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Die Welt · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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/ 1166..................., __nPil-Ej Sinne . hatte so . die jüpgtürkische. Erhebung in, .gleicher Weise eine moralische Rettung auch der Juden, bedeutet, wie sie zuerst 4er Welt in der, wunderbaren Kulturentfaltung der Japaner geboten worden war. Mit dieser ideellen Genugtuung verbanden; sich aber auch ganz reale Hoffnungen, die der Jude auf die Neutürkei setzte. Das eben definierte Gefühl der Verwandtschaft dem Türken gegenüber ließ - in; seiner Seele die Annahme aufkommen, daß es ebenso auch auf der entgegengesetzten Seite, existiere, daß auch der Türke in dem Juden so ejne Art Biuder sehen würde und, seine Freundesempfincjungen erwidern, daß er vor allen Dingen die in Europa verstreuten Juden klar von diesem Europa scheiden und ai£ natürliche Gegner seiner Gegner, a)so seine Mitstreiter, erkennen würde, daß schließlich diese ins Auge springende Solidarität türkischer und jüdischer Interessen mit dem glücklichen Aufstieg der tüikischeri Welt auch eine Erhebung der jüdischen zum- Gefolge haben könnte. Kurz,, es wurde erwartet, daßdas neue ottomanische Reich, oder vielmehr dessen- Herrscher,-; die verjüngte türkische Rasse, dem Judentum im Innern und außerhalb des Landes weit und freudig die Arme öffnen und ihm, selber dabei das Beste gewinnend', einen ruhigem Hafen bei sich gewähren, ein besseres Los als allüberall erschließen . würde. Dieser Hoffnung schwebte hoch und golden die Erinnerung an ein vierhundert Jahre zurückliegendes Analogpn voraus, an die Zeiten, da die Türkei die Juden, schon einmal ihre Brüder hieß und ihnen eine Heimat schenkte?., und sie wur,de bekräftigt durch die Feststellung der wahrhaft menschlichen unjd freundschaftlichen Behandlung^ die die Juden in der Türkei seif damals fortdauernd, selbst injhren finstersten Zeiten, erfahren hatten. Darum das< .ehrliche, ganz besonders heiße Aufwallen ihres jungottomanischen Patriotismus fbei den türkischen Juden, denen er natürlicher anstand als sämtlichen andern nicbjrnohammedanischen Nationen im osmanischen Reiche. ,Und darum auch bei allen andern Juden , der Welt, soweit $ie ihr nationales Eigen- und Interessegefühl noch nicht . verloren hatten, Empfindungen der neuen Türkei . gegenüber, die so lebhaft waren, daß man es beinahe wagen könnte, sie ebenfalls patriotischezu nennen. Diese Empfindungen hat das türkische Geschichtsjahr 5670 nicht belohnt, diese Hoffnungen nicht bestätigt. Zwar liegt es auf der Hand, daß die Juden nicht sofort ein Dorado zu erwarten hatten, so wenig als die Neutürkei an einem Tage zu erbauen war. Die Jungtürken mußten erst selber Atem schöpfen können und ihre Befreiung, die sie nach innen gegen den Tyrannen aus eignem Blut vollzogen, auch nach außen Europa gegenüber, durchsetzen lernen; und diese Aufgabe war zweifellos die schwierigere. Sie mußten erst nach außen zur Ruhe kommen und auch nach innen, da wo die Intrigen der auswärtigen Politik die Unruhe ins Innere hinein übertragen hatten. Sie mußten auch in weiten Strecken ihr eignes Land eigentlich erst erobern, im buchstäblichen Sinne des Wortes, mit Kanonen und Rekruten. All das mußte natürlich auch die Erfüllung der jüdischen Hoffnungen weit hinaus verzögern. Aber doch mußte, soviel durfte 'man wohl vermuten, bald und unzweideutig jene psychologische Tendenz beim Jungtürkentum zutage treten, die die Wärme des jüdischen Herzens mit gleicher Wärme erwiderte und eine freundschaftliche Gewähr und Vertröstung für die spätere Erfüllung der weitergehenden jüdischen Träume bedeuten konnte. In der Tat schienen eine Zeitlang diese anggELT ■ ...... . ...... .. Mo. 44 •genehmen. Tendenzen sichtbar und fühlbar. Die jung-- türkischen Minister verkehrten Vertrauens voll und freundlich mit dem -jüdischen religiös-nationaleii Oberhaupte, sie versicherten ihn bei jeder Gelegenheit ihrer-Überzeugung von der besondern, ergebenen Reichstreue der Ottomanischen Juden, sie taten ihm zu. Wülen, wo nur immer es ihnen keine materiellen oder .Uberzeugungsopfer auferlegte, und schützten in vielen Fällen mit Energie die, sei es im Jemen oder im Zweistromland, in Mazedonien oder Palästina, einmal sogar in Persien, .bedrohten Interessen ihre Landesjuden. Ja, das Wohlwollen der jungtürkischen Kührer fand sogar in gewissem Grade auch auf die ausländischen Juden Ausdehnung und äußerte sich in Formen, die die allgemein jüdischen Hoffnungen verheißungsvoll streiften: Ahmed Risa Bej versprach jüdische Ansiedlungen in Anatolien, Dr. Nasim Bej wollte solche in Mazedonien. All das aber blieb nur Spiegelung an der Oberfläche. Den Willen des Jungtürkentums durchdrang es nicht. Und die. Geburt für die türkische Welt ganz neuer, dieser freundschaftlichen ganz entgegengesetzter, Tendenzen.konnte es nicht verhindern. Denn — es nützt nichts, die Augen zu verschließen — solche Tendenzen, zum Teil noch ungeklärt und verhüllt, zum Teil aber bereits klar ausgeprägt judenfeindliche, sind in der heutigen Türkei vorhanden. Sie traten zum ersten Mal aufin den Publikationen des* „Taswiri Efkiar", setzten sich fort in Hetzartikeln der arabischen Presse Syriens, grollten in den rohen Poltereien subalterner türkischer Polizeibeamter, wetterleuchteten in den bedenklichen Machinationen ernstjungtürkischer Kreise in Salonik aus Anlaß der städtischen Gemeindewahlen, und brachen gefährlich drohend aus in den Straßenkrawallen und Landfriedensbruch-Prozessen von Adrianopel, wo der wüste Antisemitismus eines Stadtgewaltigen sich genugtun durfte, ohne von der höhern Staat sgerechtigkeit in die Schranken zurückgewiesen zu werden. Das Heraufkommen dieser Elementarinstinkte wurde noch gefördert durch die Haltung, die der Staat als solcher dem osmanischen Judentum, gegenüber als Nationalität unter den Nationalitäten des Landes einnahm. Das Bestreben.der Regierenden, ein für allemal mit den Abfallsgelüsten einiger ihrer Staatsvölker aufzuräumen, hat sie diesen scharf gegenübertreten lassen und die Kluft zwischen dem mohammedanischen Herschervolk (denn das ist und bleibt der türkische Stamm) und den nichtislamischen Nationen im allgemeinen, weit geöffnet. Die Notwendigkeit ferner, die Zentralgewalt des Staats gegen den eigenwilligen Selbstbestimmungstrotz gewisser Gegenden, die, nur für sich lebend, dem Staatsganzen Lasten, nicht Vorteile, brachten, entscheidend zu stärken,, hat schließlich zu dem Wunsche geführt, alle Einzelautoritäten im Reiche möglichst zum Schwinden zu bringen und in der einen Konstitutionsregierung aufgehen zu lassen, so daß ihre Reste nur noch als Anomalien, die dem Staatswohle entgegenstehen, erscheinen. So kam es, daß die Juden im Lande, die auch nationalreligiös organisiert sind wie Griechen, Armenier und Bulgaren, an dem Gegensatz zwischen der Regierung und diesen mitleiden mußten, daß auch bei ihnen alle nationalpolitischen Verbindungen verboten, auch bei ihnen die Autonomie des Schulwesens beschränkt, auch bei ihnen die Aufnahme ins höhere Staatsbeamtenwesen verzögert und beeinträchtigt wurde, und daß auch die patriarchalische Autorität ihres Chachambaschi durch alle die Schläge erschüttert wurde, die auf das ökumenische

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