Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mo. 44 DIESE LT 1165 sondern hebräisch-jüdischen Qeist zu regenerieren und im Volkelebendigzumachen. Bedeutete etwa Jesaiasweniger, weil der Handwerker und gemeine Mann auf den Plätzen Jerusalems dieselbe Sprache redete wie er? Doch während wir hier noch streiten und diskutieren, hat das Leben längst das Urteil gesprochen. Wie eine Schöpfung aus dem Nichts ist uns in Palästina wieder eine lebendige Volkssprache erstanden. Dort, wo die natürlichen Daseinsbedingungen für eine gesunde jüdische Eigenentwicklung gegeben sind, wächst eine Jugend heran, die wieder hebräisch zu denken und fühlen gelernt hat, der das Hebräische Muttersprache und einzige Ausdrucksmöglichkeit ist. Wir andern aber in der Diaspora, die in fremder geistiger und kultureller Umgebung leben und dieses neue junge Leben nicht mit ansehen, müssen diese natürlichen Kräfte durch Schaffung einer hebräischen Qeistesatmosphäre und durch großzügige allgemeine und zielbewußte Propagierung des Hebraismus ersetzen. Da, wo die private Initiative nichts vermochte, wo einzelne Kurse und Zirkel nichts zu leisten imstande waren, wird die systematische Zusammenarbeit aller einen Erfolg zeitigen. Auf Grund solcher Erwägungen hat die im Dezember v. J. in Berlin stattgehabte hebräische Konferenz die Gründung der Organisation für hebräische Sprache und Kultur beschlossen. Sie wird den Zusammenhang zwischen der Diaspora und Palästina als dem natürlichen Zentrum des gesprochenen Hebräisch herstellen und als solche schaffend und vermittelnd zugleich wirken. In sprachlichen Fragen wird sie, da sie die größten Vertreter der modernen hebräischen Literatur zusammenschließt, die maßgebende Instanz sein. Von ihr wird die Entscheidung über die Aussprache, die Neubildungen und die Bereicherung des Wortschatzes von nun an ausgehen. Und wenn auch die große Masse der literarischen Produktion, die in unübersehbarer Menge im Osten auf den Büchermarkt kommt, weiter der Arbeit der einzelnen überlassen bleiben wird, so wird auch hier die Organisation durch Ausschreiben von Preisen, durch Einrichtung eines Verlags und ähnlicher Institutionen maßgebend und verbessernd auf viele Zweige der Literatur einwirken können. Für die gesamte Diaspora aber soll sie die Zentraiinstanz für alle Bestrebungen zur Förderung des Hebraismus im weitesten Sinne sein, zur Pflege des hebräischen Sprechens und der hebräisch sprachlichen Erziehung. Hier warten ihrer ungeheure praktische Arbeiten, und von dieser Seite ihrer Tätigkeit aus werden wir im Westen sie besonders kennen lernen. Bereits in fast allen Ländern haben sich Landeskomitees der Organisation gebildet, die im Winter mit der Arbeit einsetzen werden. Zuerst gilt es, die Vorurteile, die gegen das Hebräische allenthalben verbreitet sind, durch eine flott einsetzende Propaganda zu vernichten, sodann das, was in verwandter Tätigkeit heute bereits geleistet wird, in der Organisation zu vereinigen und neue Lust und neuen Lerneifer zum Hebräischen zu wecken. Womöglich nur in Pälästina erzogene Lehrer werden im Namen der Organisation den Unterricht leiten und durch die Möglichkeit, wirklich Hebräisch sprechen zu lernen, den Eifer und den Ehrgeiz der Lernenden stacheln. Die dazu notwendigen Hilfsmittel wird die Organisation selbst schaffen. An der Herstellung eines Lese-' buches für den Unterricht von Erwachsenen wird bereits gearbeitet. Eine moderne Konversationsgrammatik und periodisch erscheinende Unterrichtsbriefe werden sich ihm anschließen. In einigen Städten Deutschlands ist die ifBegründung von hebräischen Kindergärten der Wirklichkeit;sehr nahe. Der Erfolg der Organisation wird von der genügenden Mitarbeit vor allen Dingen der Zionisten abhängen. Für Palästina und den Osten kann sie ähnlich der Academie francaise eine dauernde Institution werden. Im Westen kann sie diejenigen, die schon über größere Kenntnisse verfügen, zu hebräischsprechenden Juden erziehen und den noch gänzlich Ungeübten wenigstens ein Verständnis für die hebräischeSprache und die wichtigsten literarischen Erscheinungen vermitteln. Ob freilich die Mehrzahl der westlichen Juden jemals einen hebräischen Roman mit demselben Vergnügen wie einen deutschen oder französischen lesen, ob sich in Haus und Familie jemals allgemein der Gebrauch der hebrätschenSprache verbreiten wird, scheint mir zweifelhaft und unwahrscheinlich, auch schon deshalb, weil eben die ständige Berührung mit dem Mutterboden des jüdischen Geistes fehlt. Trotzdem aber wird schon bei der geringsten Beschäftigung mit dem Hebräischen dem einzelnen eine unendliche Liebe zum Judentum wieder erwachsen. Jeder Jude, jederZionist sollte deshalb derOrganisation beitreten und durch persönliches Beispiel, durch das geringe Opfer des Fleißes und der Arbeit, das er zu bringen hat, fürs erste an sich die Mission ausüben, die der Zionismus als große Kulturbewegung der Judenheit gegenüber zu erfüllen hat. Das ottomanische Judentum im Jahre 5670 Von Dr. Israel Auerbach, Konstantine) pel. Mit einer Freude, als handle es sich um seine eigne Sache, hatte das Judentum der ganzen Welt den Sieg des freiheitlichen Gedankens in der Türkei aufgenommen. In den Reaktionstagen des April 1909 hatte es für sie mitgezittert, und mit heißen Segenswünschen die jüdischen Freiwilligen begleitet, die in Geineinschaft mit den Braven aller Nationalitäten ihr Leben für die Rettung der Freiheit wagten. Diese Empfindungen waren nicht bloß den demokratischen freiheitlichen Grundgefühlen entsprossen, mit denen das jüdische Volk von jeher alles geschichtliche Werden umfaßt, sondern auch aus einer Art Verw7andschaftsgefühl heraus und einem ganz realen egoistischen Interesse. Die Beziehungen Europas, oder besser gesagt der christlichen Welt, zum türkischen Orient waren in; mancher Beziehung denen zu uns Juden ähnlich. Auch von den Türken behauptete man, sie seien eine inferiore Rasse, die nicht imstande sei, ein eignes Wirtschaftsleben zu führen und staatsorganisatorische oder künstlerisch freie Werke zu schaffen; auch ihre Religion sollte sie; an der Gewinnung höchster oder innerlich tiefster. Menschheitskultur hindern; auch sie verfolgte man, wenn auch unter andern Formen, durch Gewalt und List, um dann aus ihrem gewollten und erzwungenen Niedergang mit verdoppelter Beweiskraft auf ihre Lebensunfähigkeit zu schließen.' Da hatte es denn den ganz ähnlich verleumdeten Juden mit einer besondern Genugtuung erfüllt, in dem Türken einen starken. Bruder sich erheben zu sehen, der mit dem aus eigner Kraft entrollten Freiheitspanier in der Hand den ganzen auf selbstgefälliger Epigonenlogik sich blähenden Hochmut der europäischchristlichen Völker zuschanden machte. In gewissem