Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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behüte — sondern im Gegenteil - - eine Art Liebe und Zuneigung zu ihm, nur war diese Liebe von ganz besonderer Art, und für Methusalem war sie einfach der Tod. Besser, sie hätten weniger Liebe und etwas mehr Barmherzigkeit gezeigt! Zuerst, als niemand zugegen war, machten die Kinder Kasriels, barfüßige Talmud-Thora-Jungen, einen Versuch, ob er wie ein Mensch fühle oder nicht. Sie probierten es mit einem Stocke an seinem Fell. — Nein! — Sie kitzelten ihn an den Beinen. — Nein! — Sie gaben ihm einen Nasenstüber. — Kaum! Kaum! — Erst als sie mit einem Strohhalm über sein Äuglein mit der Beule fuhren, überzeugten sie sich, daß er wie ein Mensch fühle, denn er blinzelte mit den Augen und warf den Kopf hin und her, wie einer, der sagen will: Genug damit! Das gefällt mir ganz und gar nicht! Aber erst als sie eine Besenrute nahmen und sie ihm tief in die Nase hineinsteckten, machte er einen Sprung und nieste. Da erschien Kasriel mit lautem Geschrei. „Mistbuben, verdammte! Was habt ihr mit dem Pferd zu schaffen! In den Cheder, Gesindel!" Und die Bande nahm die Beine in die Handle und lief in den Cheder, das heißt zur Talmud Thora. VIII. Dort in der Talmud-Thoraschule war ein aufgeweckter Junge namens Eiwele, ein Nichtsnutz, daß sich Gott erbarm! Seine eigne Mutter sagte mit Bezug auf ihn, solche Kinder müsse man „dicht säen, damit sie dünn aufgehen. Er hatte die Gewohnheit, einen bis auf die Knochen zu peinigen". Wo irgendein Dachboden oder ein Keller war, konnte man ihn finden. Er trieb die Hühner, Gänse und Enten, schreckte die Ziegen, quälte die Katzen und schlug die Hunde. Von Schweinen gar nicht zu reden! Das alles war ihm der höchste Lebensgenuß. Die Schläge, die er von der Mutter erhielt, die Prügel, die ihm der Talmud-Thora- Lehrer verabreichte und die Ohrfeigen, die ihm Fremde gaben, waren einfach vorgeblich. Und die Flüche, mit denen er bedacht wurde, waren wie die Erbsen, die man an eine glatte Wand wirft. Prügelte man ihn durch, so vergoß er blutige Tränen. Aber kaum wendete man ihm den Kücken, so streckte er einem die Zunge nach, machte lange Nasen und blies die Backen auf, deren er zwei hatte wie die Polster. Er war immer fröhlich und immer kerngesund. Daß seine Mutter eine arme Witwe war und sich zu Tode plagte, um einen Kübel halbjährlich für die Schule zu bezahlen, das kümmerte ihn wenig. Sowie Riwele von den Kindern Kasriels erfahren hatte, daß ihr Vater vom Jahrmarkt ein Pferd mit nach Hause gebracht habe and daß es Methusalem heiße, sprang er auf die Bank, putzte sich die Nase mit beiden Händen und schrie: Hurrah, wir haben einen Fiedelbogen! . Es muß nämlich bemerkt werden, daß Riwele seit seiner Kindheit Musik ungemein liebte. Er lechzte nach einer Fiedel und verging förmlich vor Sehnsucht, sobald er spielen hörte. Er hatte ein hübsches Stirnmchen und kannte alle Gassenhauer auswendig. Wenn er mit Gottes Hilfe groß geworden, wollte er sich schon einen Fiedelbogen kaufen und Tag und Nacht drauf los musizieren. Vorläufig machte er sich eine kleine Fiedel aus Holz zurecht und spannte statt der Saiten Fäden darauf. Er erhielt aber dafür von der Mutter ordentliche Prügel. „Was! Ein Musikant willst Du werden? Das will ich nicht erleben!" Gegen Abend, als Chaim Chone, der Talinud-Thora-Lchrer, seine Schüler entlassen hatte, ging alles zu Kasriel, um des Wasserführers Pferdchen einen feierlichen Besuch abzustatten. Der erste, der. seine Meinung zum besten gab, war natürlich Riwele. Er fand, daß das Pferd ein vorzügliches Pferdchen sei. Ks wird aus seinem Schweif Saiten liefern, soviel man nur brauchen wird! „Ich wills einmal probieren!' Und Riwele stahl sich von hinten an Methusalem heran und begann Haare aus seinem Schweif zu zupfen. Solange Riwele die Haare einzeln herausriß, blieb Methusalem ruhig und dachte: , Ein Haar aus dein Schweif? Was kann mir das schaden? Ich verde ein Haar weniger haben!" Als Kiwele aber sich an den Schweif anhing und eine ganze Handvoll auf einmal zu reißen begann, verdroß das Methusalem sehr. „Laßt ein Schwein ins Zimmer", dachte er, „gleich springt es auf den Tisch". Und ohne lange zu überlegen, versetzte er Kiwele eins mit dem Hinterfuße direkt auf die Zähne, daß ihm die ganze Lippe zerspalten wurde. „Recht geschieht dir! — Wehe! Wehe! — Das hast du verdient! — Um Gottes willen! — Geh' nicht hin, wo du nicht hingehörst!" So rief seine Mutter, Jente, die Schwätzerin. Sie machte ihm kalte Umschläge um die zerspaiteno Lippe, weinte und faltete die Hände, lief zu Chine, der Baderin und war außer sich. IX. Riwele war, Gott sei Dank, ein Kind, bei dem alles heilt wie bei einem jungen Hund. Im Nu war die Lippe Avieder zusammengeAvacbsen, als ob nichts vorgefallen wäre, und RiAvelo verfiel nun auf neue Ideen, Man müßte einmal auf Methusalem eine Reitpartie unternehmen, just alle Talmud-Tbora-Jungen auf einmal Aber Ayie macht man das, daß es niemand merkt? Riwele fand einen Auswog, nämlich, daß der Sabbathnachmittag sich vorzüglich eigne. Wenn die Leute an diesem Tag gegessen und sieh schlafen gelegt, dann könne man ganz Kasrieliwke mit Sack und Pack davontragen. Einer der Jungen hatte allerdings Bedenken. Wie darf ein Jud am Sabbath fahren? Doch Riwele Avußte die Bedenken zu zerstreuen. Beheme! rief er, heißt man das denn fahren, das nennt man doch spielen! Der ersehnte Sabbathnachmittag kam heran. Die Leute legten sich nach dem Essen schlafen, und unter ihnen auch Kusriel soAvie seine Frau. Die Bande stahl sich zum Wasserführer ins Haus, undRiAvele begann Methusalem mit allen Mitteln aufzuputzen. Vor allem verflocht er ihm die Mähne zu etlichen Zöpfen, die er mit Stroh durchzog. Dann setzte er ihm auf den Kopf eine Papiermütze, band ihm eine Anzahl Bänder um den Hals und hing ihm an den Schwanz einen alten Besen, damit er schöner und länger erscheine. Und nun begann die Bande einer über dem andern auf Methusalem herumzukriechen. Wer zuerst einen Platz erwischte, saß fest. Die übrigen werden schon später an die Reihe kommen. Einstweilen gingen sie hinten nach und halfen, Methusalem anzubrüllen, damit er schneller gehe. Sie sangen dabei: „So geschieht dem Pferd, dem Riwele wolil will!" Methusalem hatte aber gar keine große Lust zu laufen und ging Schritt für Schritt; denn erstens hatte er ja Zeit genug und ZAveitens Avar heute überhaupt Ruhetag. Riwele hörte aber nicht auf, das Pferdchen mit Hüb und Hott anzutreiben und mit allen Kräften den Kindern zuzurufen: „Hol' euch der Teufel, warum schweigt ihr!" Methusalem ging trotzdem Schritt für Schritt. Er dachte: „Bubenspiel! Meinetwegen!" Als aber die Rotte immer stärker zu treiben anfing und mit den Händen drohte, da beschleunigte Methusalem das Tempo. Sobald er aber schneller ging, schlug ihm der Besen an die Beine, dann mußte er noch schneller laufen und der Besen schlug noch stärker, Er begann zu galoppieren. Die Rotte jauchzte und Riwele hinten schrie hopp, hopp. Er hoppte so lange, bis sie alle anfingen herunterzufallen Avie die reifen Beeren. SoAvie Methusalem sie alle heruntergeAvorfen hatte und sich frei fühlte, begann er erst recht Avie verrückt zu laufen, und lief und lief bis auf die andere Seite der Mühle, Aveit über die Stadt hinaus. Wie nun die Hirten das seltsame Pferdchen mit der papiernen Mütze erblickten, begannen sie eine Hetzjagd nach ihm, liefen hinter ihm her, warfen mit Steinen nach ihm und hetzten alle