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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 108)
Language
German
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sind durchweg wohlhabend und Herren des Karmel. Und ihre Zahl beträgt etwa 600 Seelen! — Ebenso heben sich die jüdischen Kolonien trotz zahlreicher Mängel und Fehlschläge weithin sichtbar aus ihrer arabischen Umgebung ab. Wer über Land fährt, bemerkt sofort, auch wenn es der jüdische Kutscher ihm nicht mit Stolz zeigt, wo die Gemarkung der jüdischen Kolonie beginnt. Nach und nach wird die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation auch trotz ihrer Kleinheit große Wirkungen ausüben. Für so bedeutungsvoll halten wir die Qualität des Bevölkerungselements, daß wir behaupten: Wären die 100 000 Juden durchweg ein produktives Element vom Schlage der Kolonisten oder der jüngern städtischen Siedlung, so wären die Juden schon heute die wirtschaftliche Vormacht in Palästina. Denn die große Mehrheit der arabischen Bevölkerung steht noch auf der Stufe sehr primitiver Wirtschaft und begnügt sich auch in den Städten noch vielfach mit der Beschaffung des Existenzminimums, ohne darüber hinaus Werte zu schaffen. Diese für die Juden so günstigen Verhältnisse erfahren jedoch eine fortschreitende Veränderung durch das wirtschaftliche Erstarken der Araber. Jetzt ist demnach der Zeitpunkt gekommen, wo die Juden alle Kräfte anspannen müssen, um diejenigen wirtschaftlichen Positionen sich noch zu sichern, die sie später nicht mehr werden besetzen können, wenn die einheimische Bevölkerung in der Organisierung ihrer Wirtschaft Fortschritte gemacht hat. Leider aber sind die 100 000 Juden Palästinas durchaus^ nicht alle produktiv. Gegen 60 000 werden ganz oder teilweise von der Chalukah unterhalten, stellen also einen negativen Faktor dar. Diese Chalukah-Juden zu einer wirtschaftlichen Macht zu machen, wäre die größte Tat für die Entwicklung des Judentums in Palästina. Das ist ein Prozeß, der nur langsam vor sich gehen kann. Aber seinen ersten Stadien müssen wir das größte Interesse entgegenbringen und jede Reform nach Kräften fördern. Die Reform der Chalukah muß jedoch nicht nur eine bessere Verteilung der einlaufenden Gelder anstreben, sondern muß in wachsendem Maße die Gelder zur Überführung der jüngern Elemente in produktive Berufe verwenden. So muß die Chalukah helfen, die Chalukah aufzuheben. Noch einer Schicht von Juden ist hier zu gedenken die eine Sonderstellung einnimmt: der eingeborenen, Sephardim* Man spricht und schreibt jetzt viel von dem „Erwachen" der Sephardim. In Palästina aber ist davon noch nicht viel zu spüren. Wenn man von einzelnen Ausnahmen absieht, so sind die Sephardim in ihren Gewohnheiten und Anschauungen der arabischen Bevölkerung stark assimiliert. Das einwandernde neujüdische Element betrachten sie mit tiefem Mißtrauen und verhalten sich schwer zugänglich. Als jüdische Einheit mit den Aschkenasim empfinden sie sich nur in einzelnen Fällen, und es wird lange dauern, bis auch hier eine jüngere Generation für den Gedanken der jüdischen Arbeit gewonnen ist. Wie liegen nun für die nächste Zukunft die Chancen für die jüdische Bevölkerung? Der Erfolg, das heißt, das Gelingen oder Scheitern der zionistischen Pläne wird im wesentlichen von der jüdischen Arbeit im Lande abhängen. Dawir die Verdrängung irgendeines Bevölkerungsteils weder wollen noch erreichen können, müssen wir streben, in friedlichem Wettbewerb die erste Stelle zu erringen. Das wird bei dem leider bestehenden Mißtrauen der türkischen Regierung gegen die ausländischen Juden außerordentlich erleichtert sein, wenn die Mehrzahl der palästinensischen Juden ottomanische Untertanen sein werden. Wenn auch im jetzigen Augenblick noch schwere Bedenken viele daran hindern, so kann doch kein Zweifel sein, daß die junge Türkei bald die Vorrechte der Fremden so beschneiden wird, daß es zweckmäßiger sein wird, in ihren Untertanenverband einzutreten. Für die ländliche Bevölkerung ist es schon heute nötig. An der ersten Stelle der jüdischen Arbeit wird auch weiterhin, wie bis jetzt, die ländliche Kolonisation stehen. Hier wird es sich vor allem entscheiden, ob Palästina jüdisch wird. Zurzeit besteht ein gewisser Stillstand in der Entwicklung der Kolonien. Während die südlichen Siedlungen noch unter der Krise leiden, die einen starken Wechsel in der Produktion mit sich gebracht hat, fehlen in Galiläa noch vielfach dringend nötige Erfahrungen und Kapital. Eine Ansetzung neuer Kolonisten erfordert viel Geld und setzt zunächst eine Erweiterung des Landbesitzes voraus. Vergegenwärtigt man sich, daß die „Ica" seit acht Jahren kaum einen Fuß breit arabischen Landes jüdisch gemacht hat, so ist die Hoffnung auf ein rasches Tempo der Kolonisation durch die bisher tätigen Faktoren gering. Alles schaut aus nach neuen Methoden, die einen raschern Fortschritt in Aussicht stellen. Die Ansätze zur weitern Entwicklung sind vor allem in der Palestine Land Development Company zu suchen, die in ihrer enormen prinzipiellen Bedeutung noch lange nicht erkannt ist. Ihr Prinzip ist das einzig fördernde: Landarbeiter zu Kolonisten zu machen. Ganz ähnlich im Ziel wird die Siedlungsgenossenschaft wirken, die Dr. Oppenheimer plant. Die geringe Unterstützung, die beide Unternehmungen bisher gefunden haben, ist ein beschämender Beweis für den Mangel an Verständnis der aussichtsreichsten und dringendsten praktischen Arbeit. Trotzdem aber ist kein Zweifel, daß diese gesunden Gedanken sich durchsetzen werden. Dann wird auch klarer die gewaltige Bedeutung des Landarbeiters in Palästina erkannt werden. Dieser Märtyrer einerneuen Ära kämpft heute noch gegen unsagbare Schwierigkeiten; es gebricht ihm an Brot und Wohnung, soziale Fürsorge lernt er nicht kennen. Bisweilen verläßt er nach Jahren schwerster Arbeit das Land, das ihn doch nicht entbehren kann. Hier liegen große Aufgaben gerade auch der Zionistischen Organisation. Dem Landarbeiter, der landlos ist, Wohnung, sozialen Schutz und schließlich auch Land zu geben — das wird die Möglichkeit schaffen, neue weite Flächen in Kultur zu nehmen und einen Bauernstand zu erziehen, der schwerste Arbeit nicht scheut und mit ihr verwachsen und vertraut ist. Weil der Arbeiter nicht imstande ist, gemeinnützige Einrichtungen sich selbst zu schaffen; müssen sie geschaffen werden: billige Wohnhäuser, Küchen, Unterstützungskassen u. a. Die ländliche Kolonisation Palästinas durch Juden hat noch ein weites und aussichtsreiches Gebiet vor sich. Die mittlere Dichte der ländlichen Bevölkerung ist nur etwa zwölf auf den Quadratkilometer. Zwölf Menschen, also zwei Familien! Diese können den

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