Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-12-23 · 51 (23.12.1910) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316456--54117-3347711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1352 - DIE] Wiener Brief Von unserm Berichterstatter Der Zusammenbruch Der Sprecher des Jüdischen Klubs, Abg. Dr. Straucher, hat am 6. d. M. zum Budgetprovisorium das Wort ergriffen und den oppositionellen Standpunkt der Jüdisch-Nationalen klargelegt. Den breitesten Raum in seinen Ausführungen hat die Not der jüdischen Schanker Galiziens und der Bukowina eingenommen. Die Polen sind korrekte, elegante, wei(3 behandschuhte Politiker. In Russisch-Polen haben sie sich dazu hinreißen lassen, einem Ausnahmegesetz wider die Juden ihre Zustimmung zu erteilen. Das macht die Atmosphäre, die schlechte russische Erziehung. Den polnischen Parteien Galiziens kann eine derartige Entgleisung nicht widerfahren. Wozu das kompromittierende „mit Ausschluß der Juden" aussprechen! Ehrenmänner tun das, sie sagen es nicht. Der galizische Landtag hatte es nicht nötig, die Erteilung von Schankkonzessionen nur an Konsumgenossenschaften oder Dorfgemeinden gesetzlich zu gestatten. Wenn man den Verwaltungsapparat in Händen hat, braucht man keine Gesetze. Der Statthalter von Galizien wußte die Stimmung der Stapinskischen „Ludowech", der allpolnischen Nationaldemokraten, der selbstlosen Großgrundbesitzer un4 handelte darnach. Während man in Wesfgalizien, erzählte Abg. Dr. Straucher, die Volksparteiler, die Bauerngenossenschaften und Gemeinden begünstigt, sorgen im Osten des Landes die reichen Latifundienbesitzer für die — Einschränkung des Alkoholgenusses. Nach Dutzenden zählen die großen Herren, die isich — fürwahr nicht vergeblich — um das Recht des Ausschanks beworben haben. Ein Graf Potocki, der in Rußland seine Renten im Schweiße seines Angesichts verzehrt, hat bloß sieben Konzessionen erhalten! Müssen denn die Juden, fragt einfältig Herr Daszynski, Schäriker sein? Gewiß nicht, es wäre gesünder und produktiver, die 2OOO0 Juden Galiziens, die vom Ausschank geistiger Getränke lebten, könnten Farmer werden. Aber muß eine sozialpolitische Maßnahme zu einer Katastrophe für Zehntausende werden, muß das Zurückdrängen des jüdischen Mittelstandes so schmerzlich, so brutal vor sich gehen? Die Israeliten vom Polenklub haben bei der Beratung des Propinationsgesetzes natürlich artig geschwiegen. Die Herren werden nur rede- und reiselustig, wenn es gilt, wie jüngst in Rußland, eine Entrechtung des jüdischen Volkes durchzusetzen. Für Übergangsbestimmungen wurde nicht gesorgt, wie der Redner des Jüdischen Klubs mit Recht hervorgehoben hat, und nun wird eine ganze jüdische Erwerbsschicht weggefegt. Der Polenminister, Herr Dulemba, entschuldigt sich galant, Herr Stapinski lächelt. Der „gemäßigte Israelit" und Abgeordnete von Tarnopol aber, der allpolnische Herr Gall, dem Abg. Stand „Komm näher, näher, Jude!" zuruft, schleicht verstohlen aus dem Saal ... Im Hintergründe' stehen händeringend brotlose Juden. Volksrat und Nationalrat Die sogenannte „Volksratsbewegung" in der Bukowina, an deren Spitze der Obmann des Zionistischen Landeskomitees in Czernowitz, Herr Prof. Dr. Leon Kellner, steht, propagiert den Gedanken der Schaffung eines jüdischen Volksrates, der aus Vertretern der Juden des ganzen Landes, die in gemeindeweiser Volksabstimmung gewählt werden, bestehen soll. Abg. Dr. Strauch er bekämpft diesen Vorschlag, und der Beschluß der Konferenz vom 26. Nov. v. M., den Nationalrat auszugestalten und ihn zu einer Repräsentationskörperschaft umzubilden, ist ein Versuch, die Volksratsagitation gegenstandslos zu machen. Herr Prof. Kellner und seine Freunde werden beschuldigt, eine neue Partei begründen zu wollen. In den vom Volksratskomitee herausgegebenen „Flugblättern für die Bukowinaer Juden" tritt Professor Kellner dieser Beschuldigung entgegen. Er schreibt: „Der Gedanke vom jüdischen Volksrat ist der erste ernste Versuch, unsere Stammesgenossen in der Bukowina zu einem lebendigen, schütz- und abwehrkräftigen, zielbewußten, voraussehenden politischen Wesen zu organisieren. Dies und nur dies ist die Aufgabe, die wir — das vorbereitende Aktionskomitee für den jüdischen Volksrat — uns gestellt haben. Mit kleinlichen Personenfragen haben wir gar nichts zu schaffen." Über die Aufgaben des Volksrats schreibt Dr. M. Ebner: „Der Volksrat wird beraten, richten und führen. Er wird auch verantworten. Alles erhebt sich gegen uns. Wie schleichendes Gift wirkt jener unblutige Vernichtungskampf, den übertünchte Kultur den Asemitismus nennt. Nationale, industrielle Gründungen und Konsumvereine zertrümmern jene jüdischen Existenzen, die eine unfreundliche Gesetzgebung noch verschont hat. Gleichen Schritt mit dem wirtschaftlichen Niedergang hält die von den andern angestrebte politische Nullifizierung der Juden. Einst geschah nichts im Lande ohne uns, heute geschieht alles gegen uns; Das ist der Zusammenbruch eines in Wahrheit rat- und führerlosen Volkes." gELT No. 51 Brief aus Ungarn Von unserm Berichterstatter Judenausweisungen in Ungarn Seit einigen Jahren erfreuen auch wir im „liberalen" und „gastfreundlichen- Ungarn uns eines strengen Einwanderungsgesetzes und der segensreichen Institution einer Grenzpolizei, die mit Argusaugen darüber wacht, daß kein lebender gaiizischer Jude sich länger alsein paar Tage in Ungarn aufhalte. Das wäre aber noch nicht das Schlimmste. Seit den glorreichen Tagen der Koalitionsregierung erläßt die Grenzpolizei in den nordöstlichen, an Galizien grenzenden Komitaten immer häufiger Ausweisungsbefehle gegen völlig unbescholtene jüdische Familien, die schon jahrzehntelang im Lande wohnen, und hier zum Teil Grundbesitz erworben haben oder Inhaber größere Handelsfirmen sind — ganz nach russischem Muster. Wie wenig der Regierungswechsel an diesem judenfeindlichen Treiben geändert hat, beweisen die fortgesetzten Beschwerden und Wehklagen ausgewiesener Juden aus . den Komitaten Märamaros, Ung, Zemplen usw., die in die Öffentlichkeit dringen und selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen Entrüstung gegen das unmenschliche Vorgehen der Grenzpolizei hervorrufen. So wird aus dem Grenzstädtchen Sztropkö gemeldet, daß dort!in den letzten Wochen zahlreiche angesehene jüdische Bürger, die den Nachweis, ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nicht erbringen konnten, kurzerhand ausgewiesen worden sind. Gegen den Gemeinderabbiner von Sztropkö, Salom Halber - stamm, wurde bereits vor 6 Monaten ein Ausweisungsbefehl erlassen; er zog es vor, das ungarische Staatsgebiet zu verlassen, ehe ihm die Verfügung der Grenzpolizei zugestellt wurde. — Dem Thorarollenschreiber Salomon Melamed, der seit 19 Jahren in Sztropkö wohnt und dort ein .Haus im Werte von 6000 Kronen besitzt, wurde aufgetragen, mit seiner Familie das Land zu verlassen, sonst würde er nach Galizien abgeschoben. — Hermann Perlmann, der seit dem Jahre 1900 im Städtchen wohnt und dort im Jahre 1904 gegen Entrichtung der vorgeschriebenen Taxe die Heimatberechtigung erlangt hat, muß gemäß Verfügung der Grenzpolizei samt Familie das Land verlassen. Ebenso ergeht es dem Mayer Czigler, der seit 38 Jahren im Städtchen wohnt, 150 Kronen Staats- und Gemeindesteuern jährlich bezahlt, ein Grundstück im Werte von 8—10 000 Kronen und eine große Leder- und Eierhandlung — die größte im Bezirke Sztropkö — besitzt.— Der 62 jährige Rabbinatsassessor Hirsch Weinfeld wohnt seit 42 Jahren in Sztropkö und wurde im vergangenen Sommer zuerst durch den Bezirksrichter ausgewiesen. Er rekurrierte an den Vizegespan, der im September d. J. zu seinen Gunsten entschied. Trotzdem erhielt er dieser Tage wieder einen Ausweisungsbefehl seitens der Grenzpolizeihauptmannschaft. Und all dies geschieht unter dem ausgesprochen „liberalen" Regime des Ministeriums Khuen-Hederväry! . . . Brief aus Konstantinopel Von unserm Berichterstatter Kampf bis aufs Messer Ereignisse wie die sich jetzt innerhalb der türkischen Judenheit abspielenden hatte die Geschichte des Zionismus bisher nicht zu verzeichnen. Die Angriffe der deutschen Protestrabbiner waren ein Kinderspiel dagegen. Hier wird mit allen Künsten der Intrige und mit aller Schamlosigkeit der Praktiken des alten Regimes gearbeitet. Hier gilt der Kampf nicht nur dem Zionismus, sondern mehr noch den Zionisten. Er ist persönlich, kleinlich, diktiert von Furcht, Eifersucht und Rache. Er kennt keine Grenzen und keine Formen. Wir haben in den wenigen letzten Wochen allein folgende Angriffe zu registrieren: 1. Die Ächtung des Turnvereins „Makkabi". 2. Die mündlichen Denunziationen Frescos und seines jüdischen Advokaten vor dem ottomanischen Gerichte. 3. Die Kampagne des „Tiempo" in Konstantinopel wie der „Nation" und des „Imparcial" in Saloniki gegen die hebräische Sprache. 4. Das Rundschreiben des „Cercle des Intimes" an die ottomanischen Gemeinden, das zum Schutze des Großrabbiners und. zum Kampfe gegen den Zionismus aufruft. 5. Ein Artikel, gezeichnet „Veritas", im „Journal de Salonique", der den Zionismus auf Grund des Kannschen Buches ..Erez Israel" als staatsgefährlich denunziert. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.