Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1192 DIE 3 1905, der Helden der nationalen Selbstwehr, war seinerzeit mit Lilienblum eine neue Reihe eröffnet worden, die als ewige Ruhestätte für hervorragende Persönlichkeiten gedacht war. Es sollte nun kein ganzes Jahr vorübergehen, daß Lilienblums Freund, der ihm so nahe gestanden, und dem er die posthume Herausgabe seiner gesammelten Schriften anvertraut hatte, daß Elchanon Lewinsky an seiner Seite zur ewigen Ruhe gebettet wurde. * * * Samstag, den 29. Oktober 8 Uhr abends fand eine dem Aadenken Lewinskys gewidmete Sitzung des Odessaer Palästihakomitees statt, zu, der neben den Komiteemitgliedern auch andere Freunde des Verewigten zugezogen wurden. Der Vorsitzende, M. Ussischkin, widmete dem Dahingegangenen eine ergreifende Trauerrede, die auf die Zuhörer einen anhaltenden tiefen Eindruck machte. Nachdem die Versammlung sich zu Ehren des teuren Toten von ihren Plätzen erhoben, hatten, würde darüber beraten, was man für ein Denkmal dem Dahingegangenen errichten könnte, das seiner großen Verdienste nur einigermaßen würdig wäre. Es wurde einstimmig beschlossen, einen speziellen Fonds zwecks Schaffung einer Institution für Kulturaufgaben in Palästina, die den Namen des Verewigten führen soll, ins Leben zu rufen. Die nähere Bestimmung über Wesen und Charakter der zu schaffenden Institution wurde einer eigens zu diesem Zwecke gewählten Kommission übertragen. Eine nach Schluß der Sitzung unter den Anwesenden vorgenommene Subskription zugunsten des gekennzeichneten Fonds ergab die Summe von ca. 800 Rubeln. Die Palästinawein-Gesellschaft „Karmei," deren Odessaer Haus von Lewinsky verwaltet wurde, beschloß, zu diesem Fonds 2000 Rubel beizutragen. — Wie verlautet, soll die Gesellschaft ferner beabsichtigen, den Hinterbliebenen das von Lewinsky bezogene Gehalt in vollem Umfange weiter zu zahlen. Dem Andenken Lewinskys war auch eine zweite, am 30. Oktober stattgefundene Beratung der nächsten Freunde und Verehrer des Verewigten gewidmet, die sich um die von ihm geschaffene und mit hingebungsvoller Liebe gepflegte zionistische Synagoge „Jabneh" gruppieren. Es wurde beschlossen, neben und unbeschadet der Sammlungen für den Pa'ästinafonds im engeren Kreise der wohlhabenderen Freunde und Verehrer Lewinskys einen größeren Betrag aufzubringen, um die gesammelten Schriften Lewinskys herauszugeben. Für die Anteile wurde als Mindestbetrag die Summe von 25 Rubel festgesetzt. Während der Sitzung wurden von den Anwesenden Anteile in der Höhe von 1000 Rubel gezeichnet. Das in Gegenwart der hinterbliebenen Familien und der vom Verblichenen als -Testamentsvollstrecker bezeichneten Herren Ussischkin und J. L. Goldberg ausWilna geöffnete Vermächtnis ist ein beredtes Zeugnis für den Adel der Gesinnung und die seltene altjüdische Güte des großen Toten. In rührenden Worten bittet hier Lewinsky, der sein Lebtag keiner Fliege an der Wand unrecht getan hat, alle seine Freunde und Bekannten in namentlicher Aufzählung um Verzeihung für eventuelle Ungerechtigkeit und Häite. Dabei wird niemand, auch nicht die Arbeiter in der Druckerei, .mit der Lewinsky rein geschäftliche Beziehungen unterhalten hatte, nicht einmal das Hausmädchen vergessen. Seinen Kindern — der Verblichene hat drei Kinder, einen sechzehnjährigen Sohn und zwei jüngere Töchter hinterlassen — legt er warm ans Herz, dem jüdischen Volke und seinen nationalen Traditionen stets treu zu bleiben; treue Mitglieder der zionistischen Organisation und des Odessaer Palästinakomitees zu sein, die hebräische Sprache liebevoll zu pflegen u. dgl. Dem Sohne wird warm empfohlen, nach Absolvierung des Gymnasiums sich durch das Universitätsstudium für Palästina vorzubereiten. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß der Verewigte aus seinen mehr als bescheidenen Mitteln dem Palästinakomitee eine verhältnismäßig beträchtliche Summe vermacht hat, aus deren Zinsen die besten hebräischen Aufsätze der Absolventen des hebräischen Gymnasiums und der Töchterschule zu Jaffa prämiert werden sollen. Die Fahne von Medanos Von Julius Löwy Über Meere hinweg, über himmeianstrebende Berge, über Kulturländer und Wüsten hat der Zionismus seinen Weg genommen. Wo Juden leben, weilt der zionistische Gedanke, die Idee der Einheit des jüdischen Volkes in West- und Ost, in Süd und Nord, unter ihnen; wo £ELT No. 45 Immer sich Juden zusammenschließen, um die Qüter ihres Volkes zu erhalten und zu schützen, wo immer sie den Zusammenhang zwischen sich und den Brüdern in andern Ländern wiederherstellen, wo immer sie den von der Patina der Jahrhunderte geadelten Begriff des Panjudaismus, des cnan"'w-itc^festhalten, tun sie dies im Geist des wiedererwächten zionistischen Judentums. Dieser Geist ist über den Rahmen einer zionistischen Partei hinaus vorgedrungen und beherrscht längst das Judentum. Er hat alle großen jüdischen Organisationen gezwungen, ihre Blicke auf das jüdische Stammland zu richten; er hat die jüdische Solidarität im edelsten Sinne des Wortes gefestigt und im Volksbewußtsein verankert. Er hat uns die tausenderlei unwägbaren Empfindungen kennen gelehrt, die Imponderabilien, die in der Seele unseres Volkes wie in der Psyche eines jeden einzelnen von uns leben, die überall in jedem jüdischenHausedie gleichen sind, nur modifiziert, abgeschwächt oder auch. verstärkt je nach Sprache, Land und äußern Geschicken. Unsichtbar wie jenes geheimnisvolle Fluidum im Äther, das die Schwingungen der elektrischen Wellen hinausträgt und fortverbreitet, bis sie irgendwo an einen gleichgestimmten Fritter. schlagen und dort sichtbar und augenfällig festgehalten werden, — unsichtbar, unmeßbar und unaufhaltsam zieht das jüdische Nationalgefühl von Land zu Land und pocht an alle Herzen. Und wen: es erfaßt, der wandelt sich zur gleichen in sich geschlossenen, selbstsichern Individualität, deren Lebensinhalt und Lebensbestimmung die Arbeit für das große Ganze, für die Nation wird. Ihre Freude wird seine Freude. Ihr Leid zittert in seiner Seele wie in der Tausender anderer mit, ihre Ehre wird die seine. Der Zionist in Hammerfest fühlt ebenso heiß und innig für die Ehre des jüdischen Namens wie der Zionist in Johannesburg. Und der in Irkutsk wie der in Medanos. In Medanos hat die jüdische Flagge geweht. Die blauweiße Standarte mit den beiden verschlungenen Dreiecken. In Medanos. Das ist eine weltentlegene, weltvergessene jüdische Ansiedlung am Parana, dem Hauptstrom der La Platastaaten. 85 jüdische Farmer hausen dort seit der Mitte der achtziger Jahre. Sind eingewanderte russische Juden, die sich recht und schlecht auf ihren Farmen durchbringen, arbeitsgewohnt, wetterfest, mit schwieligen Fäusten. Backwoodsmen. Axt und Gewehr sind ihnen vertraute Dinge des täglichen Verkehrs geworden. Vielleicht — wer mag's wissen? — haben sie in den ersten Jahren ihres Aufenthalts im Lande, als sie in mühseliger harter Bauernarbeit dem Wald und Gestein die fruchtbare Ackerkrume abringen mußten, nicht viel Zeit gefunden, an ihr Judentum zu denken. Sie trugen es ja in sich und fühlten es allstündlich. > Dann erfaßte sie eines Tages die aus Europa aufrauschende Woge des zionistischen Enthusiasmus. Eine Zeitung, ein Brief aus dem russischen Land brachte einem von ihnen die Nachricht von der sich mächtig ausbreitenden, mitNaturkraftanschwellendenzionistischen Bewegung, von dem Aufleben des alten jüdischen Ideals. Und die Männer von Medanos wurden Schekelzahler. Alle 85 kauften Aktien der Kolonialbank, bestellten jüdische Bücher, jüdische Zeitungen, studierten die Kongreßberichte, sahen wohl auch die Karte von Palästina mit jungen, hoffenden Augen an. Sie waren nicht mehr in dem" abseits und einsam gelegenen