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Die Welt · 1910-10-28 · 43 (28.10.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Einflusses und vermöge des Rechtes der ansehnlichen Minderheit, die er heute schon vertritt, dahin zu wirken, daß alle Veranstaltungen und Institutionen der Partei den gesetzlichen Normen entsprechen. Dieses Programm hat niemand anders entworfen, als unser sehr verehrter Herr Professor (Israelit, 1904, Nr. 60). Mit diesem Programm wollte er in den Zionismus eintreten, „ohne Rücksicht darauf, ob seine praktischen Ziele sich in den nächsten Jahren verwirklichen lassen würden". Damals hatte der Herr Professor keinerlei Bedenken dagegen, „daß der Zionismus eine Partei ist, daß er eine Kulturbewegung, eine Weltanschauung verkörpert" (was wir ihm gegenüher immer noch bestreiten), „daß er beileibe nicht das Geld" (o nein, das braucht er auch sehr nötig!) „sondern die ganze Persönlichkeit seiner Anhänger fordere." Und so flach und oberflächlich war der Herr Professor damals noch, daß er keinen, wirklich gar keinen Anstoß daran nahm, daß der Misrachi „nur eine Fraktion, d. h. nur ein Bestandteil der zionistischen Partei ist, die in jeder Parteiangelegenheit durch das ihm übergeordnete A. C. vertreten wird". An alledem nahm der unfehlbare Logiker damals keinen Anstoß. Und darum verstehen wir seine neugierige Frage nicht: öb sich denn das alles geändert habe? Nein, es hat sich nicht geändert, und darum geben wir ihm die Frage zurück. Doch etwas hat sich geändert. Heute ist der Misrachi kein loser Verband, sondern eine anerkannte Föderation. Heute sitzt er im A. C. Heute wird er geachtet und werden seine Wünsche beachtet. Er kann verhindern, daß seine Steuerkreuzer zu ungesetzlichen Zwecken verbraucht werden; er hat das getan und wird es nötigenfalls wieder tun. Viel besser und wirkungsvoller als damals, wo der Herr Professor bereit war, sich ihm anzuschließen. An diesem seinem (und des Herrn Professors) Programm wird der Misrachi festhalten, nach ihm wird er arbeiten müssen. Und solange sich der Herr Professor nicht selbst dementiert, darf auch ein armes Studentlein, das erst der Einführung in die heiligen Hallen der Philosophie bedarf, daran festhalten, denn so sagte der Professor zur Begründung seines und unsres Programms: „Wir können mit dem Anschluß an den Zionismus nicht warten, bis der Geist des echten Judentums die Partei in Haupt und Gliedern durchdringt, denn diesen Geist zu wecken, soll ja der Zweck des Anschlusses sein." Wo blieben da die Bedenken wegen der Fraktion innerhalb der Partei, wegen der Weltanschauung (die nicht existiert), der Kulturbewegung? Damals war unser Herr Professor allerdings erst Privatdozent und hatte noch keinen offiziellen Lehrauftrag zur Verkündung offiziell genehmigter Lehre. Darum erforderte es seine Politik auch nicht, „auf manche Äußerungen des Unmuts im eignen Lager Rücksicht zu nehmen". Jedenfalls wird er es nicht übel nehmen dürfen, wenn einmal irgend eine Misrachigruppe seinen ganzen Aufsatz als — Agitationsflugblatt verbreitet. Es soll eine durch und durch unwahre, aus der Luft gegriffene Behauptung sein, daß der „Israelit" den Misrachi alle paar Wochen verfolge; ja, wenn er uns alles verzeihen kann, — das ist eine „unverzeihliche Behauptung". Gemach, lieber Professor! Wir lesen das Organ für das. alleinseligmachende Judentum nicht regelmäßig; aber wenn wir nicht irren, wurde im vergangenen Sommer der Zionismus viermal aus religiösen Gründen mit dem schwersten Geschütz bekämpft. Wen anders kann er damit treffen, als den Misrachi, den er damit schwer schädigt. Es ist eine Spitzfindigkeit, dies ableugnen zu wollen, und heißt zum Schaden noch den Spott fügen, wenn der „Israelit" von sich mit lammfrommer Miene behauptet, er habe es ziemlich vermieden, den Gesetzestreuen ihre Wirksamkeit im Zionismus zu erschweren. Von dem Lob des „Israelit", das den Misrachi kompromittieren könnte, haben wir nichts gemerkt. Wir haben nur gesehen, daß der „Israelit" die Tätigkeit des Misrachi gerade da totgeschwiegen hat,. absolut totgeschwiegen, wo sie gewiß die volle Anerkennung des „Israelit" gefunden hat Warum hakt sich denn der „Israelit" an solchen mehr nebensächlichen Dingen fest, da doch für ihn die Bekämpfung des Zionismus und des Misrachi nur löbliche Pflichterfüllung und keine Schande sein kann. Er hätte besser getan, seinen Raum zur sachlichen Widerlegung unsrer tatsächlichen Behauptungen zu benützen und dabei so deutlich zu sein, daß seine Leser auch erfahren hätten, was wir ihm über das Verhältnis seiner Leiter zur A. I. K. O. und zum Hilfsverein vorgeworfen haben, statt darüber orakelhafte Andeutungen zu machen. Aber daran gerade fehlts. Wir hatten behauptet, das Verhältnis der A.I. K. 0. zur Freien Vereinigung sei ein ähnliches, wie das des Misrachi zur zionistischen Organisation. Wir fragten dabei nicht nach statutarischen Festsetzungen und organisatorischen Bestimmungen, sondern nach den tatsächlichen Verhältnissen. In bezug auf den Aufgabenkreis der A. I. K. O. ist ihr aber die Freie Vereinigung vollständig untergeordnet, d. h. die A. I. K. O. besorgt die - Geschäfte allein. Die Behauptung des „Israelit", die A. I. K. O. befolge nur ökonomische Ziele, kann höchstens ein Kind täuschen. Sobald sie einmal eine Kolonie gründet, müssen auch alle jüdischen Gemeindeinstitutionen errichtet werden. Wenn aber der „Israelit" davon spricht, daß es erzwingbar sei, diese Institutionen in gesetzestreuem Sinne zu errichten, so widerspricht das den Tatsachen. Die Einhaltung der Bedingungen kann nicht erzwungen werden. Es steht der Freien Vereinigung nur das Recht zu, vom Vertrage zurückzutreten, und ihr eingezahltes Kapital zurückzuverlangen. Erhält sie aber auch die nicht durch sie bezahlten Beiträge der einzelnen Orthodoxen zurück, die, gestützt auf die in die Welt hinein verkündete Erzwingbarkeit der Bedingungen Mitglieder der A. I. K. O. geworden sind? Und vor allem, kann sie sich auch die moralische Förderung zurückgeben lassen, die sie der A. I. K. O. verschafft hat, deren leitende Mitglieder doch alles eher, als orthodoxe Prinzipienreiter gefallen lassen, daß man ihm zuruft: Freund, du treibst prinzipienwidrige Politik.* Wir kommen zum Schlüsse. Der Israelit befürchtet, daß der Misrachi einen schroffen Bruch mit dem Gesamtkörper der Orthodoxie herbeiführen würde. Dunkel ist der Rede Sinn! Vor allem, der Misrachi ist selbst ein orthodoxer Gesamtkörper; er ist die einzige orthodoxe Weltorganisation und hat — mit Ausnahme von Australien — seine Vereine überall, wo in der Welt Juden wohnen. Aber wer gibt denn dem Israelit das Recht, im Namen der Gesamtorthodoxie zu sprechen? Wir haben einstweilen noch kein Papsttum, in dessen Namen er berechtigt wäre, ein alleinseligmachendes, ausschließlich wahres Judentum zu verkünden und jeden Andersdenkenden als Häretiker zu behandeln. Aber der Israelit befürchtet wohl nur, daß die deutschen Zionisten einmal anfangen könnten, eine eigene, mit derjenigen des Israelit nicht übereinstimmende Politik zu treiben. Das kann er ja erzielen, wenn er seine Angriffe gegen die Gesetzestreuen im Zionismus weiter fortsetzt. Jeder Angriff in der Presse und von der Kanzel ist ja ein Schritt, der diese Zionisten von der Israelitorthodoxie loslöst. Die Folge wäre aber nicht ein Verfall des Misrachi, — dafür mag der Israelit Berufenem die Sorge überlassen — sondern jubelnder Beifall weit über das Lager des Misrachi hinaus. Heute schon macht sich die Opposition gegen den Israelit derart geltend, daß sie sich ein eigenes Zeitungsorgan geschaffen hat. Wünscht der Israelit auch noch eine Schilderhebung des Misrachi angesichts all der Fragen, die die deutsche Judenheit in den nächsten Jahren bewegen werden, so mag er nur ruhig fortfahren, den Zionismus weiterhin mit seinen religiösen Bedenken zu bekämpfen. Wir werden nicht aufhören ihm zuzurufen, daß er auf der einen Seite Prinzipenreiterei, auf der andern Politik treibt. Für das sonst noch Nötige werden hoffentlich andere s rgen. Aber einstweilen müssen wir von ihm und seinem Logikprofessor Abschied nehmen. Wenn wir uns aber wieder begegnen, um ein neues collegium logicum von ihm zu hören, — wir nehmen gern Belehrung an — dann möge er nicht scholastisch spitzfindige Unterscheidungen machen und das Wichtigste übergehen, sondern mit uns den Satz beherzigen: Amicus Plato, sed magis amica veritas. * * * Herr Dr. Jonas Simon, Mitglied der badischen Landessynode sendet uns folgende Berichtigung: Der Artikel des „orthodoxen Zionisten" in Nr. 38 der „WELT" stellt die Behauptung auf, daß der orthodoxe Vertreter in der 5. badischen Landessynode die alle jüdischen Ausländer entrechtende Wahlrechtsvorlage des badischen Oberrats, gegen welche der 1908 in Breslau tagende Delegiertentag der deutschen Zionisten Protest einlegte, gutgeheißen habe. Ein Blick in das Protokoll der Synodalverhandlungen hätte den Verfasser des Artikels belehrt, daß das gerade Gegenteil der Fall ist. Vertreter der Orthodoxie — es waren deren eine ganze Reihe, nicht nur einer, wie der Artikelschreiber annimmt — haben wiederholt und in längern Ausführungen aufs energischste gegen die betreffende Vorlage des Oberrats Stellung genommen. Heidelberg, den 2. Oktober 1910. Der Autor des erwähnten Artikels antwortet: Wir hatten nur behauptet, das gegenwärtige Verhalten der badischen Zionisten sei nicht assimilatorisch und zumindest ebenso einwandfrei wie dasjenige des orthodoxen Vertreters in der Synode, der dem Ausländerparagraphen seine Zustimmung gab. Davon haben wir auch nach der Berichtigung des Herrn Dr. Simon nichts zurückzunehmen. Denn wenn auch Herr Dr. Simon entschieden gegen den Ausländerparagraphen aufgetreten ist, so hat er trotz seines Protestes schließlich, wie er selbst sagte („WELT" 1908, Nr. 20), sich zum Nachgeben entschlossen und dafür gestimmt. Und auf das letztere kommt es allein an.

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