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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 110

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 110)
Language
German
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gegenwärtigen Palästina keinen Raum. Hier handelt es sich um höchst reale Fragen. Die türkische Regierung erschwert heute die jüdische Einwanderung aus Osteuropa. Sie wird es so lange tun, wie die einwandernden Juden in ihrer Mehrheit Untertanen fremder Mächte bleiben. Werden sie aber Ottomanen, so wird die Türkei bald erkennen, daß kein Bevölkerungselement Palästinas weniger politische Aspirationen hat als gerade die Juden. Im Verlaufe dieser Entwicklung sollten die Juden eine Chance wahrnehmen, die sie bisher ganz vernachlässigt haben: in den Dienst der Regierung als Beamte zu treten. Überall, im Heer, im Zol dienst, in der Gerichtsbarkeit, in der Verwaltung, ist Platz für Betätigung ottomanischer Juden. Welche außerordentliche Bedeutung das für die Juden hat, ist klar. Und die Gefahr einer Türkisierung der Juden? Sie besteht vielleicht in der europäischen Türkei, nimmermehr aber in Palästina. Hier ist das türkische Element, das nur wenige tausend Beamte umfaßt, für absehbare Zeit völlig außerstande, als Zentrum einer Assimilation ans Türkeatum zu dienen. Vor allem das arabische Element würde sich dem aufs schärfste widersetzten. Man könnte höchstens für die Juden die Gefahr einer arabischen Assimilation fürchten. Die Regierung aber wird sich hüten, zu einer Erweiterung der Macht des Arabertums beizutragen. Der erwachende arabische Nationalismus gravitiert naturgemäß nach dem ewig rebellischen Arabien. Im eignen Interesse dürfte daher die Türkei in späterer Zukunft die jüdischen Kulturbestrebungen gegenüber dem arabischen Nationalismus als Gegengewicht eher fördern als stören. Noch tausend ernste Fragen wären zu erörtern. Aber es mag genügen zu zeigen, daß unser Schicksal zum größten Teil in unsere Hand gelegt ist. Worauf warten? Hier ist die Arbeit, hier sind wir. Legen wir Hand an! Erwerbsaussichten für jüdische Einwanderer in Palästina > Zusammengestellt vom Palästina-Amt in Jaffa I. Erwerbsaussichten in der Landwirtschaft Die Landwirtschaft ist derjenige Erwerbszweig in Palästina, in dem Juden in unbeschränkter Zahl ihre Existenz rinden können. Je nach Vermögen, Alter und Familienstand (verheiratet oder unverheiratet) ergeben sich folgende Möglichkeiten: I. Leute ohne Vermögen können als Arbeiter Beschäftigung erhalten entweder in den Pflanzungskolonien in Judäa oder in den Ackerbaukolonien in Galiläa. Anfangs werden die Arbeiter nur tageweise beschäftigt, später können sie auch monatsweise angestellt werden Da die Arbeit ziemlieh schwer ist, eignen sich nur jnnge kräftige Leute dazu. Die tägliche Arbeitszeit beträgt acht Stunden. Als Lohn erhält der Arbeiter im Anfange ungefähr 12") Francs (1.20 K, 50 Kopeken) pro Tag; geübten Arbeitern wird später bis zu 2 Francs (1.90 K, 80 Kopeken) gezahlt. Bei 20 Arbeitstagen im Monat verdient also der Arbeiter im Anfange .'$2 Frs, später bis zu 50 Frs. Dieser Arbeitslohn reicht zum Unterhalt für eine Familie nicht aus, denn eine Familie von Mann, Frau und zwei Kindern braucht zum Unterhalt 75 Frs. monatlich, nämlich 15 Frs. für Wohnungsmiete und 60 Frs. für Nahrungsmittel; ein unverheirateter Arbeiter kann jedoch mit dem Lohn auskommen, da der Lebensunterhalt eines verheirateten Arbeiters sich mit 40 Frs., im Notfalle auch etwas billiger bestreiten läßt. *) A.U8 Heft Nr. 9 der Monatsschrift „Palästina", Wien. Es ist dringend wünschenswert, daß der Einwandere; wenigstens 100—2 j0 Frs. mitbringe, damit er für die erste Zeir, wo er noch wenig verdient und zeitweilig ohne Arbeit ist, üb< einen Reservefonds verfüge. Arbeiter, welche einige Jahre in der Landwirtschaft iü Palästina tätig gewesen sind und sich als tüchtig bewährt habe; haben Aussicht, Stellen als Aufseher oder Verwalter zu bekomme; oder von einer judischen Kolonisationsgeseilschaft als Pachte: oder Kolonisten angesiedelt zu werden und so zur Famihei gründung und Selbständigkeit zu gelangen. IL Leute mit einigen Tausend Francs Vermögen können ebenfalls nur als Arbeiter ihre Existenz finden. Si. haben jedoch die Möglichkeit, die zum Unterhalt einer FamiK notwendige Summe von etwa 75 Frs. monatlich zusammenzubringei . denn außer dem Arbeitslohn von o5 50 Frs., den sie selb: erhalten, können sie die Arbeitskraft der Frau und der Kinde im Hause ausnützen, und zwar in folgender Weise: a) Durch Geflügelzucht. Die Anlage eines Hühnerhofs mi 100—200 Kühnern kostet bis 1000 Frs., und es lassen sich daran nach einiger Zeit durch den Verkauf von Eiern und Hühner 20—30 Frs. monatlich verdienen. b) Durch Haltung von Kühen. Die Einrichtung eines Stalle für 3 bis 4 Kühe, mit den notwendigen Geräten für Butterun Käsebereitung kostet, wenn man den Stall pachtet, bis 1000 Frs wenn man den Stull selbst baut, bis 2000 Frs. Eine gute Ku! kostet zirka 300 Frs. und ergibt bei sorgfältiger Pflege durd Verkauf von Milch, Butter und Käse einen monatlichen Verdien* von etwa 10 Frs. c) Durch Anbau von Gemüse, z. B. Tomaten, Blumenkohl Kartoffeln, Zwiebeln usw. Die Gemüsezucht (und eigentlich auch die Milchwirtschaft und Geflügelzucht) kann allerdings nur dam in richtiger Weise erfolgen, wenn man ein eignes Häuschen mi Garten und Brunnen errichtet, was zirka 4000 Frs kostet. Dafii erspart die Familie die Wohnungsmiete und kann aus dem Vei kauf des Gemüses 20 Frs. monatlich und mehr verdienen. III. Leute mit zirka 15 C00 Frs. Vermögen haben zwei Möglichkeiten: 1. Sie können sich als Kolonisten ansiedeln und Ackerbai (Körnerbau) treiben. Da es in Palästina nur in sehr seltenem Fällen möglich ist, Land zu pachten oder gegen langjährige Raten Zahlungen zu erwerben, muß der Kolonist das Land gegen ba kaufen und folgende Aufwendungen machen: 200—250 Dunam Land (20—25 ha) a 30—40 Frs. 6 000—10 000Fr.-. Haus mit Stall ............. 3 000— 4 000 „ Lebendes und totes Inventar....... 1 500— 2 000 „ Saatgut u. Lebensunterhalt bis zur ersten Ernte 1 500— 2 000 „ 12U00—18 0uOFr^. Körnerbaukolonien sind die galiläischen und in Judäa Chedera Ekron, Artuf, Katra und Kastinie. In einigen dieser Kolonie;; gibt es hin und wieder noch etwas Boden zu kaufen. Außerhali der jüdischen Kolonien ist es dem einzelnen unmöglich, Bode; zu kaufen, weil die Kaufverhandlungen sehr schwierig und anc! nur größere Landstücke von einigen tausend Dunam zu kaufen sind. Für Ankauf von Land außerhalb der jüdischen Kolonien müssen sich wenigstens 20 —30 Leute zu einer Gesellschaft vereinigen. Auskunft über Ankauf von Land erteilt das Palästinaan; in Jaffa. Ein Kolonist, der 250 Dunam Ackerboden besitzt, kann davoi<. wenn er fleißig und tüchtig ist, zirka 1500 Frs. bis 2000 Fi> Gewinn im Jahre haben. Dieser Betrag reicht zum anständigei Lebensunterhalt einer Familie in einer Kolonie bei bescheidene) Ansprüchen aus. Da der Körnerbau nur dann rentabel ist, wenn der Kolonist selbst mitarbeitet und die Landwirtschaft versteht, eignet er sich nur für kräftige Leute, die körperliche Arbeit im heißen Klima ertragen können und wenigstens einige landwirtschaftliche Kenntnisse besitzen. 2. Leute, welche nichts von Landwirtschaft verstehen uno schwere körperliche Arbeit nicht gewöhnt sind, sollen bei einem Kapital von 15 000 Frs. sich nicht mit Kömerbau, sondern mit Pflanzungen beschäftigen. Da es aber nur wenig Pflanzungen zu kaufen gibt, die bereits Frucht tragen, so muß die Pflanzung erst neu angelegt werden. Dies geschieht am besten in der Weise, daß durch Vertrag die Anlage der Pflanzung einer Gesellschaft oder einem Kolonisten in Palästina übertragen wird und der Einwanderer erst dann nach Palästina kommt, wenn die Pflanzung

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