursprüngliche Gelenkigkeit wiederzugeben, sondern der auch von einem unstillbaren Drange beseelt ist, alles, was so sein Innerstes bewegt, an den Mann zu bringen. — Wieder war es also der Leviathan, der nach einer Zeit ihm endlos dünkenden Schweigens seinen nachbarlichen Freund aus seinem dumpfen Dahindämmern wachrüttelte mit einer von ihm schon wiederholt berührten Frage: „Wie lange wohlwirbeidehier noch eingesperrt leben müssen? — Scheint es dir nicht auch schon eine ganze Ewigkeit herzu sein?" Nebenan bleibt es still. „Hörst du, was ich dich frage? — Nein, er hört nicht, er schläft schon wieder! — Was doch diese Esel für sonderbare Tiere sind! — Ich sehe schon, meine ganze Lungenkraft reicht nicht hin, um solchen Schläfer zu wecken, aber ich will es doch nochmals versuchen. — Freund Langohr, so hör' doch und gib einmal Antwort auf meine Frage!" „laaa — a — a — a!" tönt es endlich schläfrig zurück. „Schön, daß du nur ein Lebenszeichen von dir gibst! — Aufrichtig gestanden, kann ich es wirklich nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgefühl im Leibe haben kann, als Messiasesel sich nicht von den übrigen seiner Gattung unterscheiden zu wollen. Bist du denn sogar nicht stolz auf deine höhere Bestimmung? Fühlst

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