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Die Welt · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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W70 ~ ELT Np. 4# Was mit der ca. halben Million Menschen geschehen soll, die durch ein von sozialdemokratischer Seite unterstittzf6s Gesetz um Hab und Qüt kommen, darüber macht sich das Haupt der galizischeh Sozialdemokraten, weiter keine Sorge. Er wünscht aber auch nicht, daß dies andere turi, und seinen schärfsten Unwillen erregt hier die; Tätigkeit * der Zionisten1. Er drückt sich so aus:- 1; „Nehmen Sie zum Beispiel die Zionisten. Sie sind gefährliche v Träumer. Sie4 berührt nicht tlte Not der jüdischen Massen, sie wollen sich bloß von der Not des Judentums , befreien. Die zionistische Bewegung ist meiner Meinung nach die größte Gefahr für die galizischen Juden. Die LanJespolitik der Zionisten hat tausende Existenzen ruiniert, ohne daß die große jüdische Masse etwas daJurch gewonnen hätte." Hier artet für jeden, der diese Worte des polnischen Abgeordneten liest, die immerhin verständliche Polemik in ein wüstes, taktloses Schimpfen aus. „Gefährliche Träumer!" „Existenzen ruiniert!4' , Hier endet für uns auch die Pflicht, diesem sozialistischen Diplomaten zu erwidern, ihn zu widerlegen. Wir weisen seine Worte als einei unberechtigte Einmischung eines Fremden in unsere, in'jüdische Angelegenheiten zurück. Niir kurz sei hier au! eine kleine Diskrepanz in der Auffassung Daszynskis verwiesen: Wenn die zionistische Landespolitik antisemitische Gesetze bekämpf!, so ruiniert sie damit — sagt Daszynski — die jüdischen Massen. Wenn aber, die Sozialdemokraten für diese selben Gesetze stimmen, so erweisen sie damit ihrer Meinung nach den Juden eine Wohltat. Für diese verzweifelte Logik werden die jüdischen Wähler wohl das richtige Verständnis beweisen. Der Zorn Daszynskis ist uns freilich verständlich. Als dieser Herr sich so recht im Antisemitein gütlich tat, wählten ihn die Juden Krakaus aus dem Parlament hinaus. (Zwei seiner Genossen, Dr. Diamand und Liebermann kamen mit zionistischer Stichwahlhilfe ins Parlament.) Er konnte dann lange Zeit hindurch kein Mandat finden. Die Grazer Genossen bedankten sich für. die Ehre, und erst in Schlesien gelang es, für ihn ein Mandat freizumachen. Seit damals zieht Daszynski, wo immer sich die Gelegenheit findet, gegen die Zionisten zu Felde. So hat er einmal die „Neue freie Presse" für ein zionistisches Organ erklärt. So hat er allen Ernstes die deutschnationalen Straßenkrawalle in Wien, die sich gegen die Tschechen richteten, als zionistische Demonstrationen bezeichnet. Die amerikanischen Blätter konstatieren übereinstimmend den schlechten Eindruck, den Daszynskis Auftreten in den jüdischen Kreisen Amerikas gemacht hat. Er wird aber auch daheim Sturm ernten, dieweil er Wind gesät hat. Es steht zu erwarten, daß die galizischen Juden sich gegen den sozialistischen Helfershelfer des schlachzizischen Rowdytums ebenso kräftig und nachhaltig zur Wehr setzen wrerden, wie sie das gegen die Schlachta selbst getan haben. Mit ihm wird natürlich auch seine Partei leiden. Denn schließlich und endlich — um ein Wort Bismarkes zu variieren — ist doch einmal auch eine Partei für die Fensterscheiben verantwortlich, die ihr Führer eingeschlagen hat. I A» L> L^fasky f Ein schwerer Schlag hat die hebräische Literatur unddie jüdische Öffentlichkeitgetroffen. In A'.L. Le winsky, der am 27. Oktober in Odessa gestorben ist, verliert das jüdische Volk einen seiner besten Söhne. Eine anscheinend unbedeutende Halsentzündung, an der er vor kurzem; erkrankte, hatte eine schwere Blutvergiftung zur Folge, die nach wenigen Tagen die Katastrophe herbeiführte. Das Bemühen zahlreicher hervorragender Ärzte, die auf die Kunde von der Krankheit des hervorragenden Mannes herbeigeeilt waren und am Krankenlager geradezu Tag und Nacht zugebracht hatten, konnte das Geschick nicht wenden. Am Morgen des 27. Oktober verschied A. L. Lewinsky im Alter von b2 Jahren, Die -Kunde von der schweren Krankheit und später vom Tode des ungemein beliebten .Minnes rief unter der jüdischen Bevölkerung Odessas eine ungeheure Erregung hervor. Tausende von Personen füllten während der letzten Tage den Hof am Wohnhause des Schwererkrankten und die anliegende Straße, Nachrichten über seinen Zustand mit f eberhafter Spannung erwartend. Die erste Trauerfeier, die wenige Stunden nach seinem. Hinscheiden in derJabneh-Synagogestattfand,versammelte trotz der Arbeitszeit und der ungenügenden Bekanntmachung viele Hunderte von Personen. Lautes Schluchzen erfüllte denßetraum, als derKantordas „El molerachmim" vortrug. Männer wie Frauen weinten bitterlich. Als dann Dr. Sapir dem Dahingegangenen die ersten Worte eines, herzbrechenden Schmerzes widmete und darauf hinwies, daß gerade für diesen Tag die Ehrung Lewinskys anläßlich seines schriftstellerischen Jubiläums geplant war, da brach der heiße Schmerz über den großen Verlust los, und in der Synagoge war nichts mehr als ein verzweifelter Jammerschrei zu hören. Die zionistische Bewegung verliert in Lewinsky einen ihrer eifrigsten und treuesten Anhänger von der ersten Stunde an. Gehörte doch Lewinsky zu jener unter dem Namen „Bilu" bekannten Pioniergruppe der Charkow er Studenten, die Anfang 1881 die Universität und die Heimat verließen und sich nach Palästina begaben, um dort den Eckstein für den Zukunftsbau des jüdischen Volkes zu legen, — um den Anfang der landwirtschaftlichen Besiedlung Palästinas durch Juden zu machen. Für die hebräische Literatur bedeutet aber der Tod Lewinskys einen ungeheuren, unersetzlichen Verlust. Lewinskys Feuilletons waren die Zierde und der Stolz aller hebräischen Preßorgane. Namentlich waren seine regelmäßigen Feuilletons im „Haschiloah" über die brennenden Tagesfragen des jüdischen Lebens, seine ungemein beliebten „Machschaboth u'maassim" Meister-: werke in ihrer Art. Die hebräische Literatur kennt keinen zweiten Schriftsteller, der so geistreich, so humorvoll, dabei aber auch so warm und liebevoll, so gründlich und mit so großem sittlichem Ernst die verwickeltsten Probleme unseres Volksdaseins behandelte. — Von seinen ältern Schriften verdient die glänzende, nach Form und Inhalt gleich gediegene Utopie „Eine Reise in Palästina im Jahre 5800" besondere Erwähnung. Lewinsky schrieb auch, ein echter Volksmann, wie er war, im Jargon; seine hingebungsvolle Liebe galt aber dem Hebräischen. Er hat sich auch große Ver-

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