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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ni ihm vorüber. Die ewige Hetze, die namenlose nervöse Unrast iahm ihm alle Geistesfrische, alle unmittelbare Empfänglichkeit für das Große und Schöne überhaupt, für das werdende jüdische f-iroße und Schöne im. besondern. Bas Studium würde ihm zum quälenden Prozeß eines mechanischen Einpaukens troekner Daten und Formeln. Von der unendlichen Fülle der Namen aus der gorreichen moskowitischen Geschichte und der Geographie des heiligen Riesenreiches ganz beherrscht und niedergebeugt, hatte er für das keimende, sprossende Leben eines neuen aufstrebenden Judentums keinen Sinn. Sein Geist war gleichsam im Banne einer einzigen Zwangsvorstellung. Wie ein verzweifelter Spieler sah er nur einen einzigen Punkt vor sich, einen einzigen Ausweg, der ihm Befreiung und Rettung verhieß, — die Hochschule Und nun soll der leidenschaftliche, fieberhafte Traum eines Lebens voll .Gram und Entsagung in ein Kichts zerrinnen? So kommt die große Versuchung. Die Versuchung, durch ein Kömpromiß mit seinem Gewissen, durch einen, — wie man sich einbilden will, — rein äußerlichen und indifferenten Akt des Übertritts zur Religion der herrschenden Volksgemeinschaft, mit einem Schlage all die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die ihm die freie, allseitige Betätigung und Entfaltung seiner natürlichen organischen Kräfte unmöglich machen. Die meisten haben sich freilich, — zu ihrer Ehre sei es gesagt, — das erforderliche Minimum von Vornehmheit und innerer Wahrhaftigkeit bewahrt, um nicht durch Fahnenflucht und religiöse Lüge ihre persönliche Karriere zu retten. Gar mancher, dem es an positiven jüdischen Idealen gebricht, wird wohl dieser Versuchung nicht ohne schwierige inneren Kämpfe, bisweilen vielleicht auch nicht ohne eine gewisse Erbitterung gegen die eigne „Schwäche" widerstanden haben. Allein die große heilige Sehnsacht nach innerer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit um jeden Preis und unter allen Umständen ist nicht jedermanns Sache. Es gibt auch robustere, von , des Gedankens Blässe weniger angekränkelte Gewissen, die finden, daß eine bequeme Unterkunft allenfalls ein* Messe wert ist. Und diese sind nun, — Gott sei es geklagt, — zahlreicher, als man bei einem uralten adligen Volke, das die entsetzlichsten Verfolgungen und Unterdrückungen im Laufe von Jahrtausenden nicht niederzuringen vermochten, erwarten dürfte. Wir müssen den Mut zur Wahrheit haben. Sagen wir es nur offen heraus. Eine verhängnisvolle zentrifugale Bewegung macht sich seit einigen Jahren unt er der gebil deten jüdischen Jugend Rußlands geltend. Die Zersetzung und der Abfall sind an der Tagesordnung. Die in der Regel zu den wohlhabendem Schichten gehörenden Absolventen der Mittelschulen lassen sich ohne viel Raisonnement aus natürlichem nationalem Indifferentismus und Stumpfsinn taufen, und die armen Schlucker von Externen tun das gleiche aus geistiger und sittlicher Abgespanntheit, sozusagen aus erworbenem Stumpfsinn. Es ist bereits soweit gekommen, daß man das Abstoßende an dieser ganzen gotteslästerlichen Aktion gar nicht mehr fühlt. Gelassenen Gemütes sucht man sich die Sache recht behaglich und billig zu machen, als ob es sich um die Einrichtung eines neuen Haushaltes handeln würde. Die südrussischen, und namentlich die Odessaer Kandidaten für die Erleuchtung durch Jesus haben in einem armen ischgregorianischen Priester in der benachbarten Stadt Ackerman eine solide en gros-Firma gefunden, wo sie gut und billig bedient werden. Aus diesem Grunde machen sich hier in letzter Zeit besonders zahlreiche Übertritte zur „ackermänisch-gregorianischen Kirche", wie Spötter zu sagen pflegen, bemerkbar. Wenn wir nun nicht wollen, daß die Krankheit fressend und verzehrend um sich greife, wenn wir nicht wollen, daß sie, von den verseuchten Teilen ausgehend, die gesunden anstecke, so müssen wir den Mut haben, an die ekelerregende Wunde heranzutreten und sie auf ihre krankheitserzeugenden und -verbreitenden Eigenschaften zu untersuchen. Nicht auf die Abgefallenen kommt es an, sondern auf den Abfall, auf die Tatsache und ihre Wirkungen. Gewiß, es sind nicht gerade die höher differenzierten, stolzern, tiefer veranlagten und feiner fühlenden. Menschen, die sich von ihrem Volke in den Tagen der höchsten Bedrängnis und der Pein lossagen und sich ins feindliche Lager hinübei-flüchten. Es sind nur welke Blätter, wurmstichige Früchte, die abfallen. Diese aber stellen die Existenz eines kräftigen Baumstammes nicht in Fraget Ein Volk, das seinen Kampf ums Dasein gegen eine ganze Welt zu führen hat, kann nur diejenigen verlieren, an denen nichts zu verlieren ist. Wünschen wir also den hoffnungsvollen Proselyten der christlichen Glaubenslehre Glück auf die Reise, und gi&iulieren wir dem Russenvolke zu seiner großen kulturellen Eroberung. Wir dürfen ihm den Gewinn ruhig gönnen. Was hätten wir denn in unserm harten großen Kampfe um innere Freiheit und Einheit, um Wahrhaftigkeit und Eigenpersönlichkeit von einer Jugend ohne Schwung, ohne Kraft, ohne schöpferische Sehnsucht nach dem eignen Urwesen, ohne jeden Hauch von Vornehmheit und Manüeswürde erwarten können? Hoffen wir also, daß unserm armen Volke bessere Lehrer und Führer erstehen werden, als ihm diese fahnenflüchtigen „Intelligenten" hätten werden können Ja, wir brauchen nicht einmal den findigen Glüekshaschern wegen ihrer Charakterlosigkeit zu zürnen. Ersparen wir uns den heiligen Zorn für größere Dinge. Diese Renegaten sind eher erbärmlich als hassenswert. Sie sind, -sofern sie nicht gerade an hoffnungsloser Dickfelligkeit leiden, durch ihre eigene Unehrlichkeit, durch das beständige Bewußtsein, ihr persönliches Leben auf einer fundamentalen Lüge aufgebaut zu haben, hinlänglich bestraft. Wer weiß, ob nicht gar mancher dieser Würfelspieler in den Stunden der Sammlung und des „cheschbon ha-riefesch" von verzehrender Reue und Gewissensnot gequält wird? Wer könnte sagen, wie so einem Überläufer zu Mute/ ist, wenn der christliche Mob plündernd, schändend und mordend in jüdische Häuser einbricht, während er selbst durch die im Fenster ausgestellten Embleme der christlichen Religion vor der Mordlust seiner neuen Glaubensgenossen geschützt ist? Lassen wir also ruhig die Täuflinge die Früchte ihrer Tat genießen und sehen wir zu, was wir zu tun und zu lassen haben. An dieser Stelle sollen indes nicht die positiven Maßnahmen erwogen werden, wie der Taufseuche entgegengearbeitet werden sollte. Es ist dies ein viel zu kompliziertes Problem, das mit dem ganzen verschlungenen Bündel von Fragen, welches man gemeinhin als unsere national-kulturellen Gegenwartsaufgaben bezeichnet, eng verknüpft ist. Hier sei nur auf eine einzige negative Aufgabe hingewiesen. Bei der Betrachtung des russischen Renegatentums drängt sich uns eine eigentümliche Erscheinung auf, die ernste Beachtung, verdient. Ich meine damit das Verhalten weiter jüdischer Kreise den Abtrünnigen gegenüber. In dieser Hinsicht ist im Laufe der letzten Jahre ein überraschender Wandel eingetreten. Während es früher als selbstverständlich galt, daß der Abtrünnige alle Bande, die ihn an sein Volk geknüpft hatten, mutwillig zerrissen hat, daß er also aus der jüdischen Gemeinschaft, — wie übrigens schon die Bezeichnung „m'schumad" besagt,,.— ganz ausgerottet worden, will sagen einer vollständigen Achtung durch die jüdische Gemeinschaft verfallen sei, — ist es heute ganz anders geworden. Die eigenartigen russischen Verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß die Täuflinge, im Gegensatz zu ihren abendländischen Genossen, beharrlich den Verkehr in jüdischen Kreisen suchen, suchen müssen. Die russische Gesellschaft bleibt ihnen nach wie vor unzugänglich. Die Taufe bringt ihnen wohl die gesetzliche Gleichstellung, nicht aber die gesellschaftliche. Der russische Antisemitismus, der heutzutage in der Hauptsache ein Rassenautisemitismus ist, glaubt eben nicht an die Umwandlungskraft der Taufe. Auf den reziproken Verkehr des engern Kreises ihresgleichen können sich unsere Renegaten auch nicht gut beschränken. Vielleicht schon deshalb nicht, weil gar mancher von ihnen an seinem eignen geistigen Hermaphroditismus genug haben und sich nach echten, natürlichen Menschen sehnen mag. Es ist daher begreiflich, daß die von der christlichen Kirche mit offenen Armen aufgenommenen, aber von der christlichen Gesellschaft mit geballten Fäusten zurückgestoßenen Charaktermenschen Verkehr und Freundschaft eben in jener Gemeinschaft suchen, der sie tapfer den Rücken gekehrt haben. ' " Nun ist es aber von unserm nationalen Staiiclpnnkte aus sehr bedenklich, ja geradezu verhängnisvoll, daß die jüdische- Gesellschaft in den Fehler verfällt, die Taufe als einen rein äußerlichen Akt, ohne tiefere individuelle unc] soziale Bedeutung, zu betrachten. Diese Ansicht wird natürlich von den Täuflingen selbst warm gehalten. Vielleicht meinen sie es auch aufrichtig. Sie wollen sieh eben häufig zur ^Beschwichtigung ihrer eignen Gewissensbisse selbst einreden, daß eigentlich nichts geschehen, daß alles beim alten geblieben sei. Es ist aber fatal, daß die jüdische Gesellschaft so wehig instinktmäßige nationale Wehrkraft, sowenig gesunden Selbstbehauptungstrieb besitzt, daß sie auf den Leim geht und den gefährlichen demoralisierenden Wahn von der Bedeutungslosigkeit des formellen Abfallaktes fressend um sich greifen läßt. Vielleicht ist es aber auch mehr als* dies. Vielleicht ist es nicht mehr naive Vertrauensseligkeit, Mangel an Tiefe und Feingefühl: vielleicht ist es schon nationale Atrophie, moralische Dickfelligkeit und Stumpfsinn, wenn man dem Meschumad unbefangen als seinem Bruder begegnet, ja sogar ihn häutig an 2

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