Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43 G O v ( □□□□□□ o iV--O „ V" =— die3|kelt FEUILLETON 1145 □ □□□□□ 1] O _/J et METHUSALEM Aus dem Jüdischen von Scholem AI eiche m Methusalem, — so nannte man ihn, weil er reich an Jahren war. Er hatte nicht einen Zahn mehr im Maul außer drei Wurzeln, mit denen er zur Not hätte kauen können, wenn er nur etwas zum Kauen gehabt hätte. — Er war groß, mager, hatte ein abgeriebenes Fell, einen zerschlagenen Rücken, triefende Augen, auf dem einen dazu noch einen Auswuchs, das andere rötlich, steife, schlottrige Beine, spitze Hüften, eingefallen«1 Seiten, die Unterlippe herabhängend, als ob er weinte, und der Schwanz zerzaust. Da habt ihr sein Porträt! In seinen alten Tagen diente er in Kasrieliwka* beiKasrieh dorn Wasserführer, als Zugpferd vor dem AVasserfäßchcn. Methusalem war von Haus aus ruhig und arbeitsam, aber ein abgerackert Pferdchen, und wenn er so den ganzen Tag den Kasrieliewker Schmutz getreten und das Städtchen für 24 Stunden mit Wasser versorgt hatte, war er immer glücklich und zufrieden, wenn man ihn ausspannte und eine Hand voll Stroh für ihn ausschüttete. Und sein Glück war vollkommen, wenn ihm die Frau den Scheffel darreichte mit einer Miene, als ob sie einem besonders willkommenen Gast eine Portion Fische oder eine Schüssel Knödel vorsetzte. Auf diesen Scheffel pflegte Methusalem zu hoffen wie auf etwas Besonderes, denn er fand in demselben hier und da ein fStückchen aufgeweichtes Brot, Hirsekorn oder ähnliche Leckerbissen, bei denen man die Zähne entbehren kann. Tagsüber sammelte die Frau Wasserträger diese Dinge für Methusalem und warf in den Scheffel, was ihr gerade unterkam. „Möge das Pferdchon auch etwas zu essen haben", pflegte sie dabei zu sagen. Immer wenn Methusalem seinen Hunger gestillt hatte, wendete er den Kopf nach dem Fäßchen und seine hintere Partie — mit Verlaub zu sagen — zur Frau WTasserfü lirer, als ob er sagen wollte: „Bexten Dank für Ihr Salz und Brot!" Zu gleicher Zeit ließ er die Unterlippe noch etwas mehr herunterhängen und versenkte sich in tiefe Pferdegedanken. II Glaubt nicht, daß Methusalem, seit er in einer Pferdehaut steckte, von jeher so war, wie ich ihn beschrieben habe. Nein, als er noch jung war und als Füllen hinter dem Wagen der Mutter nachlief, da hatte er alle Anlagen zu einem stattlichen Roß. Sachverständige prophezeiten, daß er einmal ein ganz wunderbares Pferd würde. „Ihr werdet noch sehen", sagten sie, „einst wird er noch stolz mit den schönsten und besten Pferden vor einer Kalesche einhertraben." Als das Füllen herangewachsen und ein richtiges Pferd geworden war, legte man ihm einen Zaun an und führte es auf den Jahrmarkt. Hier wurde Methusalem zwischen eine Menge fremder Pferde gestellt, mußte fünfzigmal hin- und hertraben, und jede Minute sah ihm einer auf die Zähne. Man hob ihm die Beine auf, betrachtete seine Hufe und übergab ihn von einem zum andern. Seit damals begann für ihn ein langer Golus. Er mußte wandern von Ort zu Orf, bekam alle Tage einen neuen Herrn; er mußte große, schwere Wagen schleppen mit dreißig Zentner Lasten, bis zu den Knöcheln in Kot stehen, und bekam dafür * Das russische Schiida. nur ein ganzes Kapitel Stock- und Peitschenhiebe auf Seiten, Kopf, Beine überallhin. III Eine Zeitlang war er vor einen Postwagen gespannt. An der Deichsel hing eine Glocke, die ihm unaufhörlich in die Ohren bimmelte, kling—klang, kling—klang. Ohne zu wissen, wozu, mußte er ein ganzes Jahr tagaus tagein auf derselben Strecke hin- und herlaufen. Hierauf kam er in die Hände eines gewöhnlichen Bauern, der mit ihm die schwersten Arbeiten verrichtete; er mußte ackern, enorme Wagen mit Getreide schleppen, ein Faß Wasser, eine Fuhre Kuh- und Pferdemist und ähnliche grobe Arbeiten tun, an die er überhaupt nicht gewöhnt war. Später geriet er in die Hände eines Zigeuners. Derselbe unternahm mit ihm lauter lose Stückchen, bei denen es viel zu laufen gab, und die er sein Leben lang nicht vergessen hat. Von dem Zigeuner kam er mit s ielen andern Pferden in ein Kosakenlager und alsdann nach kurzer Wanderung nach Krähwinkel zu einem Fuhrmann, welcher ihn vor einen schweren Wagen spannte. Der Wagen war mit Eisen beschlagen, mit vielen Glöcklein behangen und hatte ein seltsames Leinendach nach Art einer Sukkah, die man „Baut" nennt. Hier heim Fuhrmann mit der „Baut" erhielt er Stock- und Peitschenhiebe ohne Zahl, als ob Pferderippen aus Stahl und nicht aus Knochen und ein Pferdefell aus gegerbtem Leder und nicht von Fleisch und Blut wäre. Wehe! Wehe! Wie oft kam es vor, daß er kaum die Beine nachschleppen konnte; er hatte ein Gefühl, als ob man ihn in die Schenkel zwickte und als ob er eine schwere Last — etwa eine Bleikugel — im Leibe hatte. Aber der grausame Fuhrmann rief nur „Hott!" und „Hühl". Er flitzte mit clor Peitsche nach ihm, gab ihm einen Schlag mit dem Stiel, — wißt ihr etwa, warum? Ein Glück, dal* es bei dem Fuhrmann wenigstens einen Tag in der Woche gnb, wo man an einem Ort stehen und fressen durfte, ohne arbeiten zu müssen. Methusalem pflegte mehr als einmal an diesem Tage in tiefe Gedanken zu versinken. Sein Pferdeverstand konnte nicht hegreifen, was es mit diesem Tage für eine Bewandtnis habe, an dem man sich nicht von der Stelle zu rühren braucht. „Warum es eigentlich nickt immer so sein könne", pflegte er bei sich zu denken, indem er die Ohren spitzte, ein Auglein schloß und auf die Genossen blickte, welche mit ihm an demselben Wagen angebunden waren. IV Von dem AVagen mit der „Baut" kam er an eine Dreschmaschine. Hier gab's zu schuften bis zum Überdruß. Er mußte sich den ganzen Tag um ein Rad drehen, Staub und Spreu drangen ihm in Augen, Nase und Maul, und zudem wurde er halb taub von dem Gekrach und Gepolter. „Was soll dieses ewige Drehen?" pflegte er manchmal zu denken und verspürte Lust, auf eine Minute stehen zu bleiben. Wer hat diese feine Idee ausgeklügelt, immer und immer im Kreis herumzugehenV Man ließ ihn aber nicht lange nachdenken. Denn hinter ihm stand einer mit einer Peitsche und hörte nicht auf, auf ihn loszu- ' schlagen. „Hüh, hüh, hott!" „Dummer Kerl", denkt er sich und wirft einen Seitenblick auf den Peitscheumann. „Das wäre ein Spaß, wenn man einmal dich da hinter das Kad einspannen und antreiben würde, im Kreise herumzugehen".