Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316450--53973-3347767- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
1190 ME^fkELl No. 45 öffentlichen jüdischen Angelegenheiten mitraten und mittaten läßt, bisweilen ihm auch den ehrenvollen Auftrag erteilt, der Sprecher und Sachwalter -unserer Interessen zu sein. Es ist leider Gottes schon so weit gekommen, daß jeder Protest gegen diese niedrige Selbstentmannungspolitik einfach als böswillige Nörgelei, als Fanatismus und Chauvinismus niedergeschrien wird. Gegen diese Rückgratlosigkeit Kann nicht energisch genug Front gemacht werden. Caveant consules! Es ist heilige Pflicht der Führer und Gestalter der jüdischen öffentlichen Meinung in Rußland, rechtzeitig vorzusorgen, daß hier nicht auf der ganzen Linie eine schmachvolle Entjudungstendenz nach dem Muster österreichischer Kahalwirtschaft einreiße. Sprechen wir es offen und ehrlich heraus: Wir müssen die gesellschaftliche Boykottierung der Überläufer proklamieren. Es ist dies unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Es ist eine heilige Pflicht n a t i o n a 1 e r S e 1 b s t w e h r, ein Gebot unserer volkserzieherischen Aufgaben. Lassen wir doch bei Kindern und Kurzsichtigen nicht den unsinnigen Gedanken aufkommen, daß man getauft und doch gut jüdisch sein kann. Haben wir doch den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Nennen wir eine Katze — Katze und den Deserteur einen Lumpen. Lernen wir doch in der Beurteilung der Täuflinge etwas von der russischen Regierung. Diese blickt tiefer als der russische gesellschaftliche Antisemitismus einerseits und unsere gutmütigen Schwachköpfe anderseits. Sie weiß sehr wohl, daß die Taufe unwiderruflichen Abfall bedeutet. Deshalb kümmert sie sich so wenig imi die antisemitische Agitation gegen die rechtliche Gleichstellung der Täuflinge, die in letzter Zeit mit großer Energie betrieben wird. Sie weiß sehr wohl — der heilige Synod hat es ihr so. oft eingeschärft —, daß das zweite Geschlecht der jüdischen Renegaten in der Regel gut russisch, ja häufig sogar „echt* russisch ist. Dessen sollten auch wir eingedenk sein. Gewiß, es ist zuzugeben, daß in manchen Einzelfällen mildernde Umstände anzuerkennen sind; daß man es bisweilen mit schweren tragischen Konflikten zu tun hat, die dem Täufling herzbrechende Gewissensnot gebracht haben. Indes, wir sollten ja nicht derartige Konflikte in der Weise erleichtern oder gar aus der Welt schaffen, daß wir den Übertritt zum Christentum als belanglose Formsache hinnehmen. Ist es denn unsere Aufgabe, den Abfall zu erleichtern? Und noch eins. Die Hyporobjek ti vität ist nie ht am Platze, wo die nationale Ehre und Würde in Frage kommen. Dies mögen sich' auch so manche gute, aber leider zu gutmütige [Nationaljuden gesagt sein lassen. Man karfn jetzt häufig die Erfahrung machen, daß ein Nationaljude, ja sogar ein Zionist, der seinem Volke in Liebe und Treue ergeben ist, sein Wohl und Weh tiefinnerlich miterlebt und sich an seinen Zukunftshoffnungen begeistert, dem Renegatentum, prinzipienlos weichmütig gegenüberstellt; er verkehrt mit dem Überläufer und versagt ihm die übliche gesellschaftliche Achtung nicht. Auf mich macht dies den Eindruck einer unaufrichtigen, gewissermaßen koketten Toleranz. Es ist so etwas wie eine gewisse Gefallsucht, ein Paradoxseinwollen, man möchte fast sagen: eine gewisse moralische Zierbengeiei drin. Ihnen möchte man ein ernstes, warnendes Wort zurufen. Mögen sie an den gefährlichen Gifthauch denken, den die Taufseuche unter den „Intelligenten" uin sich verbreitet. Mögen sie an ihre eigenen Kinder denken, die, dereinst selbst vor die Versuchung gestellt, vielleicht in entscheidender Stunde sich an den Gedanken klammern werden, daß ja selbst ihr zionistischer Vater den Täuflingen die übliche Achtung nicht versagt hat. Sie sollen aber vor allem daran denken, daß wir einsam sind und einen schweren Kampf zu führen haben. Daß wir einen großen harten Kampf zu führen haben um unsere Ganzheit und Einheit, um die Wiedergewinnung des eignen Wesens, urn unsere Freiheit und Echtheit. Zum Kampfe gehören aber Männer, harte, starke Männer. Entfernen wir erbarmungslos aus unserer Mitte alles Morsche und Wurmstichige, alles Faule und Verrottete, damit die gesunden Teile des Organismus nicht angegriffen werden. Es gilt die Absage an das feige Schwelgertum, an die Schmarotzer und Mitfresser an fremden Tischen, auf daß der alte Baumstamm unseres Volkes neue, harte Wurzeln im eignen, festen Boden fasse. Odessa,- Erew Jörn Kippur 5671. | Elchanan-Löb Lewinsky | Von M. ö., Odessa Wieder ist einer unserer Besten von uns gegangen: Lewinsky, der hervorragende Schriftsteller, der eifrige Vorkämpfer der nationalen Renaissance, der Führer der „Hebräisch"-Bewegung, der tatkräftige Freund 'und Förderer der hebräischen Literatur ist in der Blute.der Jahre weggerufen worden, und tiefe Trauer hielt ihren Einzug in weite jüdische Kreise. Es mag mir der Versuch gestattet sein, jenen Lesern dieser Blätter, denen es nicht vergönnt war, Lewinskys Wirken und Schaffen unmittelbar mitzuerleben, in einigen schlichten Worten zu sagen, wer Lewinsky war und was er uns war. Wenn man aufs Geratewohl diesen und jenen aus der tiefergriffenen zwanzigtausendköpfigen Menge, die schweren Gemüts und feuchten Auges hinter dem Sarge Lewinskys zog, gefragt hätte, wem diese tiefe Trauer gälte, würde man verschiedene Antworten erhalten haben. Bald hätte man vorn großen hebräischen Schriftsteller, bald vom begeisterten Lehrer und Verkünder der nationalen Idee, bald vom hingebungsvollen Vorsitzenden der „Ibriah"-Organisation, bald vom feinsinnigen, opferfreudigen Verleger der besten hebräischen Schriften, bald von dem Manne der unermüdlichen, selbstlosen Betätigung in allen Angelegenheiten der engern und weitern jüdischen Öffentlichkeit usw. zu hören bekommen. All diese Antworten würden die Wahrheit enthalten haben. In der Tat sind am 28. Oktober auf dem neuen jüdischen Friedhofe zu Odessa, neben der gemeinsamen Grabstätte der Märtyrer von 1905, mehrere bedeutende Menschen in die Gruft gesenkt worden, die in Lewinskys vielseitiger Persönlichkeit vereinigt waren: ein Schriftsteller, ein Kämpfer, ein Lehrer, ein Mann der Tat gingen dahin. Und jeder dieser Menschen stand ganz und gar im Dienste seines Volkes, seines aufstrebenden, sich regenerierenden Volkes, und jeder dieser Menschen hat eine große Lücke in der jüdischen Bewegung hinterlassen, die kaum so leicht ausgefüllt werden dürfte. Lewinsky war ein Schriftsteller voll Geist und Grazie, voll sprudelnden Humors und nachdenklicher Sinnigkeit. Er war ein lachender, richtiger ein lächelnder Philosoph. Seine feine Ironie war weder bitter, noch tatlos fatalistisch. Er lächelteheiter, gutmütigundetwas überlegen belehrend, wie ein guter Lehrer über die Dummheiten der grünen Jugend lächelt. Nach Stil und Stoff war er einer für sich. Er war kein Büchermacher, kein Schriftsteller im eigentlichen Sinne des Wortes. Er bezog seine Stoffe unmittelbar aus dem Leben; er betrachtete, belächelte, bemitleidete das Leben. Sein Stil war anmutsvoll und geistreich pointiert, dabei aber von einer seltenen Einfachheit und Volkstümlichkeit, ohne jene kokette Maniriertheit, die dem geistreich tuenden Schriftsteller über die Dürre des Witzes hinweghelfen soll. Eine vortreffliche Kenntnis des Auditoriums, ein feines, echt dichterisches Verständnis, und eine große menschliche Liebe für den Leser verleihen seinem Wort einen eigentümlichen Reiz von Frische und Echtheit. Man bezeichnete ihn gewöhnlich als geistreichen Causeur, als glänzenden Feuilletonisten. Es hieße aber die Bedeutung Lewinskys unterschätzen, wenn man ihn