Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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stehung des Werkes „Rom und Jerusalem". In den letzten Jahren; seines Lebens war Heß Marxist. Will man an eine genaue Würdigung des Juden Heß denken, so muß man sich die damalige Zeit vergegenwärtigen. Auf der einen Seite das orthodoxe Judentum, das an den Religionsgesetzen festhält, auf der andern Seite das Reformjudentum;, das mit der Phrase von der Mission des Judentums überall Verwirrung stiftete. Moses Heß kommt demgegenüber, weil er das .Judentum erhalten will, auf den Zionismus als einzig mögliche Lösung der Judenfrage, denn — und damit schloß der Vortragende — eine wirkliche jüdische Nation kann es nur geben unter einem neuen Himmel auf einer neuen Erde. Eine überaus zahlreiche Zuhörerschaft folgte aufmerksam den geistreichen Ausführungen des Referenten und zollte ihm begeisterten Beifall. Prag. In nächster Zeit wird sich in Prag ein „Verein jüdischer Beamten*4 konstituieren. Dieser Verein bezweckt den Zusammenschluß jüdischer Privat- und Bankbeamten, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, sich mit wirtschaftlichen, insbesondere aber mit jüdischen Fragen zu beschäftigen. Dem vorbereitenden Komitee ist es bereits gelungen, eine stattliche Mitgliederzahl zu gewinnen; Ungarn Pozsony (Preßburg). Die hier jüngst gegründete „Theodor He rzl"-Tischgesellschaft hält ihre Zusammenkünfte regelmäßig jeden Sarnstag abend ab. In anziehender Weise referierten bisher über die jüngsten zionistischen Ereignisse die Herren Bernhard Weisz und Dr. Füredi. Besonders interessant war der Vortrag des Herrn F. Komlössi über die Schrift „Ein Zukunftsbild", von Edmund Eisler, Wien 1885, von der der Vortragende berichtete, daß sie eine Vorläuferin des „Judenstaats" und von „Altneuland" darstelle, bisher aber gänzlich unbeachtet geblieben sei. — Die Vorbereitungen für eine großangelegte Makkabäerfeier sind in vollem Gange. Kroatien Agram. Der Präsident der südslawischen Zionistenföderation, Dr. Hugo Spitzer aus Essegg, Mitglied des Großen A. C, weilte dieser Tage in Agram, um mit den hiesigen Zionisten in Fühlung zu treten. Es wurde beschlossen, für den 25. Dezember eine Landeskonferenz der Zionisten Kroatiens, Slawoniens, Bosniens und Dalmatiens nach Agram einzuberufen. Diese Konferenz wird sich fast ausschließlich mit innern Organisationsfragen befassen. Vielfach wird der Wunsch laut, den Sitz der Organisation von Essegg nach Agram zu verlegen. Das Referat über den Stand der Bewegung dürfte A. C.-Mitglied Dr. Spitzer halten. Die Konferenz verspricht trotz der mangelhaften Agitation zahlreich beschickt zu sein. Im Anschluß an die Landeskonferenz wird die Abhaltung einer Bürgerversammlung geplant. Bosnien Sarajewo. Der einzige jüdische Abgeordnete im bosnischen Landtag, Bankier Jesua Salom, hat sein Abgeordnetenmandat niedergelegt. Die Regierung wird um das freigewordene Mandat der jüdischen Kurie schon in kürzester Zeit Neuwahlen ausschreiben. Es verlautet, daß man in den Kreisen der Sephardim nicht abgeneigt ist, das Mandat diesmal einem jüdisch-nationalen Aschkenasen zu überlassen, nachdem die Sephardim durch ihren Oberrabbiner -— der dem Landtag als Virilist angehört — vertreten sein werden, sobald der momentan freie Oberrabbinerposten besetzt wird. Italien Mailand: Die Mailänder Zionistische Ortsgruppe (Gruppo Sionistico Milanese) hielt vor 14 Tagen unter der "Leitung des Herrn Ing. Coen ihre diesjährige Generalversammlung ab. Nach dem vom Vorsitzenden, Herrn Advokat G. Racah, erstatteten Rechenschaftsbericht und nach der Beschlußfassung über einige die innere Verwaltung der Gruppe betreffende Fragen schritt man zu den Neuwahlen. Der neue Vorstand wurde, wie folgt, gebildet: Ing. G. Pincherle, 1. Vorsitzender, Ing. G. Muggia, 2. Vorsitzender (contigliere anziano), S. Heilbrunn und Ragoniere F. Levi, Schriftführer, Prof. L. Guggenheim und Prof. Dr.B.Neppi Beisitzer. Auf den Vorschlag des neuen Vorsitzenden wurde dem scheidenden Vorstand und der zionistischen Presse der Dank der Ortsgruppe ausgesprochen. Ferner wurde beschlossen, folgende Überweisungen vorzunehmen: An das Komitee „Pro Falasciä", plorenz, 25 Lire, an den Verein „Bezalel", Berlin, 50 Lire (gleich 10 Jahresbeiträgen), an den Nationalfonds 25 Lire (zur Eintragung der Gruppe in das Goldene Buch), 25 Lire für eine Aktie des J. C. T., London. Ferner stiftete der neue Vorstand in dankbarer Anerkennung für den im vergangenen Winter in selbstloser Weise von Sr. Ehrwürden dem Herrn Oberrabbiner von Mailand, Cavalier Da Fano, abgehaltenen Kursus für nachbiblische Geschichte und hebräische Sprache auf dessen Namen 5 Ölbäume. Die M. Z. O., die fast 200 Mitglieder zählt, beginnt nunmehr ein neues Jahr zionistischer Arbeit mit der Einweihung ihres neuen und eleganten Heims in der Via Passerella 8, wo die üblichen Zusammenkünfte der Mitglieder jeden Mittwoch stattfinden werden. Amerika Jahresversammlung der Zionisten in Texas Vom 1. bis 3. Januar 1911 wird in Houston (Texas) die Jahresversammlung der Zionisten des Staates Texas stattfinden. Berliner Brief Von unserm Berichterstatter Einen bemerkenswerten Artikel über die Juden schreibt Geh. Justizrat Prof. Dr. Kohler in Nr. 12 der Deutschen Montags-Zeitung. Er führt in dem Artikel die Bedeutung gewisser Volksstämme, wie des keltischen und armenischen, als befruchtende Elemente für andere Völker aus. Diese gleiche Rolle hätten die Juden in den Ländern ihrer Zerstreuung gespielt und hätten sie vor allem noch in Deutschland durch ihre völlige Assimilation zu leisten. Diese völlige Assimilation sieht er ausschließlich und mit Recht in dem völligen Aufgehen im Deutschtum durch Taufe und Mischehe. Trotz aller bedeutungsvollen Ideen der Misch nah und Gemara, ober auch trotz aller Reformideen und Reformversuche blieben die Juden, die in der Synagoge verharrten, Nationaljuden. Da aber nach Kohlers Meinung bedeutende Kultur- und wirtschaftliche Vorteile aus dem Übertritt der Juden ins Deutschtum erwüchsen, so sollten die Juden das kleine Opfer des Obertrittes bringen, umsomehr als „der Monotheismus des Judentums in christlicher Gestaltung, bereichert durch eine Reihe tiefer mystischer pantheistischer Vorstellungen, die Lehre vom Erlöser, von dessen Persönlichkeit ja auch der Talmud spricht, der Glaube an den die Menschheit stets zum Fortschritt führenden heiligen Geist der Weltgeschichte," Elemente seien, welche jeden tiefern Geist anziehen und jedes innige Gemüt ergreifen müßten. Die Mischehe müsse die Rassenunterschiede ausgleichen, da stets Mischrassen die Welt beherrscht hätten. Die Juden sollen dem Deutschtum an Eigenschaften ersetzen, was diese auf gewissem Gebiete durch den dreißigjährigen Krieg verloren hätten. Gleichgültig sei es, daß es daneben Nationaljuden geben könnte, die sogar den ^ionisten-Nationalstaat verwirklichen könnten. Würde man aber alle Juden dorthin führen, so würde das finanzielle Leben in Deutschland veröden, die unternehmenden industriellen Geister der Juden würden sich in Palästina langweilen und die Rückkehr würde sehnsüchtig erwartet und schließlich beiderseitig mit brausendem Jubel begrüßt werden. Kohlers Artikel hat darin ganz Recht, daß eine Assimilation ohne Taufe und Mischehe unmöglich ist. Aber weil die „liberalen" Juden der entgegengesetzten Meinung sind, müssen sie folgerichtig in Köhlers Artikel einen trotz aller gegenteiligen Versicherungen antisemitischen Artikel erblicken. Von ihrem Standpunkte ist er es. V/enn aber Kohler von dem Monotheismus in christlicher Umgestaltung eine Vertiefung erwartet oder in ihm bereits erblickt, so können wir dieser Verklärung der mystischen Lehren von der Dreieinigkeit, „der Erbsünde", dem abstrakten Erlöser usw. nicht folgen, da der Erlöser, den er im Talmud zu finden glaubt, zwar überall dort zu finden ist, aber nicht in der von ihm vorausgesetzten Gestalt, sondern, wie bei den alttestamentlichen Propheten, als nationaler Befreier des jüdischen Volkes. Und dann irrt er sich auch über den Wert der Mischrasse. Dort trifft seine Theorie zu, wo eine Minorität kräftiger Eroberer ein Kulturvolk unterwarf. Da kam junge Kraft hinzu. * Hier ist es umgekehrt Wer vom Judentum abfällt, zeigt ja, daß er zwar auch einer Minorität angehört, aber daß er die Widerstandskraft nicht hat, die eben diese Minorität auszeichnet; im Gegenteil, die Elemente, die vom Judenvolk in die Umgebung übergehen, sind seine schwächsten Elemente, denen es durchaus an Charakterstärke fehlt. Dieser Beobachtungsfehler ist der größte Irrtum in dem Kalkül des sonst in seinem Artikel wie immer jedenfalls sehr interessanten Professor Kohler. Hani-mabbit.