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Die Welt · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1168 OIE^ELT No. 44 Volksgruppe in so verbildender Umgebung die starken Männer, die wahren Führer hervorbringen sollen? Und wenn sie sich schon fanden, wer gab ihnen die nötigen Hilfsmittel in die Hände, all die Reformen zu inaugurieren, die an Haupt und Gliedern des kranken Volksorganismus zu vollziehen waren? Und ist die gegenwärtige, durch politisches und ökonomisches Siechtum erschöpfte Generation im Orient überhaupt noch der Wiederbelebung fähig, oder muß nicht vielmehr erst von der nächsten, in Freiheit erzeugten und heranreifenden, all das Gewollte erwartet werden? Vor diesen Erkenntnissen schwinden Sünden und Unzulänglichkeiten von Einzelpersonen. Die besten Absichten des Großrabbiners, soweit sie nicht selbst aus dem Irrtum vergangener Tage erwuchsen, konnten nicht größere Resultate erzielen als wir sie erlebten. Die Führer in Politik und Gemeinde konnten nicht mehr und heilsamere Betätigung offenbaren, als sie es taten. Die Massen nicht edlere Instinkte und Triebkraft zeigen als sie besaßen. Es fehlte an Ideen, an Geld und an Menschen. Nur ein Wille zum Aufstieg, vorläufig noch ein unklarer, von keinem fe'sterfaßten Ziele erfüllt, war vorhanden. Aber wenn er auch einstweilen niedergebrochen ist, wenn der Großrabbiner entmutigt Abschiedsgedanken ausspinnt, die Leiter der Konstantinopeler Gemeinde vor der unfruchtbaren Mühsal ihrer Ämter unwillig flüchten, die großen Kehillot im Reiche zerfallen, die Religiosität sich unter dem Mangel an geistigen Leitern zersetzt und die Massen noch in Unwissenheit und Armut schmachten — so ist doch trotz allem nicht zu vergessen, daß auch hier jüdisches Blut seinen Umlauf hat, welches noch immer und überall seine Regenerierung erlebt, und welches auch hier ganz neue, wenn auch noch allzu zartjunge Kräfte in die Welt setzt, an denen es seine Gesundung wird vollziehen können. Diese wird aber nicht aus sich heraus allein erfolgen können. Man wird uns nationalen Juden, die immer und immer wieder die Einheit der Alljudenheit betonen, nicht einen beschränkten oder egoistischen Separatismus vorwerfen, wenn wir feststellen werden, daß das gegenwärtige sephardische Judentum zu seiner Selbsterhebung nicht ausreicht. Das vergangene Jahr seiner Bemühungen hat es zur Genüge illustriert, sie waren fruchtlos. Es fehlt ihm aller Sinn zur eisernen Umfassung eines ideellen Zieles, zu geduldiger energischer Stufenarbeit, und vor allen Dingen zur Organisierung. Es besteht ein aufflackerndes Wollen, ein sprunghaftes Anfassen, aber baldiges Loslassen und Resignieren, und ein verzetteltes Kraftverbrauchen; damit ist nichts zu erreichen. Was in den letzten Jahrzehnten im orientalischen Judentum an Werten entstanden ist, schuf die Mitarbeit der aschkenasischen Juden von draußen: die neuen Schulen, die Kolonisationen. Schon einmal war, durch die Männer der Alliance, eine große Regenerationsarbeit geleistet worden, in den letzten Jahren geschah das durch den Hilfsverein auf dem Gebiete des Schulwesens von neuem, im abgelaufenen Jahre in hervorragendem Maße durch den Einfluß der in Palästina sich aufspeichernden Energien eingewanderter Aschkenasim Auch die Bewegung der physischen Regeneration der Sephardim durch Leibesübungen ist von Aschkenasim in die Wege geleitet. Darum ist zu wünschen, daß das sephardische Judentum sich möglichst energisch um den Anschluß an das aschkenasische bemühe. Daß es sich die Ideen und Methoden der Aschkenasim draußen zueigen mache; ihrer möglichst viele ins Land zu . ziehen suche und die im Lande lebenden zu möglichst intensiver Zusammenarbeit sich nahebringe. Darum müssen wir es als schweren Fehler bezeichnen, wenn die Leitung des Konstantinopeler Sephardentums die gesunde Entfaltung der aschkenasischen Gemeinde im abgelaufenen Jahre zu unterbinden suchte. Schon jetzt ist die kulturschaffende Wirkung aschkenasischer Kräfte im ottomanischeh Gemeindeleben fühlbar. Sie haben eine freie Presse und eine freie Kritik geschaffen, die allein eine gesunde Organisierung vorbereiten können. Das sollte freudig Anerkennung finden, anstatt verbittert bekämpft zu werden. Sie haben der Jugend Ideale eingehaucht und eine hier nie gekannte Frische gegeben. Sie haben der Öffentlichkeit Aufgaben gestellt und demokratisierenden Reformen den Weg gewiesen. Sie haben, von Palästina ausgehend^ die Schulen hebräisiert und pädagogisch wesentlich gebessert. Es nützt nichts, ihrem Impulse zu widerstreben; sie werden weiterwirken, weil es der Volksgeist und die Neuzeit ist, die aus ihnen wirken; sie werden unablässig, äußerlich anscheinend kämpfend, aber im Herzen liebend, auf das Zusammenleben und das innere Wesen der Sephardim ihren Einfluß üben, bis zu dem Momente, da diese selbst genügend neue Kräfte besitzen werden, um dieses Einflusses zu entraten. Man kann das Problem auch anders wenden und sagen: daß das türkische Judentum von Palästina aus genesen werde. Schon jetzt ist das Lehrerseminar des Hilfsvereins in Jerusalem diejenige Instanz, die zur tiefgehendsten Wirkung berufen ist. Im verflossenen Jahre hat es begonnen, die jüdischen Städte des Reiches mit den einzig für ihre Bedürfnisse geeigneten Lehrkräften zu versorgen. Und wenn, wie schließlich doch über kurz oder lang zu erwarten, allenthalben moderne Kindergärten und Elementarschulen die alten Maestros und Talmud-Thoras ablösen werden, wird das ganze türkische Judentum sich nach Palästina wenden müssen, wie es Saloniki schon mit so herrlichem Erfolge getan hat. Auch in anderer Richtung war im scheidenden Jahre Erez Israel für die ganze Türkei so fruchtbar. Das Rabbinerseminar in Jerusalem ist eröffnet worden, und von hier aus wird sich die Regenerierungskraft über das Land ausstrahlen, denn hier werden die schmerzlich vermißten geistigen Führer der Gemeinden erstehen. In Haifa ward auch der Grandstein zum technischen Institut gelegt, das den Juden des Orients zu einem ökonomischen Vorsprung wird mitverhelfen können. Das große landwirtschaftliche Tnstitut hat im Prinzip Realisierung gefunden. Das hebräische Gymnasium ward ausgebaut und wird sich zum geistigen Musterbau entwickeln. Und eine ganze palästinensische Jungmannschaft ist in die Militärschulen der Hauptstadt eingezogen, um zum ersten Stabe jüdischer Offiziere in der Türkei zu werden. Das und noch manches mehr hat Palästina der türkischen Judenheit im Jahre 5670 gegeben und wird es in der Zukunft noch zehnfach geben. Man kann einstweilen nicht sagen, daß die türkische Judenheit dem Lande unserer Väter mit gleicher Liebe vergolten. Die Prediger der Furcht haben noch zu viel Macht, als daß die doch vorhandene, nur verborgene Herzenswärme für Palästina aus ihrer Mitte zu tätigem Ausdrucke käme. Aber ein neuer Geist ist doch schon sichtbar lebendig. Die Zionsliebe, von außen in sie getragen, ist daran,

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