Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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NTo. 44: DlES^ELT 1175 Tätigkeit und gewerkschaftlichenOrganisation der jüdischen Arbeiterschaft auf In puncto:''Sprachen frage sei der Referent der" Ansieht, daß die poale-zi6nist*sehen Akademiker die jüdische Sprache (;Jargönfc) als, die einzige Sprache des Volkes anerkennen ind nur in ihr 3hre Arbeit . führen wollen. Das Hebräische sei Sache persönlicher - Sympathie. H. Gellmann referierte über ,J)ie Oi'gaiHsationsfprmen der poale-zionistischen akademischen Vereine';. Die Versammlung nahm eine von ihm beantragte Resolution an .betreffs. Einsetzung eines Repräsentationsiiisschusses, der die Interessen der poale zionistischen Akademiker gegenüber den Unive sitätsbehörden und andern studentischen Organisationen vertnten soll, s wurde ferner beschlossen, an den V. Poale-zionistischen Parteitag mit dem Wunsche heranzutreten, die Gründung einer jüdischen Volksuni versitär zu beschließen. / Die Frage, der poale-zionistischen „Chejruth-'- Organisationen ist offen geblieben, da die Konferenz zu keiner Einigung in dieser Präge gelangen konnte. Erster Judischer Handelsangestellten»Tag Montag, d.m 2 h Oktober, wurde im Saale des ruthenischen „Sokol-Vereins14' der erste Jüdische Handelsangestellten-Tag abgehalten. Derselbe i^t zwar von der poale-zinniötischeu Partei angeregt und einberufen worden, behielt aber einen ganz unparteiischen und beruflichen Cliaiakter und war auch von nicht poale-zionistischen Delegierten be.u-ht. Herr Rappaport eröffnete den II -A.-T. namens des Vorbereitungskomitees, worauf ein Präsidium, bestehend aus den Herren N u ßbaum i Krakau', Epstein (Stanislau), Löwy (Jarosbm) und Binder iTarnopol) gewählt wurde, und die Herreu Buchbinder (Lemberg) und David iWiznitz) als Sekretäre berufen winden. Herr Kaplan^ki begrüßte den Parteitag namens clor poalezionistischen Partei-Exekutive und schilderte in kurzen Strichen die Entwicklungsgeschichte der jüdischen Haudelsangestellteii- Bewegung. Hierauf besprach Herr J)r. Max Rosenfeld die den Handelsgehilfenstaud betreffenden österreichischen Gesetze, insbesondere das Gesetz über die Ladensperje, das Handlungsgehilfengesetz und das Projekt eines Sozialversichei ungsgesetzes. Redner hob hervor, d ß alle österreichischen Gesetze, mögen sie an und für sich auch sehr wichtige Reformen einhalten, ihre Spitze dennoch gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet haben. So sei es ainh mit den vom Redner zitierten Gesetzen. So enthalte z. B. das Gesetz über die Achtuhr- resp. Neunuhr-Sperre Bestimmungen, welche den jüdischen Kaufmannssfand nämlich jene armen Hausierer, denen das Feilbielen ihrer Waren in den Straßen nach S resp 9 Uhr abends verboten ist, schädigen. Und diese Kleinhändler bilden doch eine viel ärmere Klasse als die Proletarier. Das Ha'udlungsgehilfengesetz sei kein vollkommenes. Redner bespricht dann das Projekt einer Sozialversicherung. In diesem Projekt sei die christl.ch->oziale Hand zu bemerken. Zum Schlüsse behandelt Redner das SonntagsruheLresetz und hebt hervor, daß es die jüdischen Kaufleute zu einer zweitägigen Arbeitseinstellung zwinge und sie dadurch ruiniere. Konsequenterweise f ühre dieser Umstand zur Verelendung cb-r jüdischen Handelsaiigestellten. deren Lage von der ihrer Prinzipale abhängig ist. Redner legte dies! ezügliche Resolutionen vor, welche angenommen wurden, und schloß seine Ausführungen mit der Bemerkung, daß die Lage der Handel-gehilfen eine besondere Hanclelsgehilfenorganisation erheische. Herr Herz (Lemberg) beantragte sodann verschiedene Resolutionen, die nach längerer Dehatte auch angenommen wurden Sie enthalten die Forderimg der gewerkschaftlichen Organisation der jüdischen Handelsanges eilten Österreichs, da die Reichsorganisation der Handelsangestellten Österreichs die Bedürfnisse der jüdischen Handlungsgehilfen nicht berücksichtige. Es wurde sodann ein aus lünf Mitgliedern bestehender Vollzugsausschuß gewählt. Herzl-Gedenkfeier Mittwoch den 26. Oktober abends fand im Saale des ruthenisehem „Narodnyj clim" eine von - der ..poale-zionistischen Organisation in Lemberg veranstaltete Herzl-Gedenkfeier statt. H. Kaplanski- Kaplan schilderte Her/1 als Staatsmann, als Geistesjuden und als Erzieher des jüdischen Volkes unter lautlosem Lauschen des zahlreichen Publikums, welches die vortrefflichen Ausführungen des Vortragenden mit starkem Beifall löhnte. Herr Dr. Ignatz Schipper (Tarnow) entwarf ein prachtvolles gedankensprühendes, in einem meisterhaften und kernigen „Jüdisch ' gesprochenes Charakterbild Herzls, des Dichters und Helden.. Der musikalische Teil des Abends wurde von den GescbwisjternFiodlerdurch ein sehr beifällig aufgenommenes Klavier-, Cello- und Violjn-Konzert besorgt. Herr Rosenblatt rezitierte Herzls JÄIenoran" und „Im Speisewagen". v Die Schänkerfrage - Noch ist das Resultat der Verteilung der Schankkonzessionen njeht vollständig (s. u.> bekannt, und dennoch darf man schon heute angesichts der letzten Redo des Statthalters Dr. Bohrziuski gelegentlich der Land tags erü'ff'nung mit Bestimmtheit behaupten, daß viele Tausende der jüdischen Schänker GTaÜziens ihrer bisherigen Existenz verlustig werden und einer düstern Zukunft eutgeg-engelieii. Schon die vorn Statthalter erwähnte Tatsache, daß gemäß der neuen Sch'ankerverorduung die Zahl der Schankhäuser im allgemeinen verringert werden wird, und nicht zuletzt der Umstand, daß die Bestimmung in bezug auf .. Unbescholtenheic" des Bitwerbers sowie die Lokalvorschriften den Behörden genug Handhaben zur Schikanierung der jüdischen Bewerber geben, rechtfertigt die obige Behauptung. Dazu kommen aber noch die unzähligen Fäll^, wo man, entgegen der Versicherung des Statthalters, Konzessionen nur solchen Personen zu bewilligen, d'ie das Schankgewerbe persönlich ausüben werden, „vornehmen" Konzessinnsbewerb.ern, darunter vielen notorisch bekannten politischen Agitatoren, Großgrundbesitzern (z. B. dem Fürsten Lj ibomirski) u. dergl. Konzessionen erteilte. Alle diese Herren, die sonst gegen den Dämon „Alkohol"' zetern, verschmähen es nicht, auf Kosten der Juden Profirchen zu ziehen. Es bleibt freilich den jüdisc hen Sehänkern das Recht vorbehalten, gegen die Abweisungen seitens der Bezirkshauptmannscbaften zur Statthalterei zu rekurrieren. Es wird jedoch niemand, der die antisemitischen Tendenzen clor gniizisehen Landesregierung kennt, eine günstige Erledigung der jüdischen Rekurse erwarten. Der amtlichen Zeitung „Gazeta. Lwnwska' zufolge sind 4817 galizische Gemeinden mit zusammen 9(587 Schankkonzessionen bedacht worden, wovon bloß 6157 solchen Leuten zufielen, die früher dieses Gewerbe ausübten. 1445 Gemeinden haben überhaupt keine Schankkonzession erhalten. Daß auch ein sehr großer Teil der erteilten Konzessionen Nicht-Juden zugefallen ist, muß nicht erst gesagt werden. Die Enquete Zwar hat noch die galizische Landesregierung nicht die ernste Absicht gezeigt, auch nur den vor mehr als drei Jahren vom Landtage gefaßten Beschluß auf Einberufung einer Enquete wegen der Jndenhot auszuführen, und schon gibt diese Sache den Feinden der Juden keine Ruhe. Ihnen genügte es nicht, daß der Landesausschuß diese Enquete verschoben hat, denn „verschoben ist nicht aufgehoben". Und so bi achte der Landtagsahgeordnete Professor Dr Maximilian Thulie, der Führer der christlichsozialen Partei in Lemberg, im Landtag am 26. September den Antrag ein, die einzuberufende Enquete auch auf die christliche Bevölkerung Galiziens auszudehnen und diesen Antrag dem Achnini>trations-Aus?ehusse zu überweisen. Der Antragsteller betrachtet die seinerzeitige Annahme des auf die Enquete sieh beziehenden Antrages seitens des Landtages als Beweis der Toleranz, mit der sich die Polen auszeichnen, fürchtet jedoch, daß .,das Mitgefühl mit der jüdischen Bevölkerung zu weit führen könnte*'. . - . „Zu weit*', das heißt: Aus dem Spasse 'könnte ein Ernst werden, und dazu dürfen es die „toleranten" Polen nicht kommen lassen. Wie der ganze Landtag über diese Sache' denkt, ist daraus zu ersehen, daß der Antrag des Prof. Thulie auch tatsächlich angenommen und dem Administratioiis-Aussehusse überwiesen wurde. Da die Entscheidung des Ausschusses noch in der gegenwärtigen Landtagssession dem Landtage vorgelegt werden wird, können wir noch eine „Judcndebatte" gewärtigen. . . . Klosterentführungen Welche ungeheuren Dimensionen die Entführung jüdischer Mädchen und der Seelenfang in Galizien angenommen hat, beweist der jüngste Monatsausweis des Krakauer Rabbinars, der 4ü Taufen von jüdischen Mädchen in einem einzigen Monate verzeichnet. Aber nicht bloß an Zahl nehmen diese Ve-führungen zu, sondern auch an Brutalität, die in ihren Einzelheiten an »■ russische Verhältnisse mahnen. Nachfolgend wollen wir zwei besonders krasse Fülle der letzten Tage registrieren Ein jüdisches Mädchen in der Nähe von Tarnopoi ist aus dem Eltern hause plötzlich verschwunden. Der alte Vater machte sich auf die Suche nach Kattowitz, Berlin und Charlottenburg, kam jedoch überallhin zu spät, da seine Tochter indessen anderswohin