Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 126)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316447--53910-3347679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1120 diej|kelt No. 41 Denn das Gefühl, das der Jude für Palästina hegt, ist nicht ein Qefühl für irgendein Adoptivland, sondern für das Land seiner Väter. Und er ist willig und eifrig, die Pflichten des ottomanischen Bürgertums auf sich zu nehmen, in derselben Weise, in der seine Brüder die Pflichten britischen und amerikanischen Bürgertums übernommen haben. Es ist nicht seine Schuld, wenn man ihn als einen Vertreter der russischen Nationalität betrachtet. Das wäre sein Unglück. Und wenn die ottomanische Regierung ihn tatsächlich in so verdächtigem Lichte sehen würde, so hätte sie ein einfaches Mittel, diesen Fleck wegzuwaschen. Sie braucht nur dem Beispiel der Verfassungen Englands und Amerikas zu folgen. Sie brauchte nur dem russischen Juden die Erlangung des ottomanischen Bürgerrechts zu erleichtern, — und sie fände so eine starke Vermehrung ihres Bürgertums durch ein treues und wertvolles Element. Der zweite Grund, den Herr Strauß angibt, weshalb die türkische Regierung gegen die jüdische Einwanderung ungünstig gestimmt ist, lautet, daß „sie bemüht ist, das Reich zu konsolidieren". Aber welcher Grund berechtigt zu der Furcht, daß die Einwanderung der Juden die Konsolidierung des Reiches gefährde? Die Antwort liegt in der Fortdauer einer irrtümlichen Ansicht, die wir schon längst zerstreut und widerlegt glaubten. Die türkische Regierung, so sagt Herr Strauß, glaube, daß der Zionismus „die Loslösung eines besondern Staates zum Endziel hat". Diese Behauptung steht nicht im Einklang mit dem vorhergenannten Einwand, daß nämlich die jüdischen Einwanderer nach Palästina kämen als „Vertreter der russischen Nationalität". Wenn man sie im Verdacht hat, daß sie ins Heilige Land ziehen, um dort die russischen Interessen zu fördern, so muß man so von der Intention freisprechen, daß sie dort einen jüdischen Staat gründen wollen, es sei denn, daß man ihnen das absurde Verlangen zutraut, das Reich des Zaren zu erweitern — in Anerkennung der Prügel, die sie bekommen haben. Doch wir können ruhig über diese Inkonsequenz hinwegsehen, da sich die Grundlosigkeit des zweiten Einwandes ebenso leicht erweisen läßt, wie die des ersten. Denn worauf basiert die Behauptung der separatistischen Tendenzen? Durch welchen zionistischen Grundgedanken kann sie unterstützt werden? Nicht ein einziger Punkt des Baseler Programms, nicht ein einziger Kongreßbeschluß kann zur Verteidigung einer solchen Ansicht zitiert werden. Die Ziele des Zionismus sind von den Führern unserer Bewegung so oft und in so klarer Weise öffentlich dargelegt worden, daß es uns in das höchste Erstaunen setzt, zu finden, daß diese irrtümliche Ansicht noch immer und sogar in Kreisen herrscht, die wir für vollständig und genau informiert hielten. In keiner Definition zionistischer Ideen, die jemals im Namen der Organisation geäußert worden ist, findet sich auch nur die geringste Spur, daß man separatistischeTendenzen verfolge. Und solche Personen, denen die Verantwortung für Verbreitung einer gegenteiligen Ansicht zufällt, machen sich einer fälschlichen Beschuldigung einer großen und friedlichen Bewegung schuldig. Die Quelle, der diese Fälschungen entspringen, ist uns gerade nicht unbekannt. Wir bedauern nur, daß die Verbreiter dieser Lüge unserm eignen Fleisch und Blut entstammen. Sie hätten beste Gelegenheit und sollten es als ihre heilige Pflicht ansehen, an dem Werk mitzuarbeiten, das zu zerstören sie ihr Äußerstes tun. Daß auch Herr Strauß seine Informationen aus dieser vergifteten Quelle geschöpft hat, geht aus seinen Bemerkungen über den Einfluß des Zionismus auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in Jerusalem hervor. Er sagt, daß der Zionismus „die Einwanderung der Juden angeregt hat, von denen viele unfähig sind, ihren eignen Lebensunterhalt zu erwerben, und daß er dadurch das herrschende Elend in Jerusalem vergrößert hat". Tatsache ist, daß die große Masse der Juden, die durch den Zionismus angeregt worden sind, nach Palästina auszuwandern, sich in den Kolonien und nicht in den Städten angesiedelt haben. Und was Jerusalem anbetrifft, so ist die Gründung der Anglo Palestine Company und der Bezalel-Schule ein Faktor, dessen Wert für die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse der heiligen Stadt von jedem aufmerksamen und unbefangenen Beobachter anerkannt werden muß. Der Zionismus hat nicht einen einzigen Bettler nach Jerusalem gebracht, aber er hat ein Institut gegründet, welches Menschen, die sonst Bettler geworden wären, in fleißige Handwerker umwandelt. Herr Strauß erklärt, er wünsche nicht, daß man ihn „als Gegner des Zionismus ansieht". Diese Erklärung ist uns durchaus nicht neu und überraschend. Wir können uns kaum denken, daß ein jüdischer Staatsmann von solcher Bedeutung und Erfahrung, der sein jüdisches Gefühl im Verlauf seiner ganzen anstrengenden politischen Karriere unversehrt bewahrt hat, selbst den allerkleinsten gegnerischen Gedanken gegen eine Bewegung hegt, die darauf abzielt, die jüdische Frage gemäß den Jahrhunderte alten Idealen und Traditionen zu lösen. Aber das bloße Nicht-Gegner-Sein würde kaum einer Sache helfen, die das Schicksal des Judentums in sich schließt. Wir sind uns vollständig der mächtigen und schwierigen Stellung, die Herr Strauß einnimmt, bewußt; aber wir glauben nicht, daß er es mit seiner Verantwortlichkeit, die sich besonders auf die christlichen Schulen im Orient erstreckt, unvereinbar finden würde, eine positivere und günstigere Haltung gegenüber den jüdischen Hoffnungen in demselben Gebiet an den Tag zu legen. Als jüdischer Botschafter in Konstantinopel hat er eine einzigartige Gelegenheit, die ideellen Bestrebungen seines Volkes zu fördern, und wenn er vielleicht für den Augenblick nicht imstande ist, diese tätig zu unterstützen, — das mindeste, das man erwarten könnte, ist, daß er über sie richtig unterrichtet ist und daß er die falschen Ansichten zerstreuen sollte, die in den hohen Kreisen herrschen, in welchen er Einfluß und Vertrauen genießt. Israel Cohen. Deutschland Berlin. Am 1. Oktober fand im „Burghotel" die diesjährige Generalversammlung des hiesigen Lokalvereins „Esra" statt. Die Versammlung nahm einen recht lebhaften Verlauf und dürfte eine neue Richtung in der Tätigkeit dieses um die Förderung der Palästinakolonisation verdienten Vereins angebahnt haben. Zunächst erstattete der Vorsitzende, Moritz Dorn, Direktor der Palästinagesellschaft, einen kurzen Bericht über die letztjährige Tätigkeit des Vereins. Es seien zwar keine besonders hervorragenden Leistungen zu verzeichnen; man dürfe jedoch die Schwierigkeiten der praktischen Kolonisationsarbeit in Palästina nicht übersehen. Es sei nicht leicht, sgeeignetes Menschenmaterial dafür zu finden. In dieser Hinsicht btänden die Lehranstalten und Institute wie der „Bezalel" bei weitem desser. Redner entschuldigt sich wegen der verspäteten Einberufung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.