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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 109)
Language
German
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\To. 41 DIE^ELT 1103 i^oden gar nicht vollständig bearbeiten, und darum belecken weite Brachen das Land. Durch Einheimische ann dieser Menschenmangel nicht gedeckt werden,- da ine Rückwanderung von den Städten aufs Land wie •berali in der Welt eine Seltenheit ist. Zudem ist trotz Kinderreichtums die natürlicheVermehrung der arabischen evölkerung infolge enormer Sterblichkeit gering. Eine Einwanderung nichtjüdischer Bauern etwa ist aber in rheblichem Umfange nicht zu erwarten, und ihre Koloisierung würde ähnliche Schwierigkeiten zu überwinden aben wie die jüdische. So bleibt uns also der verheißungsvolle Ausblick: : >as jüdische Element hat die Möglichkeit, auf dem ande das vorwiegende an Kraft und Zahl zu werden, enn es uns gelingt, jüdische Menschen landsässig zu lachen. Diese Entwicklung kann bedeutend beschleunigt erden, falls die Juden es verstehen, sich in eine Lücke er palästinensischen Wirtschaft einzuschieben: in das Gebiet der Viehzucht. Trotz aller Schwierigkeiten ist chon heute der Beweis erbracht, daß hier Viehzucht nd Milchwirtschaft möglich und hochrentabel ist. Je ascher die Städte wachsen, desto lebhafter wird das Bedürfnis nach Vieh Wirtschaft Hier ist ein besonders >assendes Gebiet für den wohlhabendem Juden Ostmd Westeuropas, der sein Kapital der Landwirtschaft uführen will. Die städtische Bevölkerung ist allzu lange vernachlässigt worden, weil alle Blicke nur auf die Kolonien gerichtet waren. Und doch werden die weiter reichenden »olitischen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Kämpfe n den Städten entschieden werden. Während die Kolonien in sich geschlossene jüdische Gemeinwesen ind, findet in den Städten die engste und dauernde Berührung der Juden mit den Nichtjuden statt. Der Wettbewerb der Bevölkerungselemente konzentriert sich ier. Auch wenn die Juden auf dem Lande wirklich las überwiegende Element würden, müssen wir eine tarke jüdische Bevölkerung in den Städten haben, um atsächlich dem Lande ein jüdisches Gepräge geben zu :önnen. Nach den Städten wandert ein großer Teil ies Reichtums, den das Land produziert, durch die Vermittlung des Exports und Imports, und der nahe Vlarkt der Städte ist die festeste Grundlage der Landvirtschaft. Es gibt bereits jüdische Städte in Palästina. Jerusalem ist eine solche jüdische Stadt, in der Hebräisch on fast zwei Dritteln der Bevölkerung verstanden wird, benso Tiberias und Safed. Aber leider sind gerade iese Städte der Judenmassen auch die Städte der 'halukah. In den letzten Jahren machen auch Städte mit neujüdischer Bevölkerung rüstige Fortschritte. In affa sind ganze Stadtteile rein jüdisch, und das neue Viertel Tel Awiw bietet uns das Bild einer nicht nur idischen, sondern auch hebräischen Stadt. Selbst in laifa, dessen Judenschaft zu einem erheblichen Teile ■Tst in den allerletzten Jahren zugewandert ist, erkennt man bereits den Einfluß des Judentums an der deutschen Sabbatruhe der Geschäftsstraßen. Es ist kein Zweifel, daß die Entwicklung der städtischen Juden m aufsteigender Linie verläuft. Wie aber können wir a der klaren Erkenntnis der gewaltigen Arbeit,- die iioch zu schaffen ist, dieser Entwicklung Vorschub leisten? Die erste und wichtigste Arbeit der Juden in den Städten muß die Erwerbung städtischen Grundbesitzes ^ein. Hierin sind die Juden noch von einer merkwürdigen Verständnislosigkeit, die vom Ghetto anerzogen ist. Im Ghetto hatte nur das bewegliche Gut, ja eigentlich nur das in wenige Beutel zusammenzufassende Geldvermögen einen Wert für die landlosen Juden. Auch jetzt begreifen sie noch nicht, daß im Besitz des Bodens der eigentliche Reichtum und die Macht ruht. Sie begreifen noch nicht, daß die von der Produktion geschaffenen Werte in letzter Linie immer durch Steigerung der Bodenrente zum großen Teile wieder den Besitzern des Bodens zufließen. Erst in der letzten Zeit beginnt eine Besserung, indem in Jaffa, Jerusalem, Haifa, Tiberias usw. die Juden zur Erwerbung eigenen Bodens schreiten. Hier heißt es für uns Juden jetzt mit aller Kraft tätig zu sein, um noch den Boden zu erlangen, bevor er eigentliches Spekulationsobjekt geworden ist. Wird es gelingen, nach dem Jaffaer Muster allenthalben gesunde jüdische Stadtteile anzulegen, so wird das ein ungeheurer Fortschritt und ein Sprungbrett für die weitere Arbeit sein. Fast muß man sich wundern, daß die Juden in den Städten so vorwärts kommen, wenn man bedenkt, wie chaotisch und schlecht organisiert sie arbeiten. Die Bildung und Tätigkeit der jüdischen Gemeinden liegt noch in den ersten Anfängern. Was kann hier noch geleistet werden! Festgefügte jüdische Gemeinden könnten einen großen Teil der Kulturarbeit leisten, die bisher von außen her künstlich betrieben wird. Ihre öffentlichen Institutionen könnten die Einwanderung außerordentlich erleichtern. Und hier liegt der Kern der Frage, um den man mit keiner Vorsicht herumkommt: der jüdische Fortschritt ist abhängig von einer gesunden Einwanderung. Und es ist eine der vornehmsten Aufgaben der Zionistischen Organisation, eine vernünftige Einwanderung zu fördern. Man braucht kein „Zeichen zum Aufbruch" zu geben und kein besonderes und wundersames Geschehnis abzuwarten. Sondern heute und morgen und übermorgen muß eine Ermunterung und Erleichterung der uns erwünschten Einwanderung stattfinden. Nicht wahllos und philanthropisch. Aber es gibt in Europa genug tüchtige und auswanderungslustige Elemente, und hier noch genug Lücken. Der wirklich tüchtige und arbeitsame Handwerker, der Kaufmann mit etwas Kapital, der Industrielle, werden hier ihr Brot verdienen können, wenn man den richtigen Mann an die richtige Stelle bringt. Das Bedürfnis zu erkennen und mit einem Juden zu befriedigen, das sollte eine wichtige Aufgabe spezieller zionistischer Institutionen werden. Man mag mit gutiem Recht betonen, daß es eine schwere Verantwortung ist, auch nur einen Menschen zu verpflanzen; aber eine auf der Höhe ihrer Aufgaben stehende zionistische Bewegung darf vor Verantwortung nicht zurückschrecken. Eine Versicherung gegen teilweise Mißerfolge gibt es leider nicht. In den Städten wird der Wettkampf der Nationen am schärfsten sein, weil hier die fortgeschrittenste Schicht auch der einheimischen Be2ölkerung zu finden ist. Aber nach den bisherigen Erfolgen kann man wohl die Hoffnung hegen, daß es bei energischer Arbeit dem jüdischen Element gelingen wird, seine Stellung immer weiter auszubauen und fester zu fundamentieren. Nur wenige Worte noch seien den politischen Aussichten der Juden in Palästina gewidmet. Die Träume von einem selbständigen Judenstaat haben im

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