Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 3× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
- Tiberias 1× ep/1048138
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1106 SIEGELT No. 41 Gerade jene Handwerkszweige, in denen die Juden Osteuropas zahlreich vertreten sind, an erster Stelle das Schneider¬ und Schusterhandwerk, sind in Palästina schon ziemlich überfüllt. Neuen Einwanderern bieten diese Berufe kaum Aussicht auf Erwerb. Eine Ausnahme bilden besonders geschickte und tüchtige Handwerker, weh he stets Beschäftigung finden, und zwar nicht auf Kosten der im Lande bereits wirkenden jüdischen Berufsgenossen, sondern indem sie neue Kundenkreise erwerben und mit ihrer guten Arbeit ausländische Fabrikate verdrängen. So könnten z. B. mehrere tüchtige Damenschneider in Jaffa, Haifa und Jerusalem wahrscheinlich Erwerb rinden. Klempner, Schmiede, Schlosser, Uhrmacher, Goldschmiede, Glaser sind ebenfalls bereits ziemlich zahlreich vertreten, sowohl unter den alteingesessenen sephardischen wie unter den in den letzten Jahren eingewanderten europäischen Juden und unter den Arabern, die beispielsweise als Klempner gut und sehr billig arbeiten. Vereinzelt können Handwerker in diesen Berufen noch Beschäftigung finden, müssen aber wenigstens etwas Geld mitbringen, um über die schwere Anfangszeit hinwegzukommen. Tischler haben infolge der starken Bautätigkeit viel Beschäftigung, und gute Tischler werden auch weiterhin ihre Existenz finden. Der Tagelohn ist 3—4 Frcs. Ebenso gibt es für Bauhandwerker, insbesondere Maurer und Steinhauer, Beschäftigung da diese beiden Berufe unter den Juden Palästinas wenig verbreitet sind, so daß die infolge der regen Bautätigkeit ziemlich große Nachfrage nach jüdischen Maurern und Steinhauern nur teilweise befriedigt werden kann. Tüchtige Maurer und Steinhauer können 4—6 Frcs. täglich verdienen. Bäcker mit guter Vorbildung könnten als Gesellen 70—80 Frcs. monatlich, verdienen. Bäcker mit einem Kapital von 4000 bis 6000 Frcs. könnten noch in der einen oder andern Stadt Palästinas Erwerb finden, wenn sie gute Backwaren zu liefern imstande sind.. Einige Barbiere mit europäisch gut eingerichteten Friseur- und Rasierladen können wahrscheinlich in Jaffa, Jerusalem und Haifa noch ihr Brot verdienen. Was die Großindustrie anbetrifft, so haben bei dem niedrigen Zollsatze in erster Reihe jene Industrien Aussicht auf erfolgreiche Konkurrenz mit dem Auslande, welche das Rohmaterial hier vorfinden. Als aussichtsreich sind daher zunächst diejenigen Industriezweige zu bezeichnen, die eine Verwertung der Landesprodukte bezwecken (wie z. B. Mühlenindustrie, Frucht- und Gemüsekonservenfabrikatioh, Öl- und Seifenfabrikation u. dgl.). An zweiter S telle sind verschiedene Arten Tran Sportunternehmungen, wie Bahn-, Automobil-, Tramway-, Omnibusu. dgl., erben so wie Telephonaniagen zu bezeichnen. Alle Art KommuuikationsunteriKehmun»en, Errichtung von Seebadeanstalten und Bau von Straßen als voraussichtlich rentable Unternehmungen werden nicht nur infolge der zu erwartenden Entwicklung des Landes sich als rentabel erweisen, sondern auch viel zur Hebung des Fremdenverkehrs beitragen. Mehrere dieser Projekte werden zurzeit teils von Gesellschaften, teils von privaten Interessenten studiert. Im allgemeinen muß man sagen, daß für die meisten neuen Industrieprojekte, die nur mit großem Kapital sich durchführen lassen, generelle Auskünfte nicht genügen. Diejenigen, die ernstlich für solche Unternehmungen sich interessieren, müssen an Ort und Stelle persönlich und mit Hilfe technischer Sachverständiger die Bedingungen der betreffenden Industrie prüfen. In vielen Fällen sind auch theoretische Feststellungen unzureichend und können einen praktischen, wenn auch ganz im kleinen durchgeführten Versuch nicht ersetzen. III. Erwerbsaussichten im Handel und Verkehr. Im palästinensischen Handel sind die Erwerbsäussichten für neue Einwanderer ziemlich gering. Der noch wenig entwickelte Engroshandel ist zum großen Teil in den Händen der Araber und der sephardischen Juden, mit welchen der aus Osteuropa einwandernde Jude in den ersten Jahren kaum konkurrieren kann, da er die Landes Verhältnisse und die Landessprache (das Arabische) nicht kennt. Kaufmännische Bureaus sind nur in geringer Zahl vorhanden, und Stellen für kaufmännische Bureauangestellte gibt es deshalb nur wenige. Mittellose junge Kaufleute sind deshalb dringend zu warnen, ohne vorherige genaue Erkundigung, ob für sie offene Stellen vorhanden sind, nach Palästina zu kommen. Am meisten Aussicht bei Besetzung offener Stellen haben Korrespondenten, die das Französische beherrschen; daneben wird auch die Kenntnis der hebräischen, englischen oder deutschen Sprache verlangt. Das Gehalt schwankt von 60 bis 250 Frcmonatlich. Im Detailhandel sind durch die große Einwanderung an Osteuropa, die in d^n letzten Jahren stattfand, alle Erwerbt zweige überfüllt. Ladenangestellte werden nur in sehr gf ringer Zahl gebraucht, und die wenigen Stellen werden durc Leute in Palästina, die des Arabischen mächtig sind und fil sehr geringes Gehalt (30 bis 50 Frcs.) arbeiten, besetzt. Im Fuhrwesen können vielleicht noch Juden Erwerb linder , entweder als Droschkenhesitzer in den Städten oder für Personei: verkehr über Land, insbesondere für Reiseverbinduug mit de jüdischen Kolonien. Hotels sind zwar in den Städten und den größern jüdische: Kolonien bereits vorhanden, doch ist das Hotelwesen noch weiter« Ausdehnung fähig. In einigen Städten, z B. in Tiberias, hätte europäisch eingerichtete, komfortable und saubere Hotel Aussicht auf einen großen Kundenkreis. Auch in einzelne, Kolonien besteht noch das Bedürfnis nach kleinen und sauber; Hotels. Ebenso könnten Sanatorien und Erholungsheime, dibisher in Palästina gar nicht vorhanden sind, an schönei Punkten des Landes auf zahlreiche Besucher rechnen Badeanstalten für warme Bäder und Duschen könnte* an vielen Orten errichtet werden und einen bescheidenen Vei dienst abwerfen. IV. Erwerbsaussichten in den höhern Berufen« Ärzte. Für einige tüchtige Ärzte, insbesondere Spezialisten fü Augen-, Ohren-, Frauen - und Kinderkrankheiten, dürfte in Palä stina noch Platz sein. In Jerusalem ist die Zahl der Ärzte hin reichend da hier die Hospitäler aller Konfessionen konzentrier sind. In Haifa hat sich kürzlich ein jüdischer Arzt niede'ge lassen. Dagegen kommen für die Niederlassung die Städte Ti berias und Safed noch in Betracht. In den großen jüdischei Kolonien gibt es bereits Ärzte, doch findet möglicherweise auc» in einer kleinern Kolonie ein Ärzt bei bescheidenen Anspruch ei noch genügend Praxis. Die türkische Gesetzgebung verlangt von einem Arzt, de: in der Türkei praktiziert, daß er vor einer Prüfungskommissioi in Konstantinopei sein Examen ablegt, doch wird diese Vorschrift nicht strenor gehandhaht, und es gibt in Palästina mehrere Ärzte welche diese Prüfung nicht gemacht haben. Immerhin gewähr: die bestandene Prüfung den Behörden gegenüber eine bessert Stellung. Die Prüfung bietet für denjenigen, der in Europa seh Examen gemacht hat und der französischen Sprache mächtig ist keine Schwierigkeit. Für Prüfungsgebühren und für die Kosten eines etwa zwei wöchentlichen Aufenthalts in Konstantinopel sind ungefähr 600 Frcs. erforderlich. Ärzte, die bereits einige Zeit in Palästina sind und sie] hier bekannt gemacht haben, haben Aussieht, in einem Hospita oder in einer jüdischen Kolonie mit einem Gehalt von 2000 bi 4000 Frcs. und dem Rechte der Ausübung von Privatpraxis an gestellt zu werden. Dagegen ist eine snlche Anstellung voi Europa aus auf brieflichem Wege nicht zu erlangen. Äpotheken sind in jeder Stadt und in fast jeder Kolonie vorhanden. Heilpersonal kann in der hiesigen Bevölkerung ge funden werden. Als Sprache ist für einen Arzt das Deutsch oder Jüdische ausreichend, daneben ist die Kenntnis der fran zösischen, hebräischen und arabischen Sprache erwünscht. Die Gebühren für eine Konsultation in der Sprechstund betragen 1.— bis 1.50 Frcs., für einen Besuch im Hause 2,— bis 4.— Frcs. Zahnärzte. Die Aussichten für Zahnärzte sind zurzeit nicht günstig. Ec gibt in jeder Stadt mit größerer jüdischer Bevölkerung mehren arabische und jüdische Zahnärzte, letztere meistens mit russischen Zahnarztdiplom. In den jüdischen Kolonien gibt es keine Zahnärzte, und et ist auch zweifelhaft, ob in einer Kolonie ein Zahnarzt seüu Existenz finden wird, da die größte jüdische Kolonie nicht mehi als 1000 bis 1500 Einwohner enthält. Die Mundpflege findet bei dt*r palästinensischen Bevölkerung noch wenig Verständnis. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß ein Zahnarzt in Jaffa oder Haifa noch seine Existenz findeu kann. Ein Diplom für die Ausübung zahnärztlicher Praxisjwird vov der Regierung nicht verlangt.