Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1164 DIEWELT- Mo. 44 Die Bedeutung der hebräischen Sprache für die Diaspora Von Dr. Gotthold Weil, Berlin ■ X Im Anfang der zionistischen Propagandatätigkeit begegnete man in der Diskussion Gegnern, die dem Judentum den Charakter einer Nation absprachen. Im, Kampfe gegen sie mußte man, da man vor tauben Ohren: und stumpfen Herzen sprach, zu theoretischen Erörterungen und Definitionen über das Wesetj der Nation seine Zuflucht nehmen. Aber auch da kam man ins. Gedränge. Man kam um das Land und die Sprache nicht herum, diese beiden Hauptmerkmale einer gesunden, lebendig wirkenden Nation. Damals konnten wir uns herauswinden und uns an nebensächliche, Merkmale klammern. Vor uns selber müssen wir die Dinge sehen,, wie sie sind. Darum lassen wir die Theorien! Es könnte vermessen und utopisch scheinen, uns den großen Nationen zu vergleichen, die im Besitze von Land und Sprache sind. Aber blicken wir auf die kleinen Völker, auf die kleinsten unterworfenen Nationen, die ihres Bodens . beraubt und ihres Landes verlustig gegangen sind. Was ihnen kein Feind zu rauben vermochte, ist ihre eigene Sprache, die Sprache des Hauses und der Erziehung, die noch weit mehr als das Land die Grundlage der Volkseinheit und der stärkste und bedeutsamste Ausdruck des gemeinsamen Volkslebens ist. Tief begründet liegt dieser Zusammenhang zwischen Volk und Sprache: denn wenn schon nach dem bekannten Wort die Eigenart des einzelnen Menschen in seiner Ausdrucksweise und seinem Stil lebendig zum Ausdruck kommt, so hat man mit weit größerm Rechte allenthalben Vergleiche zwischen dem Wesen der Sprache und dem Charakter des Volkes gezogen. Und von der andern Seite betrachtet, liegt in den Wandlungen, die die Sprache in den verschiedenen Zeiten durchgemacht, in den kleinsten grammatischen Veränderungen, in dem Ausbau und dem Wachstum des^ Wortschatzes gewissermaßen ein Spiegelbild der ge-* schichtlichen Entwicklung des Volkes vor uns. Es mag überraschend klingen, aber man könnte auf Grund einer Geschichte der hebräischen Sprache eine ganze Geschichte des jüdischen Volkes schreiben. Der Untergang der Sprache ist der Untergang des Volkes. Daher stehen auch die Kämpfe um die bedrohte nationale Sprache stets im Mittelpunkte aller nationalen Bewegungen. Finnen und Polen, die Tschechen und die andern Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie, alle bieten trotz größter politischer Schwäche und staatlicher Unselbständigkeit dasselbe großartige Schauspiel des Kampfes um die Erhaltung und Wahrung der eigenen bedrohten Volkssprache. Während diese Völker aber sich daran genügen lassen können, ihren Besitz zu beschützen und ihre lebendige Sprache zu verteidigen, haben wir infolge unserer ungesunden politischen und kulturellen Entwicklung die ungleich schwierigere Aufgabe, unser Volk für unsere Sprache wiederzugewinnen, ja zum großen Teil die Sprache wieder neu zu schaffen oder doch zu erwecken. Wiederzuerwecken, sage ich. Und es möchte beinahe so klingen, als wäre sie bereits untergegangen. Hören wir doch des öftern unsere Gegner von dem Hebräischen als von einer toten Sprache reden. Niemals zwar konnten sich die Juden, sogar in den Zeiten der größten staatlichen Unabhängigkeit und politischen Freiheit, des ungetrübten und einzigen Besitzes des Hebräischen erfreuen. Ein kleiner Staat, in exponierter geographischer Lage, fremden Einflüssen stets zugänglich, konnten sich die Juden Palästinas den Sprachen der Völker, die jeweils eine Weltstellung im vordem Asien hatten, nicht verschließen: Bald war das Aramäische, bald das Griechische eine geläufige Umgangssprache unter ihnen, die die Existenz und selbständige Weiterentwicklung des Hebräischen erschwerte. Vollends nach der Zerstreuung des Volkes war der Untergang des Hebräischen eine drohende Gefahr. Trotzdem aber sehen wir überall, wo Juden wohnen und. wohnten, durch das ganze Mittelalter und die Neuzeit hindurch das Hebräische mit den Juden mit wandern. Und wenn auch die Sprache des Landes, in dem sie wohnten, die Sprache ihres Privatlebens war, wenn diese auch den jüdischen Frauen und Kindern geläufig war, — das, was unsere großen Geister der Nachwelt überliefert wissen wollten, ihre Gefühle und ihre Empfindungen für ihr Volk, ihre Betrachtungen und Forschungen über die Geschichte und Entwicklung ihrer nationalen Gemeinschaft, all ihr Sehnen und ihre Hoffnungen für die Zukunft sprachen sie hebräisch aus. Nicht so wie ein Gelehrter Lateinisch, sprach und schrieb der mittelalterliche Jude Hebräisch, er schrieb es als lebendige Schriftsprache seines Volkes, die nicht durch tote Buchgelehrsamkeit, sondern durch lebendige Oberlieferung von Mund zu Mund, von Lehrer zu Schüler, durch die Generationen sich fortgeerbt hat. Erst das letztvergangene Jahrhundert hat eine Umwälzung geschaffen; dadurch, daß der moderne westeuropäische emanzipierte Jude die politische Gleichberechtigung und das Hineinwachsen in die Kultur seines Wirtsvolkesalshöchstesldeal ansah, wardas Verschwinden des Hebräischen als einer lebendigen Literatursprache die notwendige Folge. So wurde den Westjuden das Hebräische die Sprache des Kultus und des öffentlichen Gebetes. Während aber noch bis vor zwei Jahrzehnten die Kenntnis des Hebräischen wenigstens so weit verbreitet war, daß jedermann den Inhalt dergottesdienstlichen Gebete zu verstehen und dem Kultus mit Bewußtsein zu folgen imstande war, während also verschieden von dem katholischen Gottesdienst nicht nur der Priester, sondern auch der Laie die Liturgie verstand, hat die bewußte Gegenarbeit des sogenannten religiösen Liberalismus und jüdischen Assimilantentums die furchtbarsten und gefährlichsten Erscheinungen gezeitigt. In jahrelanger Arbeit hat man gegen das Hebräische als einen Ballast, als einen Rest einer alten versteinerten Kultur gekämpft, hat die Jugend in Unwissenheit und Verachtung ihrer nationalen Sprache erzogen, hat durch ungenügenden Unterricht, durch veraltete Methoden, durch schlechte Lehrbücher Interesselosigkeit und statt Liebe Abneigung gegen das Hebräische in die Herzen der Kinder gelegt und so in der jetzt bereits herangewachsenen Generation eine Legion von unwissenden und traditionslosen Juden geschaffen. Der Kampf für das Hebräische ist identisch mit dem Kampf gegen die Assimilation. Deswegen findet uns hier der Kampf auf Seiten der andern religiösen Partei, auf Seiten der Konservativen, wenn auch ihr Standpunkt nicht der unsere ist. Denn nicht eine „heilige Sprache" ist uns das Hebräische, nicht zu konservieren allein gilt es, nicht nur das Verständnis der Gebete und der religiösen Urkunden und Formeln zu vermitteln,