Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Aufforderung des „Tiempo" an den Qroßrabbiner, die „ Aurore" zu unterdrücken. 7. Aufforderung desselben Blattes an den Mischlisch dschismani, den Zionismus als staatsgefährliche Aktion bei den zuständigen Behörden anzuzeigen. 8. Ein Artikel des antisemitischen „Taswir-i-Efkias", der den Gouverneur von Pera auffordert, das Patronat des nächsten stattfindenden Makkabifestes niederzulegen, weil der Großrabbiner selbst den Verein geächtet habe. 9. Die Ankündigung irn „Tiempo", daß zwei neue Zeitungen, eine französische und eine türkische, zur Bekämpfung des Zionismus gegründet werden. Der anonyme Schreiber im „Journal de Salonique", der mit „Veritas" zeichnet, und der mit einem „Keulenschlage" den Zionismus endgültig niederschlagen will, ist Philon Fresco, der Sohn seines Vaters David Fresco. Philon Fresco hat nicht nur jenen Artikel verfaßt, sondern die Nummer des „Journal de Salonique", die ihn enthielt, in Konstantinopel an alle „Interessenten" versendet. Er konnte es zwar viel bequemer haben, indem er seinen „Keulenschlag" im Blatte seines großen Vaters führte; aber man wollte nicht, daß es allzu, sichtbar werden sollte, von welcher Zentrale die Marke ausging. So versandte man denn das Gift nach Salonik, um es dann erst im zweiten Aufguß im offiziellen Organ des Großrabbinats zu Konslantinopel aufzutischen. So oder so, es war ein großer Schlag ins Wasser; die „Aurore" hat „Philon-Veritas" und seinen Hintermännern heimgeleuchtet. Der „Taswir-i-EfkiasM hat seinen Artikel natürlich aus derselben schmutzigen Quelle erhalten wie das „Journal de Salonique". Es scheint aber alles andere eher, als daß diese Mine zünden sollte. Der Gouverneur von Pera ist just derjenige Beamte, der die Statuten des „Makkabi" legalisierte; es ist ziemlich ausgeschlossen, daß er jetzt den Verein, dem er viel Interesse entgegenbringt, verleugnen werde. Das vorläufige Resultat dieses ganzen Feldzuges ist ein äußerst klägliches für unsere Widersacher. Wir haben außerordentlich an Ansehen durch ihn gewonnen. Der Zionismus und die Judenheit der ganzen Welt aber sollen wissen, wie es hier unten im europäischen Wetterwinkel um die jüdische Ehre und die jüdischen Geschicke steht. Wenn nicht auf irgendwelche Weise von draußen her (denn nur was von draußen kommt, erfährt hier Respekt) dem furchtbaren und unsinnigen Wüten der hiesigen Denunzianten Einhalt getan wird, so werden den Interessen des Weltjudentums Wunden geschlagen werden, die in Jahrzehnten vielleicht nicht verheilen werden. Rußland Die Gesetzes vorläge betreffs städtischer Selbstverwaltung in Polen Mit großer Spannung folgt die jüdische Öffentlichkeit den Vorberatungen dieser Vorlage in der Dumakommission für städtische Angelegenheiten. Man weiß es aus Erfahrung, daß die Vorschläge der Kommissionen sehr selten vom Plenum umgestoßen werden. — Bekanntlich hat nun diese Kommission bereits einen Beschluß gefaßt, der eine schwere Schädigung unserer Interessen und eine noch schwerere Kränkung unserer nationalen Würde bedeutet. Zum erstenmal soll nämlich für Polen eine schwerwiegende Rechtseinschränkung der Juden kodifiziert werden, und zwar nicht etwa durch die Willkür der Bureaukratie, sondern durch einen gesetzgeberischen Akt der Volksvertretung. Mit einer Mehrheit von 11 gegen 10 Stimmen faßte die Kommission am 1. Dezember den Beschluß, die Zahl der Stadtverordneten der jüdischen Kurie von vornherein in der Weise festzulegen, daß die Juden in den Städten, wo sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden, den fünften Teil der Stadtverordneten stellen, wohingegen in allen andern Städten die Zahl der jüdischen Stadtväter 10% der Gesamtzahl nicht übersteigen darf. Nach diesem Beschlüsse sollen z. B. in einer Stadt mit 5100 Christen und 4900 Juden 27 christliche und 3 jüdische Vertreter gewählt werden. An diesem Beschlüsse sind vor allem die polnischen Mitglieder der Kommission schuld. Diese edlen Herren, die nicht aufhören, über Unterdrückung und Verfolgung der Schwächen zu klagen, verschmähten es nicht, ihren Todfeinden, den russischen Reaktionären, die Hand zu reichen, um die Schwächern zu unterdrücken. In der Debatte sprachen sich die Herren für die Rechtseinschränkung der Juden aus. Als es dann zur Abstimmung kam, glaubten die Herren Polen recht „diplomatisch" tun zu können und enthielten sich der Stimme. Nachdem diese gefährliche Klippe glücklich umschifft war, entdeckten die „Vertreter der Unterdrückten und Verfolgten" wieder einmal ihr liberales Herz und stimmten gegen die geplante Rechtseinschränkung der getauften Juden. Ja, sie traten sogar recht energisch gegen die Bestimmung auf, wonach der Vorsitzende im Stadtrat kein Jude sein dürfte. Nachdem man sich in der städtischen Vertretung die Mehrheit gesichert hat, darf man sich den Luxus gestatten, den Juden ein Recht einzuräumen, welches auszunutzen man ihnen nie Gelegenheit geben wird. In der letzten Sitzung der Kommission wurde übrigens mit allen gegen vier Stimmen der Paragraph der Vorlage angenommen, wonach es den Juden verboten wird, in Polen das Amt eines Bürgermeisters, Vizebürgermeisters oder eines Stellvertreter desselben, ebenso auch eines Sekretärs der Munizipalität, resp. des Exekutivorgans derselben zu bekleiden. Auch darf dem Exekutivorgan überhaupt nicht mehr als ein Jude angehören. Ein neues Stücklein der jüdischen Polenknechte Noch hat sich der Sturm der Entrüstung über den Verrat der „Vertreter der Warschauer Gemeinde", der Herren Dick stein und Nathansohn, an der Sache unseres Volkes nicht gelegt, als die Zeitungen die Nachricht über eine neue Niederträchtigkeit der „Polen mosaischer Konfession" brachten. Vor kurzem hat eine Gruppe christlicher Kaufleute dem Generalgouverneur eine Petition eingereicht, daß es den jüdischen Kaufleuten, die die Sabbatruhe beobachten, gestattet sein möchte, am Sonntag zu arbeiten, da diese Kaufleute sonst einem völligen wirtschaftlichen Ruin entgegengingen, der den gesamten Kaufmannsstand in Mitleidenschaft ziehen würde. Der öeneralgouverneur überwies nun die Petition an die Stadtobrigkeit, die sie ihrerseits der städtischen Kommission für Sonn- und Feiertagsruhe zur Erledigung übergab. Diese Kommission zählt auch zwei Juden in ihrer Mitte: ein Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und eine weitere Säule des Assimilationsjudentums polnischer Prägung. Diese Kommission lehnte nun einstimmig^— also auch mit den Stimmen der beiden Juden — das Gesuch der christlichen Kaufleute ab. Juden und Zigeuner Am 13. Dezember wurde in der zuständigen Dumakommission die Gesetzesvorlage betreffs rechtlicher Gleichstellung der russischen Staatsbürger im Großfürstentum Finnland beraten. Bekanntlich enthält diese Vorlage eine Klausel, wonach Juden und Zigeuner von der rechtlichen Gleichstellung ausgeschlossen sind. Die Vertreter der Nationalisten beantragten nun die Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Juden. (Natürlich war es den Herren nicht um das Wohl der Juden zu tun, sondern vielmehr um die hübsche Gelegenheit, den Finnen einen Streich zu spielen.) Die Oktobristen traten aber ganz entschieden gegen den Antrag der Nationalisten auf, und die Ausnahmebestimmung bezüglich der Juden wurde beibehalten. H ingegen wurde die gleiche Bestimmt!ng betreffs der Zigeuner gestrichen. . . . Palästina Eine Trauerfeier für Joseph Hackenbroch in der hebr. Mittelschule „Tachkemoni" Jaffa, 12. Dezember. In die Freude des Beginns des vierten Semesters der hebr. Mittelschule „Tachkemoni" in Jaffa mischte sich leider ein bitterer Tropfen durch die Trauerkunde vom plötzlichen Ableben Jos. Hackenbrochs, des Mitbegründers und tätigen Mitglieds des Komitees der genannten Schule in Frankfurt a. M. Um der hiesigen Bevölkerung, ganz besonders aber den Zöglingen der Tachkemonischule, für die er in unermüdlichem Eifer gewirkt hat, ein Bild der Persönlichkeit des Verewigten zu geben, hat die Direktion der Tachkemonischule am 8. d. M. eine Trauerfeier in den Schulräumen veranstaltet. Die Feier wurde durch eine würdige Trauerrede seitens des Präsidenten des hiesigen Schulkomitees, Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner A. I. Kuk, eingeleitet. In tief bewegten Worten schilderte der ehrwürdige Redner den großen Verlust, den das Judentum im allgemeinen und unsere Anstalt im besondern durch das Hinscheiden des Verewigten erlitten hat. Ausgehend von der historischen Tatsache, daß dem Judentum zu allen Zeiten Retter und Helfer in seiner Not entstanden sind, die es durch ihren Heldenmut und ihre Begeisterung verstanden haben, dem jüdischen Volke die alten heiligen Ideale zu erneuern, feierte er diejenigen Großen des jüdischen Volkes, die es verstehen, ihre natürliche Liebe zu ihrem Volke mit den alten heiligen Idealen und den modernen Errungenschaften der Neuzeit zu vereinigen. Redner beklagte den Verlust Joseph Hackenbrochs als eines Verfechters dieser Geistesrichtung und forderte die Schüler der Tachkemonischule. auf, das