Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nur als Feuilletonisten und Causeur ansehen wollte. Lewinsky war kein Causeur, sondern ein Denker in der Gestalt eines Causcurs, ein Denker mit einer großen liebenden, sehnsuchtsschweren Seele. Sein Wort rührte immer an die höchsten und tiefsten Fragen des Lebens, unseres Lebens.' Er plauderte nie, er sprach nur fesselnd von .wichtigen Dingen. Er verstand es, schöne, ernste Qedanken mit Humor und Witz zu verbinden. Wir, die wir Theodor Herzl kannten, wissen es, daß man für das Parterre einer Zeitung schreiben und zugleich ein Dichter und Denker sein kann. Der Denker gab sich in allem kund, was Lewinsky schrieb. Er war ein Denker mit einer geschlossenen Weltanschauung, mit gefesteten Überzeugungen, denen er sein Leben lang treu blieb und die er mit großer Wärme und Hingebung verkündete. Diese Zielsicherheit, diese Qesinnungstreue verliehen seinem Wesen jene Einheit und Ganzheit, jene ruhige Geschlossenheit und Echtheit, die man bei den jüngern Kameraden Lewinskys vergebens suchen würde. Diese Eigenschaften waren es auch, die ihn zum Optimisten stempelten, zumheitern, muntern, schaffendenOptimisten. Sein Optimismus war nicht der der satten Selbstgenügsamkeit, die dies Leid und die Lächerlichkeit des Daseins nicht sieht. Eine zartbesaitete Natur, fühlte er wie kein anderer die große Tragik des Judengeschickes. Wer lesen kann, wird auch im heitersten Witz Lewinskys jene unermeßliche Sehnsucht mitschwingen hören, die das Heimweh einer gequälten Volksseele ist, jene schöpferische, zielsichere Sehnsucht, die Geschichte macht. Lewinsky wußte immer, was er wollte und was er sollte. Er ließ nie den Kopf hängen. Der weinerliche, selbstentmannende Zweifel war nicht seine Sache. Die Zeitmode der billigen Skepsis, der quietistischen Blasiertheit ging an ihm vorbei. Ein geradliniger Überzeugungsmensch, glaubte er an die unwiderstehliche Kraft der Überzeugung und erwartete von dem gütigen belehrenden Worte die Erleuchtung des Gegners, dem er immer die lautersten Motive zuschrieb. Daher auch seine große Duldsamkeit, die bei einem ausgesprochenen Parteimann mit intensivem Geistes- und Gemütsleben so selten vorkommt. Er war wohl ein Kämpfer, seine Kampfesmittel waren aber Liebe und Güte und das Beispiel der schöpferischen Tat. Denn seine Tat war Lehre, wie seine Lehre eine Tat war. In erster Reihe war er und wollte er sein: ein Lehrer, ein Lehrer des schöpferischen nationalen Lebens. Dies war der innere Sinn, die immanente Rechtfertigung seines vielseitigen Wirkens und Schaffens. Wie ihm das ernste Leben heiter war, so war ihm die heitere Kunst ernst. Der spielende, selbstgenügsame ästhetische Individualismus war ihm fremd; die Kunst für die Kunst war seine Sache nicht. So wurde ihm das Wort zum Werk. Dieses prävalierende ethische Interesse erzeugte bei ihm einen exponierten Tatendrang, der bald in dieser, bald in jener Form zum Vorschein kam. So wurde er zum eifrigen, tatkräftigen Zionisten, zum Führer der „Ibriah", zum unternehmungslustigen Organisator und Verleger. Und überall brachte er seine Frische und Unmittelbarkeit, seinen muntern Optimismus, seinen glaubensstarken Enthusiasmus und, was die Hauptsache ist, die stille, ruhige, unverdrossene und unausgesetzte Arbeit mit. Und alles war beherrscht und getragen von der Harmonie seiner ganzen, geschlossenen Persönlichkeit; in allem webte und wirkte der unbewußte Rhythmus einer schönen Seele. Es war ein seltsamer bestrickender Hauch, eine eigentümliche wohltuende Wärme, die diese Persönlichkeit ausstrahlte. Selbst noch wenn er über Wahn und Irrweg spottete, lag etwas von der milden Weisheit eines Patriarchen in seinem Worte. JSS Fremd war ihm die krankhafte Neigung unserer verbissenen Nörgler, in den klaffenden Volkswunden zu wühlen und sich an der höhnischen Selbstquälung herb zu berauschen. Er tröstete, beschwichtigte, ermutigte, ermahnte hoffnungsfest und zukunftsicher zur Arbeit, zum Vorwärtsstreben. Er belehrte ohne den strengen Ton des Schulmeisters, ohne barsche Zurechtweisung, mit der weisen Geduld und Milde eines Hillel. Es war dies jene Weisheit, die alles versteht und alles verzeiht; alles verzeihen kann, weil sie des schließlichen Sieges des Guten sicher ist. So konnte er sich immer mitten im Gewühle des heißen Kampfes eine echt sokratische Gemütsruhe bewahren. Er griff immer und überall, wo der Friede und die Eintracht bedroht erschienen, beschwichtigend ein. Wenn die hochgehenden Fluten des stürmischen Parteilebens innerhalb der zionistischen Organisation beunruhigende Dimensionen anzunehmen drohten; wenn der schwere Kampf um unsere nationale Renaissance mit den Gegnern von außen am heftigsten wütete» so war Lewinsky immer rechtzeitig zur Stelle, um die Gemüter zu beruhigen und die Zwietrachtsgeister zu bannen. „Friede", — war seine Losung im Leben, und „Friede" war das letzte Wort, das er uns hinterlassen. Sein Vermächtnis schließt mit folgenden Worten: „Und Friede, Friede dem Lande unserer Väter! Friede, Friede allen, die sich mit unserer Lehre, unserer Literatur und der Wiederbelebung des hebräischen Wortes befassen. Friede, Friede allen, die an dem Boden unserer Heimat liebe- und sehnsuchtsvoll hängen; allen, die für seine Wiederbelebung arbeiten, Zionisten und Zionsfreunden allerorts. Mir war es nicht vergönnt, die Tröstung Zions zu erleben, — möget ihr sie erleben!" So war Lewinsky der Schriftsteller, der Lehrer, der Mann der öffentlichen Betätigung, — und so auch' Lewinsky der Mensch. Hier wie dort die harmonische Verkörperung der Weisheit und der Milde. Nur wenige haben eine Ahnung davon, daß dieser vielbeschäftigte Mann, der immer an großen nationalen Aufgaben arbeitete, gleichzeitig nicht müde wurde, für Hunderte von armen Schülern, Jeschiwahjüngern, Studenten, Kunstbegabten, jungen Schriftstellern, Waisen und Witwen zu sorgen; weniger noch dürfte es bekannt sein, daß er aus seinen eignen, mehr als bescheidenen Mitteln gab, ohne zu zählen. Und dieser Mann, der in so schwerer Zeit seinen gequälten und gepeinigten Volksgenossen mit königlicher Freigebigkeit Leben und Hoffnung spendete, mußte uns in voller Manneskraft, mitten in seinem unermüdlichen Schaffen und Wirken jäh entrissen werden! * * * Die Kosten des Begräbnisses Lewinskys trug die Odessaer jüdische Gemeinde. Die lokale Presse wurde indes ersucht, nichts darüber verlauten zu lassen, um nicht die allmächtigen Lenker der Geschicke Odessas zu erzürnen. . . Für die Grabsiätie Lewnskys wurde ein besonderer Ehrenplatz angewiesen. „An der Hauptallee des Friedhofs neben dem gemeinsamen Grabe der Märtyrer von 2*