Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 3× ep/1047930
- Beirut 2× ep/1047833
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Üo, Bi DIETOELT 1341 Eine englische Stimme über die Jüngste Entwicklung Palästinas Die Londoner Wochenschrift „The Eeonomist'% die angesehenste und wissenschaftlich hervorragendste volkswirtschaftliche Revue Englands, bringt in ihrer Nummer vom 3. d. M. einen längern Aufsatz über die Entwicklung des Handels und Verkehrs in Palästina, idem wir folgende Ausführungen entnehmen: Vor zwei Jahren wies ein Korrespondent in einem Artikel über «die landwirtschaftliche Entwicklung Palästinas darauf hin, «daß hauptsächlich durch den Fleiß und die Betriebsamkeit der jüdischen Einwanderer die ehemalige Fruchtbarkeit des Landes allmählich wiederhergestellt würde. Derselbe Korrespondent sendet uns jetzt einige weitere Eindrücke. Als vor zwei Jahren die jungtürkische Revolution im ottomaöibShen Reiche ausbrach, wurde die alte korrupte Bureaukratie des Sultans hinweggefegt, und neue Hoffnungen wurden innerhalb des ganzen Seiches rege. Ein neues Zeitalter der Freiheit, eine Ära guter Regierurig und kräftigen Unternehmungsgeistes glaubte man angebrochen. Man kann nicht sagen, daß alle diese Hoffnungen sich erfüllt haben. In Palästina tauchten sogleich nach der Besserung der Verhältnisse zahlreiche Pl$ne auf, aber vom Entwurf bis zur Ausführung ist?m Orient bekanntlich ein weiter Weg, und so erscheinen viele dieser iPläae alljährlich von aewem in den Konsularberichten. Gleichzeitig miachUich in der Tat ein steter Fortschritt bemerkbar; die Verwaltung ftst tätiger und ehrlicher, die Steuereln.zieher .sind weniger erpresserisch, $ie Initiative des einzelnen ist weniger gehemmt. So hat die Stadtverwaltung von Jerusalem einen Wettbewerb für Beleuchtungsanlagen, £Mie Wasserleitung und eine elektrische Straßenbahn in der Stadt ausgeschrieben; es wird vorgeschlagen, daß -diese Unternehmungen nicht direkt durch die Stadtbehörde verwaltet werden, andern durch private Gesellschaften unter ihrer Oberaufsicht. Die iHawptschwierigkeit, die mm ins Auge zu fassen hat, ist die Schaffung (.einer .Einnahmequelle, die die Rentabilität dieser öffentlichen Arbeiten Werburge^ würde. Die Bevölkerung Aer Stadt wächst beständig, tauptsächtieji infolge der regelmäßige« Einwanderung von Juden, deren Zahl über £0000 bei einer Gesaratbevölkerung von 80000 iEinwohnern beträgt; und der Bericht über den Persone# vermehr rauf der Eisenbahnlinie Ja^a-Jerusalem zeigt, daß im vorigen Jahre ©twa 150000 Passagiere gegefl 122000 im Jahre 1908 befördert wurden, während der Reinertrag 4er Linie von £ 30000 auf £ 34000 gestiegen ist. Man muß indessen nicht so sehr in Jerusalem, welches abseits von den großen Verkehrsstraßen und in einer nicht gerade ►fruchtbaren Gegend gelegen ist, die Vorbedingungen für einen sgeschäftlichen Aufschwung suchen, als vielmehr in Jaffa und iHa/ifa, den zwei Hauptküsfcenstädten des Landes. In Jaffa nimmt (die Bevölkerung ebenso wie in Jerusalem ständig durch jüdische ^Ansiedler, die jetzt über IQ 030 yon den 50000 Einwohnern zählen, >zu. Während des letzten Jahres haben sie eine Art Gartenvorstadt, die über 200 neuzeitlich angelegte Häuser aufweist, gegründet; und öle Anglo-Palestine Company, eine jüdische Bank, welche ihren .Hauptsitz in Jaffa hat, vergrößerte ihr Depositenkonto von anderthalb Millionen Francs im Jahre 1908 auf zweiunddreiviertel Millionen toi Jahre 1909, während in der ersten Hälfte des laufenden Jahres der Betrag drei Millionen überschritt. Das Gesamtkapital, das nunmehr jn der Bank deponiert ist, hat den Betrag von fünf Millionen überschritten. Die Bank fördert den Unternehmungsgeist, indem sie Vorschüsse an landwirtschaftliche Genossenschaften in den jüdischen •Kolonien, die um die Stadt Jaffa gruppiert sind, gewährt. Der iHafenverkehr zeigt gleichfalls eine ständige Zunahme. Die Ausfuhr, die 1908 £ 480 000 betrug, ist jetzt auf £ 560 000 gestiegen, wovon beinahe drei Viertel nach England und Ägypten gehen; die Einfuhr während derselben Periode ist von £ 809 000 auf £91S 000 gestiegen. Den Hauptgegenstand des Imports bilden Baumwollwaren, die hauptsächlich aus England kommen und einen 'Wert von £ 260000 darstellen. Es ist interessant, in diesem Zusammenhange darauf hinzuweisen, daß die jüdischen Kolonisten mit Erfolg Versuche mit der Anpflanzung von Baumwolle angestellt haben, und es wird berichtet, daß das Produkt der besten ägyptischen Qualität gleichkommt. Angesichts des Umstandes, daß «die Produktion Ägyptens zeitweise nachläßt, verdienen die Möglichkeiten eines ausgedehnten Anbaus von Baumwolle in Palästina ernsthafte Erwägung, und die jüdische Landwirtschaftsschule, die kürzlich am Berge Karmel gegründet wurde, wird diesem Gegenwand sicherlich ihre Aufmerksamkeit widmen. Noch mehr ins Auge fallend als die Entwicklung von Jaffa ist der Fortschritt, der während der letzten zehn Jahre in Haifa, «der Stadt, die am südlichen Ende der Bucht von Akko (St. Jean '"M würde. Üurch d'Acre) am Fuße des Berges Karmel liegt, gema. . Jj^'j ihre natürlichen Vorzüge und durch ihre Lage als Ku?tettert,d0täV°A der Hedschas-Eisenbahn scheint Haifa bestimmt zu sein, 10 zu ferner Zeit das Handelszentrum nicht nur von Palästina, sondert! von ganz Syrien zu werden. Durch die .Heds.chaslinie, — diese*? bemerkenswerte, gewissermaßen „heilige* Eisenbahnunternehmen, — die sich nunmehr einige 1300 Meilen von Damaskus nach Mekka undMedina erstreckt, wird es mit der reichen und fruchtbaren Kornkammer desHauran verbunden; und die türkische Regierung plant, den syrischen Verkehr von Beirut nach diesem palästinensischen Hafen abzulenken. Die Zweiglinie Beirut-Damaskus gehört einer französischen Gesellschaft und hat den Nachteil, daß sin Teil ihres Laufes nur eine schmale Spurweite hat, während die Hedschaslinäe Eigentum der Regierung ist und sich, obgleich sie ursprünglich nur für den Pilgerverkehr gebaut wurde, infolge ihrer Mündung an das Mittelmeer bei Haifa für nationale und Handelszwecke dienstbar machen läßt, wenn der Handel des ungeheuren Distrikts, dem sie dient, auf dieser Linie abgewickelt werden kann. Zunächst ist es nötig, einen guten Hafen an Stelle der halboffenen Reede in Haifa zu bauen. Mit der Arbeit ist bereits begonnen worden, aber es wird einige Jahre dauern, — selbst wenn eine energische europäische Aufsicht eingeführt wird, «tun den gemächlichen Orientalen anzuspornen, — ehe sie vollendet «ein wird. Jn der Zwischenzeit schreitet die Verbindung der HedschasJinie mit andern iEisenbahnlinierj des Orients rüstig fort. Man erwartet, daß zu Begiinn des nächsten Jahres die Linie von Tripolis an der nordsyrischen Küste nach Horns fertiggestellt wird; und da Horns bereits mit Damaskus verbunden ist und Tripolis schließlich mit Konstantinopel verbunden wird, so wird das Netzwerk der Liniein, die Europa, Klein asien, Syrien, Palästina und Arabien miteinander verbinden, vollendet sein. Überdies ist eine Linie zwischen Haifa und Jerusalem projektiert und eine andere schmalspurige Eisenbahn die palästinensische Küste entlang, die bei Beirut beginnt, Haifa und Jaffa berührt und nach Gaza geht. Es ist .auch sicher, daß in nicht allzu ferner Zeit die ägyptische Regierung wünschen wird, ihr Eisenbalmsystem mit dem großen Nachbarsysteni zu verbinden, und sie wjr.q! dies wahrscheinlich tun, indem sie die Linie von Port-Said durcft den nördlichen Teil der Sinaihalbinsel fortführt, wo sie m\t den jürfcischen Linien in üaza und Haifa zusammentreffen wird. Auf diese Weise wird Palästina wahrscheinlich ein Netzwerk von Eisenbahnen erhalten und Haifa, sein Handelshafen, das Zentrum dieses Netzwerks werden. Als Napoleon im Orient war, erklärte er, daß Akko der Schlüssel der orientalischen Welt sei; diese Voraussage mag in nicht allzu langer Zeijt durch Haifa gerechtfertigt werden, das von Akko nur durch eine halbmondförmige Bucht von iö englischen Meilen getrennt ist. Die jüdischen Ansiedler haben die zünehniende Wichtigkeit von Haifa erkannt, und sie errichten auf den Höhen ,des Karmel außer der bereits erwähnten landwirtschaftlichen Schule ein großes Polytechnikum, das eine abgeschlossene technische Erziehung vorsehen und die tatkräftigen Ansiedler vorbereiten wird, die kommerziellen, industriellen und Bodenschätze des Landes zu heben. Gegenwärtig wird in letzterer Hinsicht wenig getan, obgleich berichtet wird, daß ein italienisches und ein englisches Syndikat wegen Konzessionen zur Ausbeutung der Minerale auf der Ostseite des Jordans bzw. des Toten Meeres in Unterhandlung stehen. Die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Kolonisation wird ebenfalls etwas behindert durch die Schwierigkeiten, die die Behörden fremden Ansiedlern bei Landkäufen in den Weg legen, und die Jewish Colonisation Association, die mit der Verwaltung des Millionenkapitals von Baron Hirsch betraut ist, nimmt davon Abstand, ihren Besitz in Palästina zu vermehren. Man sagt, daß die Jungtürken eine nationale jüdische Konzentration und dadurch eine neue nationale Frage im Reiche fürchten; aber sie werden wahrscheinlich lernen, daß das jüdische Volk, wenn es gut behandelt wird, immer loyal und reichstreu gewesen ist, und daß sie hauptsächlich in der jüdischen Einwanderung die Vorbedingung für eine Ausdehnung der Einkünfte des Landes suchen müssen, die sie der Notwendigkeit ausländischer Anleihen entheben wird. Die deutsche Kolonisation, die über 1000 Mitglieder des „Tempels" im neunzehnten Jahrhundert nach Palästina verpflanzte, ist im Verschwinden begriffen. Anderseits nimmt die jüdische Einwanderung von Jahr zu Jahr zu, und wenn die Nachkommen der alten Bewohner des Landes ermutigt werden, ihre Unternehmungen auszudehnen, werden sie nicht nur seine ehemalige Fruchtbarkeit wiederherstellen, sondern werden. Palästina zu einer großen Verkehrsstraße für den europäischen und asiatischen Handel machen."