Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1146 DIE3^KELT No. 43 Es ist leicht begreiflich, daß ihn die ständige Dreherei und das viele Staubsehlucken schnell abwärts brachte. Als Krüppel verließ er die Dreschmaschine mit einem Auswuchs auf dem einen Auge. Das andere Auge war gerötet, und mit seinen Beinen war s auch nicht mehr gut bestellt. Mit so schweren Gebrechen war er zu gar nichts Rechtem mehr zu gebrauchen. Man führte ihn wieder einmal auf den Jahrmarkt. Vielleicht wird's doch gelingen, ihn irgendwo unterzubringen. Zu diesem Zwecke wurde er fein herausgeputzt, seine Haare gekämmt, sein Schweif in einen Knoten geschlungen und seine Hufe mit Fett eingeschmiert. Es half aber alles nichts. Die Welt läßt sich nicht so leicht zum Narren halten. So viel man sieh auch plagte, ihm ein jugendliches Aussehen zu geben, und ihm zuredete, den Kopf stolz zu halten, er tat, Avas sich für ihn ziemte, ließ den Kopf in großer Demut hängen und spreitzte die Beine steif auseinander. Seine Unterlippe senkte sich etwas mehr als üblich, und aus dem einen Auge floß ihm eine Träne. Nein, es fand sieh kein Käufer mehr für ihn. Einige Leute gingen zwar auf ihn zu, hielten es aber nicht einmal der Mühe wert, ihm ins Maul zu sehen. Sie machten nur eine verächtliche liandbewegung, spukten aus und gingen weiter. Schließlich kam wohl ein Käufer, doch nicht für ihn, sondern für sein Fell. Man konnte aber wegen des Preises nicht einig werden. Der Fellhändler wies nach, daß es sieh nicht einmal mehr lohne, Methusalem den Garaus zu machen. Das Schinden würde mehr kosten, als das Fell wert sei. Es war ihm anscheinend 'beschert, auf ein gutes Altenteil zu kommen. Kasriel, der Wasserträger, erschien und brachte ihn nach Kasrieliwke. V Bis dahin war Kasriel „Wasserführer", ein breitschultriger Jude mit einer flach eingedrückten Nase und einem großen Bart im Gesiebt. Eigentlich war er selbst der Wasserführer und gleichzeitig selbst ' das Pferdcheu, denn er spannte sich, mit Respekt zu sagen, selbst vor das Fäßchen, um das Wasser in die Stadt zu führen So viel sich Kasriel während seines ganzen Lebens bisher hatte abrackern müssen, ei hatte noch niemand auf der Welt beneidet. Nur so oft er jemand mit einem Pferd vorbeifahren sah, pflegte er stehen zu bleiben und lange nachzusehen, wie jenes dahiulief. Das war sein einziger Wunsch auf Erden, daß ihm Gott helfen möge, ein Pferdchen zu erlangen. Aber so viel er auch sparte, er hatte noch nicht so viel Kapital beisammen, um sich ein Pferdchen zu kaufen. Nichtsdestoweniger ließ er keinen Jahrmarkt vorüber, ohne die Pferde eingehend zu besichtigen, d. Ii. er wollte nur ein bißchen zuschauen. Und als er diesmal inmitten des Marktes ein unglückliches, vereinsamtes Pferdchen, ohne Zaum und ohne angebunden zu sein stehen sah, da machte Kasriel Halt. Das Herz sagte ihm, daß das Pferd zu seinem Geld wohl passen dürfte. So war es auch! Er mußte nicht lange handeln. Kasriel erhielt das Pferdchen und eilte froh gestimmt nach Hause. Zu Hause angekommen, klopfte er an die Türe, worauf sein Weib erschreckt heraus kam. „Was ist das? Gott mit Dir!" aleh habs gekauft! gekauft! so wahr ich ein Jude bin!" Nim waren Kasriel und sein Weib in großer Verlegenheit! Wohin mit dem Pferd? Wenn sie sich nicht vor den Nachbarn geschämt hätten, hätten sie's am liebsten in ihr eignes Zimmer geführt. Schnell wurde etwa^s Stroh und Heu herbeigeschafft, und der Wasserführer und seine Ehehälfte stellten sich vor dem Pferdchen auf und konnten es nicht genug bewundern. Auch die Nachbarn kamen zusammen, um die „koschere Mezie" zu besichtigen, welche Kasriel vom Jahrmarkt mitgebracht hatte. Man lachte über das Pferdchen, und wie gewöhnlich flogen Spöttereien und Witze. ,,A Chochme" sagte einer. „Das Pferd ist ja überhaupt kein Pferd, sondern ein Maulesel!" „Ach was! Ein Maulesel! Eine Katze ist's," warf ein zweiter ein, worauf der Nachbar meinte, es sei überhaupt nichts körperliches, sondern ein Geist. Man müsse es vor dem Winde bewahren. Ein richtiger Wind könnte es, Gott behüte, einmal mit sich davontragen. Nun fragte ein anderer: Ja, wie alt mag es denn sein? „Alter als Kasriel mitsamt seiner Frau zusammen", lautete die Antwort, „es hat Methusalems Alter!" Methusalem —! Seit damals verblieb ihm der Name Methusalem bis üiim heutigen Tag. VI. Dafür ergings ihm aber bei Kasriel wie noch nie, besser selbst, wie in den ersten guten Jahren. Denn erstens wai* die Arbeit rein zum Lachen. — Ein Fäßchen Wasser schleppen und bei jedem Haus stehen bleiben — auch etwas! — Und dann sein Herr, der war gar wie eine Perle, ein Mensch, der einen nicht anrührt, nicht schreit und seine Peitsche nur zum Schein hält. Und schließlich das Fressen! Es ist wahr, Hafer erhielt er nicht, aber wozu .hätte ihm auch der Hafer getaugt, da er doch keine Zähne zum Kauen hatte. Ist da nicht ein Scheffel mit weichen Stückchen Brot bedeutend besser, welchen ihm Kasriels Frau jeden Tag vorzusetzen pflegte? Es war nicht so sehr der Scheffel selbst, was ihm so gefiel, sondern vielmehr die Art, wie er ihm dargereicht wurde. Man muß sich das einmal ansehen, wie Frau Kasriel dabei -stehen blieb und ihm mit gekreuzten Armen zusah. „Wie er nur frißt, unberufen!" Für die Nacht klaubt man etwas Stroh für ihn zusammen und jedesmal geht entweder der Wasserführer oder seine Frau nachschauen, ob man ihn nicht — Gott behüte — weggestohlen hat. Ganz früh, wenn Gott selbst noch schläft, steht schon Kasriel beim Pferdchen. Er spannt es vorsichtig vor das Fäßchen, besteigt das Wägelchen und fährt zum Teich, um Wasser zu holen. Hierbei singt er nach einer seltsamen Melodie: »„Aschre hoiseh ascher lo holoch." Wohl dem Manne — heißt das — der nicht zu Fuß gehen muß. Wenn das Fäßchen dann mit*Wasser gefüllt ist, geht er zu Fuß und tanzt gleich Methusalem ohne Gesang im Kote, dreht den Peitschenstiel und ruft ihm ermunternde Worte zu. Vorwärts! Hüh, Methusalem! Bedächtig setzt Methusalem einen Fuß vor den andern. Er schüttelt den Kopf, wirft einen Blick auf seinen Herrn und Meister und denkt sich: „Seit ich ein Pferdchen bin, hatte ich noch nie bei einem solch seltsamen Geschöpf zu dienen." Und das Pferdchen überlegt sich und bleibt mit einem Kuck aus Neugierde mitten auf der Straße stehen, als wenn es sagen wollte: „Nun laß' uns mal sehen, Avas jetzt kommen wird." Als Kasriel sah, daß das Pferdchen plötzlich stehen blieb, ging er um das Fäßchen herum und untersuchte die Räder, die Achsen und Schnüre. Methusalem aber wendet den Kopf zu Kasriel und bewegt schmunzelnd die Lippen. „Ein Esel ist dieser Wasserführer", so scheint er zu denken, „ein wirklicher Esel!" VII. Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil. Das mußte auch Methusalem erfahren. So sehr er sich in seinen alten Tagen bei Kasriel und seiner Frau glücklich fühlte, so sehr wurde er gepeingt. geplagt und gequält von den Kindern des Wasserführers und den Nachbarskindern und sonstigen Kindern. Von der ersten Minute an, als man ihn hinbrachte und das kleine Volk ihn erblickte, erfaßte sie — keine Feindschaft, Gott