Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316449--53959-3347752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 44 D1E-3SIELT =: 1173 Fall umgedreht, also etwa: „Moritz Veit und das deutsche Geistesleben", oder „Gabriel Rießer", wozu man nach dem Vortrag ergänzen muß: und die deutsche Judenassimilatiön. 7 Aber auf diese Idee ist er z. B. nicht verfallen, den nur jüdischen Dichter Sachs zu würdigen, einen nach vielen Seiten bedeutenden Mann, den er so nebenbei in seinem Vo trag über Moritz Veit erwähnt. Es ist hier nicht der Ort, ins einzelne zu gehen. Wären alle Aufsätze-verloren gegangen, wäre dies insofern bedauerlich, weil mit ihnen zugleich der Verlust „mehrerer" stilistischer Unmöglichkeiten eines deutschen Professors mosaischen Glaubens der deutschen Literaturgeschichte zu beklagen gewesen wäre. Wie leicht könnte ein Unkundiger auf den Gedanken kommen, sich auf die Ausführungen des Herrn Ge:ger zu stützen! Darum ist zu sagen: der Herr Professor, der sich als Nachfolger des verstorbenen Karpeles in der Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" breit macht und sich persönlich dort schon blamerte, sich aber durch die Verbindung mit einem ganz sichern, der Verleumdung bezichtigten Dr. Theodor Lessirg eigentlich unmöglich gemacht hat, — dieser Herr Professor weiß nichts vom Judentum, nichts oder zu wenig von der jüdischen Literatur, nicht einmal der in deutscher Sprache, und ist füglich der Unberufenste, über die „Renaissance" (wie man es nicht gut genannt hat) der Judenliteratur zu urteilen. Nur kurz und, wie ich wohl weiß, dem Gegenstand nicht ganz entsprechend, will ich von dieser „Renaissance" reden. In der neuesten Zeit, die nach dem französischen Krieg mit der Stärkung des deutschen Gemeingefühls beginnt, als dessen negativen Pol man den Antisemitismus bezeichnen kann, haben alimählich immer mehr Juden jüdische Literatur gemacht. Erst war es die erinnerungsvolle Kompertsche Schilderung des Ghetto, durch die ein Zug der Wehmut über die verschwundenen Dinge geht. Ehrlicher hat dann Franzos mit psychologischer Tiefe die Juden des Ghetto geschildert, bis es in den letzten Jahren fast Ehrensache jedes jüdischen Schriftstellers geworden ist, in einem Werke wenigstens ein gewisses Bekenntnis zur Frage des Judentums abzulegen, wie es Jakobowski in seinem „Werther, der Jude" wohl als erster mit literarischem Erfolg versuchte. Ich erinnere noch an Wassermanns „Juden von Zirndorf" und Schnitzlers „Weg ins Freie". Auch in der Beurteilung nichtjüdischer Schriftsteller änderte sich in diesem Zeitraum von 60 Jahren die Stellung der Juden Aus dem Wucherer, dem Halsabschneider, dem Objekt des Witzes wurde in der ernsthaften Literatur der Vertreter einer fremdartigen Rasse, die sich, je nach den persönlichen Anschauungen des Autors, vermischen könne oder nicht, wodurch bald Gutes, bald Böses erwirkt werde. Bierbaums „Prinz Kuckuck", Dehmels „Der Menschenfeind" seien nur hier aus der großen Zahl genannt. Die eigenartigste Blüte der deutschen Literatur ist nun jene jungjüdische Poesie, die mit dem Erwachen der Regenerationsbestrebungen innerhalb des Judentums, — man sagi kurzweg: Zionismus, — erstand. Diese Juden hatten den Mut, ganze Juden zu sein. In der Folge hat die jungjüdische Dichtung nicht oder noch nicht alle Versprechungen eingelöst, die sie bei ihrem Beginn mit Recht erwecken durfte. Aber immerhin darf .man die Versuche Jungmanns („Dornen", Gedichte), Zlocistis, Feiwels, Bubers und anderer mit Ehren hervorheben, und Theodor Herzls „Das neue Ghetto", Nordaus „Dr. Kohn" gehören wahrlich nicht zum schlechtesten, das in deutscher Sprache für das Theater geschrieben worden ist. Diese Bestrebungen vereinigten sich im „Jüdischen Almanach" (Jüd. Verlag, Köln). Unter Nichtjuden hat diese Bewegung gleichfalls gewirkt und z. B. den Balladendichter B. v. M ü n c h - hausen zu seinem „Juda" begeistert. Noch muß ich erwähnen, daß auch die Literatur der osteuropäischen Juden in einem gewaltigen Aufschwung sich befindet, wovon jedem Einsichtigen, der Deutsch lesen kann, die Novellen von J. Peretz (Jüd. Verlag) und die des nur dramatisch unzulänglichen Schalom Asch (S. Fischer, Berlin) ein treues Bild geben werden. Gewiß ist ein Jude „wohlberechtigt und befähigt, die Juden in der Literatur zu betrachten", auch dann, wenn „der deutsche Gelehrte und Schriftsteller jüdischen Glaubens voll und ganz (!) in Sprache und Gesinnung ein Deutscher ist". Das bestreitet man ihm nicht; aber er hat noch immer nicht das Recht, Urteile in die Welt zu setzen, die er nicht begründet und nicht begründen kann. Und dann, Herr Professor, man lernt nur kennen und schätzen, was man liebt. Dieser Satz sollte bekannt sein. o o o o o o o o o o o o o?3 AUS DER BEWEGUNG ff o o o o o o < Ho o o o o o oJ Sitzung des Aktionskomitees Da von Seiten russischer Mitglieder des A. C. der lebhafte Wunsch zum Ausdruck gebracht worden ist, daß die zum 22. November nach Köln einberufene Sitzung des A. C. nicht dort, sondern in Berlin abgehalten werden soll und man sogar das Erscheinen zu der Sitzung von dieser Änderung abhängig gemacht hat, hat das E. A. C. beschlossen, diesem Wunsche gemäß als Ort der Sitzung Berlin zu bestimmen. Das Lokal wird später bekannt gegeben werden. Auch die anberaumten Sitzungen des E. A. C.,' des Direktoriums des J. N. F. und der verschiedenen Verwaltungsorgane der Banken werden nunmehr in Berlin stattfinden. Eine Theodor Herzl-Straße in Nadworna Der Genieinderat der Stadt Nadworna hat in seiner am 22. Oktober abgehaltenen Sitzung einstimmig beschlossen, eine der schönsten Straßen der Stadt „Dr. Theodor Herzl-Straße" zu nennen. Der Beschluß erfolgte auf Antrag unserer Gesinnungsgenossen in Nadworna. Die jüdischnationale Zählkandidatur in Wien Am 28. Oktober hat die Landtags-Ergänzungswahl für das durch den Tod Luegers erledigte Mandat in Wien Leopoldstadt stattgefunden. Auf den von den Jüdischnationalen aufgestellten Zählkandidaten, Herrn Lucian Brunn er, entfielen 466 Stimmen. Die Wahl hat keine Entscheidung gobracht, und es war zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten eine Stichwahl nötig. Dieselbe fand am 3. November statt, Gesellschaft für Palästinaforschung Am Sonntag den 23. Oktober d. J. fand in den Räumen der Ressource von 1794 zu B e r 1 i n die Begründung einer „Gesellschaft für Palästinaforschung" statt. Eine große Anzahl von jüdischen Gelehrten und Angehörigen der besten jüdischen Gesellschaftskreise wohnte der Versammlung bei und bekundete lebhaftes Interesse an den Zielen des Unternehmens, das bestimmt ist, eine alte Ehrenschuld der jüdischen Gemeinschaft einzulösen. Ist doch bisher auffallenderweise gerade von jüdischer Seite nur wenig für die wissenschaftliche Erforschung des Landes der Bibel geschehen. Unter den Erschienenen bemerkte man die Professoren Warburg, Sobernheim, Lewin, Mittwoch, Geheimrat Aron, Stadtrat Gimkiewicz, Generalkonsul Landau, Direktor Minelen und viele andere Träger bekannter Namen. Nach einem Bericht über die bisher geleisteten Vorarbeiten erstattete Herr Professor Dr. Warburg ein Referat, in dem er hervorhob, welch große Aufgaben insbesondere in naturwissenschaftlicher Beziehung der Lösung harren. Für Studien auf dem Gebiete der Anthropologie, Ethnologie, Zoologie, Metereologie, Geologie und Höhlenkunde bietet