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Die Welt · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1172 DIEMKE LT No. 44 überall an der Spitze der Kämpfe ge^en jede Zwang^organisation, we.l sie fürchten, auch nur einer ihrer Steuerpfenn ge könne zur> Unterstützung eines Religionsunterrichts oder von Gemeindeinsti- . tutionen verwendet werden, die mit ihren Anschauungen nicht ganz / in Einklang stehen, darum kämpfen sie immer für den Austritt, \ darum haben sie die Theorie von den zwei Judentümern erfunden. / Zu einer freien Organisation kann man seine Stellung aus freier ) Entschließung nehmen. Da kann und darf man nicht je nach ihrer-* Art „zu verschiedenen Zeiten zu sehr verschiedenen Resultaten" kommen, besonders dann nicht, wenn man so sicher und so stolz . auf seinem hohen Prinzipienroß sitzt. Da heißt es hands off, wenn; auch nur ein Teil eines Pfennigs eine Verwendung finden könnte.: die als auch nur indirekte Unterstützungen von Gesetzesübertretern : und ihren Institutionen anzusehen wäre. Sonst muß sich der stolze. Prinzipienreiter gefallen lassen, daß man ihm zuruft: Freund, du treibst prinzipienwidrige Politik.* Wir kommen zum Schlüsse. Der „Israelit" befürchtet, daß der Misrachi einen schroffen Bruch mit dem Gesamtkörper der Orthodoxie herbeiführen würde. Dunkel ist der Rede Sinn! Vor allem, der Misrachi ist selbst ein orthodoxer Gesamtkörper; er ist die einzige orthodoxe Weltorganisation und hat — mit Ausnahme von Australien — seire Vereine überall, wo inderWelt Juden wohnen. Aber wer gibt denn dem „Israelit*4 das Recht, im Namen >der Gesamtorthodoxie zu sprechen? Wir haben einstweilen noch kein Papsttum, in dessen Namen er berechtigt wäre, ein alleinseligmachendes * Das scheint auch die Meinung des „süddeutschen" Rabbiners zu sein, sonst würde er Eicht seine Zugehörigkeit zum Hilfsverein bestreiten. Wir bedauern, ihn in falschen Verdacht gebracht zu haben, aber wir hatten nach dem Jahresbericht das Recht dazu. Uns trifit dabei kein Vorwurf. ausschließlich wahres Judentum zu verkünden und jeden Andersdenkenden als Häretiker zu behandeln. Aber der „Israelit" befürchtet wohl nur, daß die deutschen Zionisten einmal anfangen könnten, eine eigene, mit derjenigen des „Israelit" nicht übereinstimmende Politik zu treiben. Das kann er ja erzielen, wenn er seine Angriffe gegen die Gesetzestreuen im Zionismus weiter fortsetzt. Jeder Angr.ffin der Presse und von der Kanzel ist ja ei.» Schritt, der diese Zionisten von der „IsraeÜt-'orthodoxie loslöst. Die Folge wäre aber nicht, ein Verfall des Misrachi, — dafür mag der „Israelit" Berufenem die Sorge überlassen — sondern jubelnder Beifall weit über das Lager des Misrachi hinaus, Heute schon macht sich die Opposition gegen den „Israelit" derart geltend, daß sie sich ein eigenes Zeitungsorgan geschahen hat. Wünscht der „Israelit", auch noch eine Schilderhebung des Misrachi angesichts all der Fragen, die die deutsche Judentoeit in den nächsten Jahren bewegen werden, so mag er nur ruhig fortfahren, den Zionismus weiterhin mit seinen religiösen Bedenken zu bekämpfen. Wir werden nicht aufhören ihm zuzurufen, daß er auf der einen Seite Prinzipienreiterei, auf der andern Politik treibt. Für das sonst noch Nötige werden hoffentlich andere sorgen. Aber einstweilen müssen wir von ihm und seinem Logikprofessor Abschied nehmen. Wenn wir uns aber wieder begegnen, um ein neues collegium Jogicum von ihm zu hören, — wir nehmen gern Belehrung an — dann möge er nicht scholastisch spitzfindige Unterscheidungen machen und das Wichtigste übergehen, sondern mit uns den Satz beherzigen: „Amicus Plato, sed magis amica veritas."*) *) Vgl. Nr. 38 und 43 der „Welt." In die Widergabe des in Nr. 43 enthaltenen Artikels haben sich infolge eines technischen Versehens verschiedene Satzentstellungen eingeschlichen, weshalb wir hier den Schluii des Artikels wiederholen. ( □□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□ ° )§ Das Judenproblem in der deutschen Literatur Von Georg Hecht, Leipzig: Wer wollte an der Tatsache vorübergehen, daß die Juden in der deutschen Literatur eine ziemlich bedeutende Rolle spielen? Es ist nicht bloß heute so. Denkt man an die Salons und die Romantik der jüdischen Frauen vor hundert Jahren, — und der Kenner kann die Dinge noch weiter zurückverfolgen, — der Einfluß des Judentums läßt sich stets feststellen. Man muß nur das sich klar machen, daß man bei diesem Thema von drei Dingen spricht: einmal von dsr Einwirkung der Juden auf die deutsche Literatur, das andere Mal von dem aktiven Anteil der Juden, und zuletzt von der Stellung der Juden in den Schriften nichtjüdischer Autoren. Als Beispiel der ersten Art wäre das Verhältnis der Bibel zur deutschen Literatur hervorzuheben. Für die zweite Art finden wir gerade in der Gegenwart ein schier unübersehbares Material, das vom Zeitalter der sogenannten Aufklärung an Jahr für Jahr eine stets reichere Fülle zeigt, so daß einzig unter diesem Gesichtspunkt betrachtet die Juden in der deutschen Literatur eine überragende Rolle spielen. Aus dieser Einseitigkeit heraus hat man von einer „Verjudung" gesprochen, was, vom allgemeinen Standpunkt betrachtet, lächerlich ist oder als Ausdruck der Judophobie Mitleid erregt. Aber es genügt keineswegs, diese Tatsachen im Umriß festzustellen, wie das in einem dicken Band*) der Herr Professor Geiger unlängst getan hat, wovon gleich zu sprechen ist, sondern es ist die eigentliche Aufgabe, aus den vielen einzelnen Erscheinungen immer jenen heimlichen Ton herauszuhören, der sie in seinen verschiedenen Arten zu einer Harmonie vereinigt; dann finden wir vielleicht das Gesetz. Ungleich dem genannten Herrn haben viele diesen Versuch gemacht. Sie haben uns gelehrt, daß diese Tatsachen der Literaturgeschichte ein Völkerproblem verbergen, dessen Erkenntnis wir uns in all den Jahren freilich kaum genähert haben. Wenn man aber, wie Herr Professor Geiger, zwar dieses Problem konstatiert, es aber trotz aller Gegenwart als im Sinne einer Volksassimilation gelöst erklärt, so ist das doch nie ein wissenschaftliches Verfahren, dessen sich der Autor rühmt. Und er hätte es sich bei einiger Selbsterkenntnis versagen müssen, im Anschluß an eine keineswegs grandiose Beichtoffenbarung über sich von den modernen *> „Hie deutsche Literatur und die Juden". Berlin 1910. G. Reimer. literarischen Erscheinungen jenes Völkerproblems, — man denke an die Schlagworte: Juden frage, Antisemitismus, Zionismus, — im Tone wegwerfendster Verachtung zu schreiben. Dies hätte er nicht tun dürfen als Mann der sogenannten Wissenschaft, als Jude oder [um ihn, aber auch um die „Juden" nicht zu kränken] als ein Mann jüdischen, noch besser: „mosaischen Glaubens", und zuletzt, weil es jedem zu ersichtlich wird, daß die Verachtung des Herrn Geiger unecht ist. Was können nämlich die letzten Tatsachen unserer Geschichte dafür, daß sie der Theorie des Herrn Professors von der vollzogenen Assimilation der Juden in Deutschland widersprechen? Antisemitismus und Zionismus und alle die Fragen, die damit zusammenhängen, beweisen eben durch ihr Dasein, daß die Assimilation noch nicht vollzogen ist, daß man sie auf beiden Seiten, wenigstens teilweise, nicht einmal wünscht. Was ist das nun für eine wissenschaftliche Art, ist es überhaupt noch wissenschaftlich, Dinge und Tatsachen absichtlich totzuschweigen? Und wohlgemerkt: obschon der Herr Professor ginze Literaturströmungen in der bedenkl chsten Weise angreift, er findet auf 304 Seiten doch nicht den nötigen Raum, seine schnöde Beurteilung auch nur mit einem Worte zu begründen. Was gibt uns dagegen der Autor? — Um das zu würdigen und zu verstehen, muß man wissen, daß in Deutschland jüdische Literaturvereine bestehen, deren Mitglieder doch den unklaren Schimmer davon haben, daß eine jüdische Literatur besteht odsr bestand, und daß es schon g?<nz richtig wäre, sich darüber so viel, als zum Hausgebrauch gerade nötig ist, unterrichten zu lassen. Und warum auch nicht? Man läßt sich also einen Doktor oder noch besser einen Professor aus Berlin kommen, um einen Vortrag von ihm zu hören. Nun hat sich freilich die Praxis herausgebildet, nicht mehr eigentlich über die jüdische Literatur zu sprechen, — eine Schuld, an der trotz aller Verdienste auch der verstorbene Gustav Karpeles teil hat, — sondern über Beziehungen, die zwischen Juden und bekannten Dichtern und Schriftstellern bestand, was als biographische Kleinigkeit nur noch sehr locker mit der allgemeinen Literaturgeschichte, doch gar nicht mit der jüdischen Literatur, zusammenhängt. Und so hat auch Herr Professor Geiger Vorträge gehalten über „Goethe und die Juden" oder „Schiller und die Juden", „Börne und die Juden", usw. usw. mit dem Kehrreim „und die Juden"; bisweilen hat er sich mehr auf den Zweck jüdischer Literaturvereine besonnen, dann hat er den

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