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Die Welt · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE »ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 3l\/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO, KÖLN, 11. November 1910 piT"6 ÜS'nn'N ])WH "ü No. 45. GEISTIGE ENGE Zu den vielen Vorurteilen, die in der Judenheit verbreitet sind und uns das Vorwärtskommen erschweren, gehört die Anschauung, wir seien reaktionär. Damit meint man nicht so sehr eine politische Anschauung, als ein kulturelles Empfinden. Man hält uns für geistig rückständig, befangen in den Anschauungen einer Zeit, die den Juden von der Gemeinschaft mit andern Menschen sich zurückziehen ließ, in der von ihm der Satz galt: „im engen Kreis verengert sich die Welt." Insbesondere jene Generation, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts heranwuchs, genährt von den unklar-schönen Gedanken des altliberalen Kosmopolitismus, empfindet bei der Berührung mit dem Zionismus eine Art von ängstlicher Scheu, von jenem Druck, der uns selbst befällt, wenn wir in den Bannkreis enger Verhältnisse treten. Sie vermeinen, der Zionismus wolle sie zurückführen in die Stickluft des Ghettos, die kulturellen Zustände mancher Kreise des alten, lichtscheuen Judentums, das sich furchtsam vor dem Gedankeninhalt einer neuen Zeit verschloß. In der Jugend hat diese Generation noch den Druck der alten Zeit selbst empfunden. Kein Wunder, daß sie die eigne Lebensanschauung für einen gewaltigen Fortschritt hält, nicht etwa gegenüber der von Juden der alten Zeit, sondern gegenüber der des Judentums. Und so erscheint ihr denn die Bewegung, welche die Rückkehr zum Judentum predigt, dessen Kraft und Größe preist, selbst die halbvergessene Tradition als Element der Lebenskraft unseres Volkes anerkennt, wie eine historische Anomalie. Ihre Vertreter aber gelten als religiöse Schwärmer, — diese Vorstellung einer Identität von Zionismus und Frömmelei ist unvertilgbar, — und als geistig und politisch rückständige Chauvinisten im engsten Sinne dieses traurigen Wortbegriffs. So kommt es, daß die christliche Gesellschaft meist vorurteilsloser an die Betrachtung unseres Gedahkeninhalts herangeht, als die jüdische der ältern Generation. Denn diese muß umlernen, Hemmungen überwinden, die oft auf den zum Instinkt gewordenen' Abneigungen langer Jahre beruhen. Ist der Zionismus nun wirklich eine so rückständige Bewegung? Zwingt er zur Enge, zum Verzicht auf Kulturerrungenschaften, auf die Gedanken der Allgemeinheit? Ist er wirklich das Produkt ausschließlich nationalistischer Heißsporne? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Der Zionismus ist im Gegenteil das dem modernen Denken und Empfinden angepaßte Judentum, die Bewegung derjenigen, die von der neuen Zeit nicht nur technische Ergebnisse gelernt, sondern die Gedanken der Geistesheroen aller Völker in sich aufgenommen und ihrem jüdischen Denken und Fühlen assimiliert haben. Es ist kein Zufall, daß der zionistische Gedanke erst 100 Jahre nach der Emanzipation Wurzeln schlug. Gewiß sind große Volksbewegungen, die äußere Erfolge anstreben, erst kraftvoll und wahrhaft aktionsfähig geworden durch die Verbreitung der Presse, der Eisenbahnen, durch die Verfassungen mit der durch siet* gewährleisteten Bewegungsfreiheit. Die Juden des 18. Jahrhunderts hätten keine Kongresse veranstalten, die# Massen nicht aufklären, keine politischen Zwecken dienende Banken gründen können. Aber sie hätten es auch gar nicht gewollt. Ihr Denken wrar fatalistisch, allein auf überirdische Dinge gerichtet, weltenfern dem unsrigen. Erst die Aufnahme moderner Ideen vom Rechte, das mit uns geboren ist, vom Anspruch der Persönlichkeit auf Freiheit und Glück, von männlichem, bewußtem Ringen mit der Außenwelt, von nationalem Ehrgefühl, von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten lieh uns die Kraft, unsern Platz an der Sonne zu fordern, unsere ganze Persönlichkeit einzusetzen für die Regeneration unseres Volkes. Es ist auch kein Zufall, daß die ersten großen Führer aus den Kreisen äußerlich dem Judentum Fernerstehender kamen. Ein Herzl konnte nicht im russischen Ansiedlungsrayon geboren werden, im Strom der Welt mußte sein Wesen, sein klarer und großer Wille sich gestalten. Er hat die Engländer vor allen nichtjüdischen Völkern geliebt, waren sie ihm doch die Verkörperung freier, ruhig-selbstbewußter Männlichkeit, fortgeschrittensten Empfindens und Handelns. Gleichviel, ob diese seine Vorliebe in allen Punkten den Tatsachen gerecht wurde: er hat uns gelehrt, welche Eigenschaften ein Volk braucht, um glücklich zu sein, wie wir werden müssen, um die Idee zum Ziele zu geleiten. Uns ist nichts Menschliches fremd. Der Zionismus ist kein Glaube, sondern eine Weltanschauung, die alles

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