Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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über „Zionismus und gesetzestreues Judentum", an dem Herr Stern ein ausgezeichnetes, die Frage nach allen Richtungen objektiv beleuchtendes Referat hielt, folgte letzten Donnerstag eine zweite, sehr gut besuchte Veranstaltung mit demselben Diskussionsthema, nachdem die erste der vorgerückten Zeit halber unterbrochen werden mußte. Das einleitende Referat hatte diesmal der Sekretär der Misrachi-Föderation Herr Braun übernommen. In seinem mehr als eineinhalbstündigen Vortrage setzte sich der Redner zunächst mit den Gegnern der Organisation auseinander, die sich auf Grund einiger, von unverantwortlicher Seite stammender Presseäußerungen eine Gedankenwelt zurechtzimmern und ihr die Weihe der offiziellen zionistischen Weltanschauung geben. Diese Einzelansichten und Theorien des reinen Rassennationalismus haben ihren Ursprung in der sinnwidrigen Übertragung von Begriffen und Bezeichnungen des westeuropäischen Völkerlebens auf die ganz anders geartete jüdische Gemeinschaft und seien vom Standpunkte des historischen gesetzestreuen Judentums — zu dem sich der Referent bekennt — mit Recht als unjüdisch und gefährlich zu bekämpfen. Es ginge aber nicht an, diese von allen guten Juden mißbilligten Anschauungen dem Zionismus in die Schuhe zu schieben und damit die ganze zionistische Bewegung in Acht und Bann zu tun. Während man in frühern Jahren den Zionismus als bedeutungslose Eintagserscheinung hinstellte, suche man ihn jetzt dadurch zu untergraben, daß man ihn zu 'einer welterschütternden, alle Glieder der Organisation verpflichtenden unjüdischen „Weltanschauung" aufbauscht. An einer Anzahl von Beispielen wies der Referent nach, daß der Geist der Assimilation im Laufe des letzten Jahrhunderts auch in die Kreise des gesetzestreuen Judentums eingedrungen sei und den Bestand des überlieferten Judentum in den europäischen Kulturländern ernstlich bedroht habe. Eine objektive, von jeglicher Parteipolitik unbeeinflußte Untersuchung der Lage des Judentums ergibt die unabweisliche Notwendigkeit, für das jüdische Volk in Palästina ein gesichertes Gemeinwesen zu schaffen. Das und nichts anderes sei das Ziel des Zionismus. Niemand habe das Recht, ihm Anschauungen, die über den Rahmen des Basler Programms hinausgehen, unterzuschieben. Die gesetzestreueri Zionisten arbeiten für die Verwirklichung dieses politisch-ökonomischen Zieles vom Standpunkte ihrer thoratreuen Weltanschauung. — Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. In der Debatte meinte Herr Nahum Goldmann, auf Gedankengänge Achad-Haams sich stützend, das nationale Moment sei das vorherrschende im Judentum, dem sich auch die Religion unterzuordnen habe. Demgegenüber wiederholte Herr Braun, daß nur in der Synthese Volk und Religion das wahre Judentum zum Ausdruck komme und die Achad- Haam'sche Auffassung geradezu zur Ablehnung der politischen und praktischen Tätigkeit des Zionismus führe. In warmherzigen Ausführungen, wandte sich auch Herr Levigard gegen Herrn Goldmann. Referendar Breuer legte in rhetorisch wirkungsvollen Worten seinen Standpunkt des Antizionismus dar, weil die zionistische Bewegung angeblich eine neue jüdische Einheit, eine religionslose, schaffe. Die Referenten hätten den Zionismus, der wesentlich eine geistige Bewegung sei, zu einer politisch-ökonomischen Aktion „degradiert". Herr Stern verteidigte seinen Zionismus gegen den des Herrn Breuer, der sich genötigt sähe, einen im Grunde genommen gar nicht bestehenden Zionismus zu konstruieren, um nur seine Gegnerschaft zu begründen. Mit einem kurzen Schlußworte des Herrn Braun schloß die anregende Diskussion, die der Jugendgruppe und unserer Sache überhaupt von großem Nutzen gewesen ist. Breslau. Am 26. November fand eine außerordentliche Generalversammlung der „Breslauer Zionistischen Vereinigung" statt, in der mit Rücksicht auf die Beschlüsse des letzten Delegiertentages die Erhöhung der Mitgliederbeiträge von 6 JC auf 8 Jf, beschlossen wurde. Aus diesem Betrage bezahlt die B. Z. V. für ihre Mitglieder Schekel, Landesbeitrag und Parteisteuer. Am selben Abend sprach unser Parteisekretär Herr Blumenfeld über die Lage des Zionismus in Deutschland. Er hatte dabei Gelegenheit, seine Ideen über die Art der zionistischen Arbeit in Deutschland den zahlreich versammelten Breslauer Zionisten bekannt zu geben. Die interessanten Ausführungen des Redners wurden mit großem Beifall aufgenommen. Im Anschluß daran gab zunächst Herr Dr. Felix Pinkus-Zürich, der zufällig anwesend war, einen kurzen Bericht über die Tagung des A. C, an der er teilgenommen hatte. Darauf folgte eine lebhafte Diskussion, die sich besonders mit den von Blumenfeld für die Arbeit aufgestellten Prinzipien und seinen Anregungen befaßte. In der darauffolgenden Woche begannen die von der Ortsgruppe für diesen Winter vorgesehenen Kurse: Hebräische Sprachkurse unter Leitung von Frl. Clara Brüll und ein Palästina-Kurs, den Herr Dr. Sandler liest. Am 4. Dezember fand sodann im Saale der „Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur", dem schönsten und vornehmsten Saale Breslaus, eine öffentliche Versammlung statt, in der Herr Dr. Franz Oppenheimer über „Die Siedlungsgenossenschaft und ihre Bedeutung für die jüdische Kolonisation" sprach. Ein freies Komitee, d'3S zum größten Teil aus Nichtzionisten zusammengesetzt war, hatte dazu eingeladen, da der Zweck der Veranstaltung nicht zionistische Propaganda, sondern Agitation für , den Genossenschaftsfonds war. Trotz des verhältnismäßig hohen Eintrittspreises (Jt 1.50) war der Vortrag gut besucht. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden den Ausführungen des Redners, der etwa 11 % Stunden sprach. Die Wirkung dokumentierte sich sofort durch Zeichnungen in Höhe von fast 5000 J(, denen weitere noch nachfolgen dürften, da an alle zur Versammlung Eingeladenen jetd noch einmal von demselben Komitee Aufforderungen zur Zeichnung ergehen. Ratibor. Das von unserer zionistischen Ortsgruppe am 10. d. Mveranstaltete „Fest für die Ölbaumspende" war von 250 Personen besucht und nahm einen glänzenden Verlauf. Nach einem von Fräulein Elise Block gesprochenen Prolog sang Dr. Pinczower- Kattowitz einige jüdische Volkslieder, worauf Rechtsanwalt Lachm a n n-Königshütte eine inhaltsreiche Festansprache über die Bedeutung der Ölbaumspende hielt. Im Anschluß hieran wurde dem Publikum ein reichhaltiges, amüsantes Kabarett unter Leitung von Zahnarzt Block geboten. Tanz beschloß "das allgemein befriedigende Fest, in dem die jüdische Note noch* in mannigfacher Weise betont war, einmal durch eine kleine Ausstellung von Bezalelarbeiten und Jaffaspitzen, dann durch den lebhaften Verkauf der neuen kolorierten Palastinaansichtskärten, vor allem aber durch einen Bazar von Fruchtproben aus den jüdischen Kolonien. Die von unserm Palästinaamt in Jaffa bezogenen div. Früchte fanden dank ihrer Güte schnellen Absatz. Eine veranstaltete Verlosung brachte als Gewinne Bücher aus dem Jüdischen Verlag und Kunstblätter vom Verlag Phönix. An der Kaffeetafel feierten Dr. Böhm und H. Adler die Mitwirkenden und das Damenkomitee, dem die Damen Dr. Böhm, Rabbiner Dr. Dienemann, R. Fröhlich, L. Glücksmann, F.Mandowsky und Rittergutsbesitzer Zender angehörten. Für die Ölbaumspende konnten 130^ abgeführt werden. Hamburg. In der Zionistischen Ortsgruppe fand am 15. Dezember eine interne Versammlung statt. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt David, eröffnete die Sitzung mit einem Nachruf auf die auch dem Zionismus zu früh entrissene Frau Lea Hirsch, deren Andenken zu Ehren die Anwesenden sich von ihren Sitzen erhoben. Hierauf referierte Herr Zahnarzt Unna über die November-Sitzung des Aktionskomitees. An den anregenden Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich die Herren Gottschalck, Hirsch, Hollander, Huldschiner, Kantorowitsch, Landau, Meier, Michael, Möller, Nathan und Unna beteiligten. Österreich Pilsen. Die vom Pilsner jüdischen Volksverein „Zion" am 10. d. M. veranstaltete Makkabäerfeier hat alle Erwartungen übertroffen. Die glänzende Festrede des Abgeordneten Dr. A. Mahler aus Wien fand rauschenden Beifall. Ebenso anziehend erwiesen sich die Gesangsvorträge des Fräulein Merten und des Fräulein Lauschmann aus Prag, die Produktion unseres jugendlichen Violinvirtuosen Sicher und die humoristischen Vorträge des Schauspielerpaares der Pilsner deutschen Bühne. Hierauf folgte ein animiertes Kränzchen, welches bis in die Morgenstunden währte. Hervorzuheben ist noch, daß Reichsrats-Abgeordneter Dr. A. Mahl er das ihm angebotene Honorar von 200 Kronen der Siedlungsgenossenschaft in Palästina gewidmet hat. Teplitz. In einem am 8. Dezember vom Volksverein „Zion", Teplitz, veranstalteten Vortrage besprach Herr Privatdozent Dr. Isidor Po Hak die Stellung der Frau im biblischen und nachbiblischen Judentum. Er ging auf die älteste Schöpfungsgeschichte zurück und charakterisierte die jeweilige Stellung der Frau innerhalb der Volksgemeinschaft in den wichtigsten Perioden der jüdischen Geschichte. Zum ^Schlüsse beschäftigte sich der Vortragende mit der spätem Zeit des ' Judentums, das innerhalb eines mustergiltigen Familienlebens die Würde der Frau stets hochgehalten hat. An den Vortrag schloß sich eine rege und interessante Debatte, an der sich besonders die Herren Ernst Bechert und Ludwig St e i n e r beteiligten. Czernowitz. Am Eröffnungsabend des zionistischen Seminars der „Emunah" sprach Samstag den 26. November, Prof. Dr. Leo Kellner über den Lebenslauf und dieWeltanschauung von Moses Heß. Der Vortragende führte u. a. aus: Anfangs ein begeisterter Jünger Hegels, sah Moses Heß später in der ganzen Welt einen geordneten Organismus, in dem die Menschheit als Teilorganismus oder wie Heß sie nennt, als „soziale Welt" ähnlichen Gesetzen unterworfen ist, wie beispielsweise die physikalische Welt. In dieser zweiten Periode, in der Heß auch die Ansicht vertritt, daß die gesamte Weltgeschichte auf einen „Geschichtssabbat" lossteuere, fällt, die Ent-