Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Patriarchat niederfielen: und die für den Klarsehenden diePräliminarien zü'einer langsamen, aber sicher nahenden, völlkcmfnenen Kassierung ihrer staatsrechtlichen Privilegien darstellen. In dieser Richtung bildet das abgelaufen de Jähr eine ganz bedeutende Entwicklungsetappe: die Zentralisation war sein wirksames Stichwort, es brachte Verstärkung der Zentralgewalt und erhebliche Schwächung der Nationalitäten. Diese Schwächung hat das Judentu!"rt rniterfahren> seihe nationalen Formen im politischen Gefüge der Tinkei gingen die ersteh Schritte ihrer Auflösung entgegen. Zum dritten wurden die Hoffnungen enttäuscht bezüglich der jüdischen Einwanderung. Sollte es wahrhaft sichtbar werden, daß die Türkei an einer solchen Gefallen fand, daß' sie ihr eigenes Interesse darin erblickte, heimatlösen jüdischen Ankömmlingen ein neues -Asyl bei sich zu eröffnen, so mußten zuerst jene alten Schranken fallen, die bisher gegen diese Menschenzufuhr bestanden hatten. Die alte Türkei hatte, mit Recht, gegen den Eintritt europäischer Elemente aufihr Gebiet eine Abneigung; sie' wollte keine fremden Interessensphären undKraftpunkte schaffen, an denen sie später würde zu laborieren haben, so war das papier röuge entstanden. Jetzt aber, so hatten die Juden gedacht, würden die Jungtürken zwischen den Juden und zwischen Europa unterscheiden, würden sie den aufrichtigen Gelühleh der jüdischen Freundschaft trauen, ihrem Willen, der Türkei nützliche Elemente zuzuführen, Glauben schenken und sie dabei unterstützen, diese immigrierende Elemente zu osmanischen Untertanen zu machen. Diese Meinung trog uns. Der rote Zettel oder ei le andere Kont roll form über den Eintritt von Juden in Palästina ist nicht abgeschafft worden, trotz alles Drängens, und eine Erleichterung der Gewinnung des Staatsbürgerrechts für einwandernde Juden ist nicht eingetreten; Diese praktische Widerlegung der idealen Versprechungen Ahmed Risas war nicht gegen den Zion smus gerichtet, wie dessen Widersacher behaupten. Den Bestrebungen zur E nführung von Juden in andere Gegenden des Reiches standen ganz gleiche oder ähnliche Schwierigkeiten entgegen. Auch hier wollte man nur solche Judenrna.^sen sehen, die aus ihrem ursprünglichen Vaterlandsverband bereits förmlich entlassen waren, und wollte man sie nur in kleinen, weithin zerstreuten Siedlungen dulden, die an einen großen Niederlassungsplan nicht denken ließen. Die beiden Bedingungen beleuchten zur Genüge die Ursachen der Schwierigkeiten. Die maßgeblichste ist der Bestand der Kapitulationen. Sie hindern den Türken, selbst falls er es wollte, zwischen Juden und dem übrigen Europa zu unterscheiden. Solange sie den Eingewanderten befähigen, sich wann es ihnen beliebt (für Russen bildet auch das Ottomane-Werden keine staatsrechtliche Hinderung), unter den Schutz einer auswärtigen Macht zu stellen, besteht, das muß man dem Türken zuerkennen, eine gewisse Gefahr ausländischer Einmischung mit allen aus ihr drohenden Komplikationen. Also nur mit der Abschaffung der Kapitulationen kann dieses Einwanderungshemmnis verschwinden. Ein anderes aber, und betrübenderes, ist es um die zweite Bedingung, die eine politische Furcht vor der jüdischen Masse' als solcher voraussetzt. Für diese Furcht, diesesv beleidigende\ Mißtrauen, sind vor der Geschichte Juden verantwortlich: eigensüchtige Hetzer und Verleumder im Herzen des Lahdes, verblendete Politiker der alten Pariser und Londoner Schule, die reisenden jungtürkischen Führern, unverständlich; in Kvelch^rh'; Interesse, die zitinistiseriefr Gedänkeny ufid. därnit alles in die Türkei sieh einfühYenÜe Jüdentern,;:Verdächtigten; neue ProjektenmäcMr, die glaubten^ schneller reiten zu können, wennsie von dem Zionismussichtbarlich abrückten und ihr •Prestige zu erhöhen, indem sie das seine" verdarben'; die jüdischottbmänisch' Privilegierten an 1 der Spitze endlich,, die Einfluß, Möglichkeit und diePflrcht besaßen,- atf maßgebenden- Stäatsstellen; ' aufklärend zu wirken und1 'e£ Unterließen. So 'bleibt dehn als Bilanz des scheidenden Jahres in den Beziehungen1 der offiziellen Türkei zun! Judentume eine negative T>reiheit: anstatt brüdediche'r Herzlichkeit1 ein1 Beginn jüdenfeindlicher Tendenzen*'; anstatt Ausbaues der jüdischen Örganisierungsformeri eine Zu nick drangung ihrer nationalen Bedeutung1 uriel an Stelle der Öffnung des Landes für heimatlose jüdische Massen mißtrauische Aufrechterhaltung del alten Abspemingsschrknkeri; ' - Diese Resultate sind, freilich weder ewig, noch naturnotwendig , und darum 'durchaus nidit dazu an getan j, das Judentüm zu' entmutigen und die Hoffnungen, die es auf die Entwicklungder Türkei für; sich selber'setzte; abzuschwächen. Der Zentralismus ist, der eigener! Theorie jungtürkischer Führerzufolge, nur eine zeitliche Strömung; Trat er' zu seinem Ziel, d. h.' zur eherrieh Befestigung der türkischen Staatseinheitvgeführt, so kann er sich ganz gilt -seineV Äntithe'se^ de'm\vDe2ie:htralismuk,! entgegen entwickeln,1 denn dann ist ein Äuseinanderfallen des'Stäatsganzen durch stärkere Betonung der es zusammensetzender!; Eihzeleleme'nte nicht mehr' zu befürchten. Die Kapitulationen, vorausgesetzt, daß die Jungtürkei überhaupt Bestand hat "-LJ lind das ist heute bereits viel mehr als wahrscheinlich ^: werdetV' nicht endlaus dauern, und ihr Verschwinden' Wird ganz von selbst die Grenzen weiter öffnen. Und das vöh Juden künstlich erzeugte Mißtrauen gegen die Juden endlich wird vor der besseren Einsicht der politisch immer mehr reifenden ■ Jungtürken vergehen, wie in nur zwei Jahren ihr anfangs wütender Haß gegen das Deutschtum der besseren Erkenntnis von dessen wahrer Bewertung und neuer engster Freundschaft gewichen ist. Die Gemeinschaft türkischer und jüdischer Interessen ist eine Grundrealität, die sich'eine Zeitlang" verbergen und'verhüllen lassen kann, aber eines Tages zu Bewußtsein und zum Siege gelangen muß. ' * * ' * . ' Das innere Bild des osmanischen Judentums ist-so oft in diesen Blättern gezeichnet worden, daß eine erneute Revue unterbleiben darf. Es ist unerfreulich. Doch sei invörhinein anerkannt, daß das hier zu lösende Problem ein ungeheuer schweres war. Kritik geht zu weit, wenn sie verlängt, daß unmittelbar nach Erkenntnis des Übels sich auch seine Heilung schon vollziehe. Die Zuführung freier Luft in das Krankenzimmer kann noch nicht genügen Oft brechen dann erst akut die Fieber aus. Es braucht tüchtiger, energischer, umsichtiger Ärzte, es braucht der materiellen Mittel, die große Kur ins Werk zu setzen, es braucht eine durchgreifende Erneuerurig der verdorbenen Säfte des zu lange hingesiechten Organismus. So konnte, was voreilige Optimisten erwarteten, die einfache Tatsache der Proklamierung der Konstitution nicht ausreichen zur Renaissance des Judentums im Orient. Die Ärzte waren schwer zu finden; wie hätte auch eine so lange vernachlässigte