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Die Welt · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44 DIE^E LT 1169 sich zu entfalten. Das - hat die nationale Presse, das haben die Fortschritte des Hebräischen, das hat die Begeisterung der in den Turnvereinen und in andern Verbänden sich national organiserenden Jugend zur Folge gehabt. Eine systematische Propaganda ward nicht entfaltet. Um so höher sind die im vergangenen Jahre erzielten Erfolge anzuschlagen. Der Zionsgedanke ist, trotz aller Hasser und ungünstigen politischen Entwicklungen, auf dem besten Wege, das osmanische Judentum zu ergreifen und zu durchdringen. Damit wird diesem das große wunderwirkende Ideal zuwachsen, dessen es vor allem andern zu seinem Wiederaufleben, zu seiner schönern Neugeburt bedarf. DASZYNSKIS NEUESTES CREDO Von Julius L5wy Man müßte diesen Artikel eigentlich anders betiteln. Etwa: Eine neue Taktlosigkeit Daszynskis. Denn der Führer der polnischen Sozialdemokratie hat schon unzählige Male seinen Unmut über die zionistische Bewegung ausgesprochen, und das immer in einer Form, die ein Mann von einigermaßen politischer Bildung und Geschmack vermeidet. Die Äußerungen Daszynskis gehen immer über den Rahmen einer objektiven oder auch nur ablehnenden Betrachtung hinaus. Wir können selbstverständlich nichts dagegen haben, wenn sich ein Mann, der im öffentlichen Leben steht, kein richtiges, vielmehr vollkommen subjektives Urteil über eine nationalpolitische Bewegung, wie es die unsrige ist, bilden kann. Wir konnten vor Jahren unser Bedauern darüber ausdrücken, daß Daszynski das -Wesen des Zionismus in der Errichtung von Jargongymnasien sieht, und wünschen, daß er sich — wie es die Pflicht eines Politikers ist — besser informiere. Aber wir müssen diese unsere Haltung nunmehr revidieren. Daszynski, der seit einiger Zeit in den Vereinigten Staaten weilt, hat dem Redakteur des „Jewish Weekly" ein Interview gewährt und einiges über die Notlage der Juden in Galizien erzählt. Daß eine solche besteht, kann auch Daszynski nicht bestreiten. Es gibt sie zu, aber er hat auch ein Heilmittel bereit: „Was die polnischen Konsumgenossenschaften und ihren Anteil an der Schuld der Notlage der Juden betrifft, so mag ja das seine Richtigkeit haben, aber dem ist nicht leicht abzuhelfen. Man muß Geduld haben. Das Volk mußt ausgebildet werden, dann wird auch der Antisemitismus verschwinden, er ist sogar jetzt schon an manchen Orten im Verschwinden." Diese Vertröstung auf eine einmal kommende Zeit der Verbrüderung aller Menschen wirkt etwas sonderbar, wenn man z. B. an die neugegründete christlichsoziale Partei Galiziens denkt, an die Hetzereien der Stapinski- Gefolgschaft und an das unwürdige Spiel, das der galizische Landesausschuß mit der Enquete über das jüdische Elend treibt. Und wenn man über die Grenzen Galiziens schaut, so erfährt man, daß letzte Woche die polnischen Progressisten Russisch-Polens gegen die.$ystemisierung jüdischer Interessenvertretungen in den Sfadtparlamenten Stellung genommen haben, also antisemitischer sind als sogar das offizielle Russentum. Hören wir nun Daszynski weiter an:,, „Ich gebe zu, daß der Reichsrat in dieser Richtung zu wenig geleistet hat. Das gegenwärtige Parlament hat eine antisemitische^ Majorität. Die Sozialisten tun ihr Möglichstes, aber viel zu erreichen sind sie nicht imstande; weil ich ein bestimmtes antisemitisches Gesetz nicht zu verhindern vermochte, wurde ich zum Antisemiten gestempelt. Das nimmt in Galizien natürlich niemand ernst, außer einigen Parteiführern und einigen jungen Burschen." Es ist klug von Daszynski, daß er das Gesetz, das er nicht zu verhindern vermochte, nicht genau bezeichnet. Es gibt nämlich kein solches. Die Sozialdemokraten zählen 88 Mandate, verfügen also über fast den sechsten Teil der Sitze des österreichischen Parlamentes. Wenn eine Partei von solcher Stärke und solchem Fraktionsgeist irgend etwas ernstlich verhindern will, dann kann sie schwerlich mit dauerndem Erfolg daran gehindert werden. Sie hat aber niemals einen solchen Willen gezeigt. Im Gegenteil. Als sich z. B. im Sommer 1908 die jüdischen Abgeordneten aller Schattierungen unter Führung des Jüdischen Klubs zu einer Protesterklärung gegen die Abstimmung über die Schmidt'sche Resolution zusammentaten, da hat die sozialdemokratische Fraktionsleitung, in der ja auch Daszynski sitzt, den jüdischen Angehörigen die Erlaubnis zur Mitunterfertigung der Erklärung verweigert. Die Sozialdemokraten haben bei der Erlassung des Hausierverbotes, das ausschließlich Juden betrifft, geschwiegen. Die Disziplinierung oder Präterierung jüdischer Beamter und Mittelschullehrer hat siegleichfallskühlgelassen. In dergalizischenPropinationsfrage, die 72 000 jüdische Familien vor den Hunger stellt, ist diese Partei mit dem Prinzip der absoluten Gerechtigkeit in Grabesstille versunken. Daszynski versucht dies in folgender Weise zu erklären: „Die Schänkerfrage ist eine sehr delikate Frage. Die Sozialisten haben das betreffende Gesetz unterstützt, trotzdem sie sich dessen bewußt waren, daß durch dieses Gesetz zahlreiche Menschen brotlos werden und davon hauptsächlich die Juden betroffen werden. Aber was konnten wir dagegen tun! Unser Ziel ist, gegen die Trunksucht anzukämpfen und nach Tunlichkeit den Verkauf von Spirituosen als Erwerbszweig zu vermindern. Und dieses Gesetz ist ein großer Schritt zu unserm Ziele. Müssen denn Juden gerade Branntweinschänker sein?" Bekenntnisse einer schönen Seele! Die Sozialdemokraten haben das Gesetz unterstützt, weil sie nichts dagegen tun konnten! Sie hätten doch dagegen stimmen können! Der Kampf gegen den Alkoholisnuis ist eine leere Phrase. Denn jedermann weiß, daß der Zweck des Gesetzes letzten Endes der ist, den Gewinn aus dem Verkauf von Spirituosen den Privaten, d. h. den jüdischen Pächtern, zuentziehen und den Gemeinden zuzuführen, die die Konzessionen wieder weiter verpachten können. Eine rechnerische Operation also, die ein humanitäres Mäntelchen trägt. Aber Daszynski hat einen bequemen Einwand: Müssen denn Juden gerade Branntweinschänker sein!

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