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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE% ELT 1193 No. 45 Medanos; ihre nächsten jüdischen Nachbarn wohnten für sie nicht mehr in Rosario oder Santa Fe, oder in Lamas de Samora, — sie waren bei ihnen, mit ihnen, mit dem ganzen Judentum, an das sie sich mit einemmal wieder fest und warm anschlössen. Wie sich das Kind in den Arm der Mutter schmiegt. Das Leben hatte ihnen bisher nichts Angenehmes gebracht. Aus Rußland, dem Stiefmutterhaus, hatte sie Haß und Angst fortgetrieben weit, weit übers Meer in ein fremdes: ungastliches Land. Die Administratoren der Ica, die feindliche Regierung, die neuen Mitbürger, wie Kreolen, Mestizen, Indianer, hatten ihnen das Leben oft genug sauer gemacht. Entfernte, verdürstende Äderchen schienen sie zu sein von dem großen, aber eingeengten, über harten Fels mühsam schleichenden Strom. Und mit einemmäl waren sie wieder mit' ihm vereinigt, hörten sein Rauschen. „Bruder, nimm die Brüder mit!" Und sie bildeten mit den Schicksalsgenossen von Quertracha, von Gilbert, Cresfa, Louisenville, Ordinarien, von Santa Fe, von Rosario, Estacien, Buenos Ayres die argentinische zionistische Föderation, schlössen sich an die jüdischnationale Weltorganisation an. Der Zionismus hat aus dem Judentum wieder das Volk mit dem eisernen Rückgrat gemacht. Die Juden von Medanos nahmen sich eines Tages die jüdische Flagge. Und das kam so: Eine nahegelegene italienische Kolonie feierte am 20. September den Jahrestag der Einigung Italiens. Das Festkomitee lud alle Nachbarn zusammen und sandte jeder Nationalität ihre Fahne zu. Nach Medanos schickte man eine russische Fahne. Die wurde nicht angenommen. Hier wohnten keine Russen, sagte Moses Balter, an den die Fahne kam, sondern Juden, die eine jüdische, die blauweiße Fahne hätten. Die Ortspolizei aber wollte eine jüdische Fahne nicht gestatten. Die jüdischen Bauern aber ließen sich von dem Ortsgewaltigen nicht imponieren, und die Polizei mußte auf Verlangen der Herren Abedman und Epstein bei dem Polizeidepartement in La Plata telegraphisch Instruktionen einholen, Sie erhielt die telegraphische Antwort: „Die'zionistische Fahne ist die jüdische. Sie ist zu erlauben." Am Festtag zog denn auch das jüdische Banderium von Medanos mit seiner blauweißen Fahne auf der Placa* des italienischen Ortes auf. Die Musikkapelle, die die Hymnen aller geladenen Nationen vortrug, empfing sie mit der „Hatikwah". Die christliche Bevölkerung begrüßte enthusiastisch die jüdische Fahne. Herr Epstein überbrachte in einer Rede die Glückwünsche der jüdischen Kolonie. Die Italiener erklärten sodann, sie seien stolz darauf, daß bei ihrem nationalen Fest die alte Fahne Israels geweht habe. Wie hat doch einmal Theodor Herzl so schön gesagt: „Ich weiß es nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zit andern Menschen machen -wird. Wir gewinnen unsere verlorene, innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bißchen Charakter, und zwar unsern eigenen Charakter. Keinen marranischeji, erborgten, unwahren, sondern unsern eigenen." Wir freuen uns unserer mannhaften stammesstolzen Brüder von Medanos. Sie sind Zeugen für die wundervolle, die Seelen stärkende Macht des Zionismus, der die Kinder wieder ins Vaterhaus zurückführt, der die einstmaligen Schutzjuden und Kammerknechte zu freien aufrechten Männern selbstbewußten Bekenntnisses erzogen hat. Der Zionismus ist ja nichts Neues im jüdischen Leben. Er ist der Felsen, auf den Moses geschlagen hat, der-unerschöpfliche Born, aus dem sich das jüdische Volk seine ewige Jugend holt. Wie anders wirkt doch dies Zeichen des Zionismus auf das Judentum, wenn man ihm die Früchte der Tätigkeit anderer Körperschaften vergleichend entgegenstellt, wenn man z. B. von den armen marokkanischen Juden hört, die die Alliance nach Iquitos in Peru verpflanzt hat. Die Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der A. I. U. erzählen über das Leben dieser unschuldigen Opfer der Assimilationspolitik: „Sie führen ein arbeits- und entsagungsvolles Leben, das keine Erholung und keine Ruhe kennt. Von unsern Festen kennen sie nur den Jomkippur. An diesem Tag sind die Häfen voller Kähne, ist der Fluß verlassen. Die meisten gesellen sich zu eingeborenen Frauen und haben prächtige Kinder. Das einzige Band, das sie umschlingt, ist eine von ihnen geschaffene Wohltätigkeitsgesellschaft zur Unterstützung der neu Angekommenen in Fällen von Krankheit, die Erinnerung an die ferne Heimat und ihreToten. Iquitos hat einen großen jüdischen Friedhof, auf dem sich bereits an 30 Gräber befinden — alles junge Leute, die das Fieber getötet hat. Diese Toten, man kann es ohne Übertreibung sagen, sind in ihrer Art Märtyrer der Zivilisation. Unsere Glaubensgenossen sind bei den Indianern sehr beliebt, von den Peruanern werden sie natürlich mit Eifersucht betrachtet. „Ich ziehe den Juden dem Europäer und dem Chinesen vor," sagt der Indianer. Haben unsere Glaubensgenossen ein kleines Vermögen erworben, so kehren sie in ihr Geburtsland zurück. Nur wenige haben sich dauernd im Land niedergelassen. In Marokko verheiraten sie sich, gründen eine neue Familie, ohne die in Iquitos zu vergessen, und führen das friedliche Leben kleiner Kaufleute oder Rentner. Einige lassen sich in den großen Städten Spaniens, Frankreichs oder Englands nieder. In Lissabon gibt es eine stattliche Gemeinde ehemaliger Emigranten von Peru und Brasilien. Ich muß noch einmal betonen, daß alle Glaubensgenossen, denen ich in Iquitos begegnet bin, ehemalige Allianceschüler sind." Was ist also das Schicksal dieser Juden: Dem Judentum werden sie entfremdet, vom Fieber aufgerieben, durch die Ehen mit Indianerinnen depraviert! Die Juden von Iquitos hält der Totenkultus zusammen. Die Juden von Medanos aber die Hoffnung und die freudige Mitarbeit an dem Freiwerden und Aufstreben ihres lebendigen altneuen Volkes. Der Zionismus wird auch die Opfer von Iquitos befreien. Allen Kindern des jüdischen Stammes Erlösung zu bringen, alle versprengten Teile der Nation zu sammeln und gleichem Ziel zuzuführen, ist seine schönste Pflicht. Berliner Brief Jüdische Gemeindewahlen Alle drei Jahre scheint es, daß es ein jüdisches Gemeindeleben in Berlin gibt. In jedem dritten Jahre scheidet nämlich eine Hälfte der für sechs Jahre gewählten Gemeindrepräsentanten aus und im Laufe des November findet die Wald statt. Vor neun Jahren, als die Liberalen den im Geiste ihrer Partei absolut richtigen, aber taktisch durchaus verkehrten Schritt taten, sich offen für die Forderung des S onntagsgottesdienstes auszusprechen, bewies ihnen die Gemeinde, daß sie durchaus nicht der Ansicht sei, daß die kleine exklusive Sonntagsreforingenossenschaft in der großen Gemeinde Anklang und Anhang hätte. Seitdem ist diese Keformgenossenschaft wieder vorsichtiger geworden und verschleiert unter dem Worte „liberal" ihre juclentumsfeindlichen Tendenzen. Vor drei Jahren fand dann unter dem Zeichen der gegenseitigen Angst und zugleich der blassen Furcht vor dein Zionismus jene ominöse liberal konservative Paarung statt, bei der beide Parteien sich durch ein kompromittierendes Kompromiß um die Aufregung

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