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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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1188 blEÄELT No. 45 andere, aber nicht . reaktionär ist. In der Enge der Gedanken, des Ghettos, gedeiht er nicht Wir verlangen nach Luft und Licht und Freiheit, Dingen, die nur zu erwerben sind in lebendigem Zusammenhang mit der Gesamtheit aller Menschen, im wechselseitigen Austausch von Ideen, im solidarischen Streben mit denen, die den Fortschritt wollen auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Strebens. Wir sondern uns nicht ab vom Treiben der Welt, wollen nicht die Beschränkung auf ein engherziges Sorgen für eigne Interessen, sondern wir hoffen im Gegenteil, daß unser Volk, das verachtete und entrechtete, als Gesamtheit ein Kulturfaktor werde, so groß und wirkungsvoll, wie er dereinst gewesen. Das freilich kann es nur sein, wenn man ihm die gebührende Stellung einräumt und ihm die Möglichkeit gibt, seine besondere Eigenheit, seine Anlagen und Talente in Freiheit und ungestört zu entwickeln. Blumen gedeihen nur im freien Himmelslicht, der Baum, der Früchte tragen soll, braucht Erde. Darum fordern wir von der Kulturwelt, deren ältester Sproß wir sind, daß sie uns wieder normale Lebensmöglichkeiten gibt, uns frei vön Zwang wieder den Boden bauen läßt, auf dem die Bibel entstand. Wir wollen dorthin alles tragen, was das alte Europa an geistigen Gütern besitzt, und dafür neue Ideen und befruchtende Gedanken zurückerstatten. Die Welt wird nicht enger und nicht ärmer, wenn ein neuer Kulturkreis entsteht. Liegt doch aller Reichtum in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen. Und weil wir so denken, muß uns auch aller engherziger Chauvinismus fremd sein. Das Judentum hat ihn nie besessen und wird ihm immer ablehnend gegenüberstehen. Der heute so viel gerühmte „Wille zur Macht", d. h. zur Unterdrückung anderer, ist arischer Provenienz. Er schafft zwar Herrschaft und Reichtum, aber er rächt sich bitter im kulturellen Leben der Völker. Was wir wollen, ist nicht die Mißachtung anderer, sondern die gerechte Einschätzung des eignen Volkswertes, der heute auch bei den eignen Stammesangehörigen noch so viel verkannt wird. An dem Tage, der allen Juden die Erkenntnis vom Gehalt der jüdischen Volksseele, des jüdischen Geisteslebens und Empfindens bringt, wird das jüdische Volk die Stellung errungen haben, die ihm gebührt, wird ihm eine freie und glückliche Zukunft erblühen. Dazu aber muß vor allem mit den Vorurteilen gebrochen werden, als bedeute die Beschäftigung mit jüdischen Dingen, mit dem Zionismus, eine Verengung des Horizonts, eine Beschränkung in unserm Streben, Mensch zu sein. Der Zionismus bedeutet nicht Reaktion, sondern Befreiung, nicht eine Beschränkung, sondern die volle Entfaltung der Persönlichkeit. Ad. Fr. Schulnot und Taufseuche Von Dr. M. Glücksohn, Odessa. Das Jahr 5670 ist vorbei, und dem jüdischen Chronisten, der das armselige Privilegium hat, mit den geringsten literarische Mitteln den größten Eindruck zu machen, bietet sich die Gelegenheit, das Fazit eines neuen Abschnittes trauriger Zeitgeschichte zu ziehen. Es sei mir gestattet, hier auf eine Seite unseres Verlustkontos im abgelaufenen Jahre etwas näher einzugehen. Mit dem Beginn des neuen Jahres fiel der Beginn des neuen Schuljahres in Rußland zeitlich zusammen. Die Kontingente der Mittel- und Hochschulen sind überall bereits komplettiert. Gleichzeitig mit unserer allgemeinen Jahresbilanz läßt sich somit auch die Spezialbilanz aus dem Gebiete der Schulnot auf stellen. f?p Das abgelaufene Schuljahr stand im Zeichen der Schwarz sehen Säuberungsarbeit. Und man muß es dem diesei Tage zurückgetretenen Minister für Volksaufklärung lassen selten hat ein russischer Bureaukrat mit solcher Energie und Folgerichtigkeit die Aspirationen der „hohen Sphären* in Wirklichkeit umgesetzt; selten wurde hierzulande ein politischem Programm so tatkräftig^ und; zielsicher durchgeführt wie da* Schulprogramm Schwaibas. ' ' Dieses Programm kann auf die kurze, energische Formel gebracht werden: r Juden hinaus!**. Tatsächlich gelanges Schwarz in diesem Jahre, die ohnehin sehr geringe Anzahl der zu den staatlichen MitteluAd Hochschulen zugelassenen Juden auf ein Minimum zu reduzieren; daneben und darüber hinaus ist ihm noch die schöpferische Tat zu verdanken, die berühmte erlösende Prozentnorm zuerst auch auf die privaten Mittelschulen wie auch auf die Spezialanstalten verschiedenster Art in Anwendung gebracht zu haben. Damit aber das System der patriotischen Verschanzung gegen die jüdische Invasion nicht eine Bresche aufzuweisen hätte, war es natürlich geraten, den jüdischen Privatgymnasien, auf die man die Prozentnorm doch nicht gut anwenden konnte, ihre bislang unbeanstandeten Hechte einfach wegzudekretieren. Diese rücksichtslos konsequente Politik zeitigte recht ergiebige Früchte, die schon mit dem neuen Schuljahre zum Vorschein kamen. Die spärlichen Bildungsquellen versiegten fast völlig für die jüdische Jugend, und mehr denn je sah sich der jüdische Jüngling durch brutale Gewalt des elementaren Rechts beraubt, seine natürlichen Kräfte zu voller organischer Entfaltung zu bringen. Genügt schon die nackte Tatsache der rohen Zurückweisung von der heißersehnten alma mater, um den jüdischen Abiturienten zu einer tragischen Figur zu stempeln, so kommt noch die ganze Depression und hilflose Niedergeschlagenheit hinzu, wie sie sich bei einem enervierten, in fieberhafter Unrast sich verzehrenden Gemüt infolge einer schweren Entäuschung einstellen muß, um den schonungslos über Bord Geworfenen ganz außer Rand und Band zu bringen. Empfindlicher noch womöglich als der Absolvent der Mittelschule wird von der schroffen Zurückweisung der Abiturient aus den Reihen der sogenannten,,Externen" getroffen Man vergegenwärtige sich die Lage eines solchen Externen, dem es endlich gelungen ist, ein Reifezeugnis zu erlangen. Das Emporklimmen bis zu dieser Entwicklungsstufe hatte den jungen Menschen einen mehrjährigen schweren Kampf gekostet. Jahr aus, Jahr ein hatte er als einsamer unbeholfener Autodidakt, in der Regel unter den dürftigsten materiellen Verhältnissen, häufig unter den unerbitterlichsten Kämpfen ums nackte Dasein, ums buchstäbliche tägliche Brot, von den „Praktischen" verspottet, von Freunden und Verwandten mit liebevoller, abratender Zudringlichkeit behelligt, — nach einem einzigen Ziele gestrebt. Eine hochlöbliche Schulbehörde, bei der er alljährlich die Prüfungen über den Kursus der entsprechenden Schulklasse abzulegen hatte, tat während der ganzen Zeit alles Mögliche und Unmögliche, um ihn am mühseligen Vorwärtskommen zu verhindern. Die unendlichen Prüfungen wurden für ihn ein unendlicher Leidensweg durch behördlichen Hohn und Gehässigkeit, zynische Unverschämtheit und brutale Gewalt. Bald wurde er durch hinterlistige Vexierfragen zum Fallen gebracht, bald wurden ihm die besten Leistungen durch fatale Kommata und Semikola, die ihm von liebevoller behördlicher Hand in seine schriftlichen Arbeiten hineingefälscht worden, oder durch dergleichen landesübliche Praktiken zunichte gemacht. Und nun, nachdem es ihm endlich gelungen ist, all der unsäglichen Mißhelligkeiten und Fährnisse Herr zu werden, findet er, nahe am heißersehnten Ziele, hermetisch geschlossene Pforten! Derartige Tantalusqualen würden genügen, um auch gefeitere und widerstandsfähigere Naturen als den entnervten und abgehetzten Sohn des russisch-jüdischen Ghettos aus dem Gleichgewicht zu bringen. Woher soll nun der unglückselige Abiturient aus der Märtyrerschar der Externen die nötige sittliche und geistige Kraft schöpfen, um der rohen Wirklichkeit aufrecht und wurzelfest ins Gesicht zu schauen? Die besten Jugendjahre, die Jahre der reichsten Empfänglichkeit und ßildsamkeit des Charakters und Geistes, sind ihm in einem harten, unerquicklichen Doppelkampfe vergangen, im qualvollen Ringen ums tägliche Brot und im aufreibenden Kampfe gegen die Feindseligkeit einer kaltherzigen und unehrlichen Behörde. Diese Kämpfe stählten seinen Charakter nicht, sie knickten vielmehr seinen Stolz und nahmen ihm die Selbstachtung und das Bewußtsein der eignen Würde. Das pulsierende, wogende Leben ringsum ging achtlos

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