Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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dienstes und des Schulwesens — zur Geltung. Dank seiner achtundzwanzigjährigen Erfahrung glaubt das Komitee für sich das Recht in Anspruch nejimen zu dürfen, immer wieder und wieder die jüdische Öffentlichkeit auf den einzig gangbaren Weg, der nationalen Renaissance, den Weg der allseitigen, harten und unverdrossenen und unermüdlichen Palästinaarbeit, hinzuweisen und immer wieder und wieder zu vereinigtem, geschlossenem Vorgehen aufzufordern. Denn nur in der Einheit liegt unsere Macht, und nur mit vereinten Kräften werden wir unser großes Befreiungswerk vollbringen. Der Weinbau in Palästina Einige Worte über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Von M. Meerovitsch, Agronom in Rischon le Zion Die Palästinanummer der „Welt" würde meines Erachtens unvollständig sein, enthielte sie nicht mindestens einige Worte über den Weinbau in Palästina. Der Weinstock und Palästina — sie gehören zusammen seit Beginn unserer Geschichte. Die ersten Kundschafter, die zur Erforschung des Landes ausgesandt worden waren, brachten den berühmten Traubenzweig heim als Beweis für den Reichtum des Landes. In der Tat nahm der Weinbau den wichtigsten Platz in der Volkswirtschaft ein, solange unser Volk in Palästina weilte. Jahrhunderte gingen vorüber. Das Volk wurde aus seinem Lande vertrieben, das vollständig der Barbarei verfiel und dessen Reichtümer für lange, lange Jahre vernichtet wurde. So lag denn das Land durch volle 1800 Jahre verwüstet da. Kaum aber ist das jüdische Volk zu seiner Muttererde zurückgekehrt, so beginnt deren Schönheit wieder aufzublühen und der Weinbau wieder aufzuleben. . . . Einige Jahre der neujüdischen Kolonisation genügten, damit auf dem sandigen Boden von Rischon le Zion und den harten Felsen von Sichron-Jakob und Rosch-Pina die reichsten Weinstöcke erblühen. Der alte Eschkol von Askalon ist wieder erstanden. Ober den Weinbau, richtiger über unsern Weinbau in Palästina, ist in den letzten Jahren so viel gesprochen worden, daß es nicht uninteressant erscheinen dürfte, ein richtiges Bild dieser wichtigen Kultur zu geben. Der Weinbau durchlebt jetzt die zweite Periode seiner Existenz im Lande, eine Periode, die sicherlich nicht die letzte sein wird. Mit andern Worten, der Weinbau in Palästina hat seine Vergangen- Kolonie Sichron-Jakob heit, Gegenwart und auch eine Zukunft. Werfen wir zunächst einen Blick auf die erste Periode. Es sind ca. 28 Jahre her, seit der erste Gedanke auftauchte, den Weinbau auf rationeller Basis in Palästina in Angriff zu nehmen. Dies geschah, nachdem Baron Edmund Rothschild die Kolonie Rischon le Zion unter seinen. Schutz genommen hatte. Auf Grund des Berichts eines seiner Experten setzte er große Hoffnungen auf eine sichere und schöne Zukunft der Kolonisten und erteilte den Auftrag, die Kolonie Rischon in einen Weingarten umzuwandeln. Dasselbe geschah auch betreffs der Kolonien von Galiläa, wie Sichron-Jakob und Rosch-Pina. Die besten und teuersten Traubenarten der Welt, wie Malaga, Muscat, Sauterne — das Seltene und Beste — wurden ins Land gebracht. Die Felsenberge von Sichron und Rosch-Pina wurden metertief aufgegraben und bepflanzt Und zu gleicher Zeit ging man an den Bau großartiger Kellereien in Rischon, Sichron und in kleinerem Maßstabe Kolonistensohn und -Tochter aus Rischon le Zion sogar in Rosch-Pina. Der Baron scheute kein Opfer, Versuche auf seine Kosten zu unternehmen, die sich selbst Regierungen reicher Länder nicht erlauben würden. Waren die Kolonien Rischon le Zion, Sichron, Petach-Tikwah, Rosch-Pina durch den Baron direkt mit Weinstöcken bepflanzt worden, so ermutigte er indirekt den Weinbau in den übrigen Kolonien, wie Wadi-Chanin, Rechoboth,Gederah und Chederah, denen die Abnahme der Trauben zugesichert wurde. Die jährliche Produktion erreichte die Höhe von 50- bis 60 000 Hektoliter. Die kolossalen Kellereien von Rischon waren überfüllt, und um für die neue Weinlese Platz zu machen, war man genötigt, einen großen Teil des Weines zu verkaufen. Erst in diesem Moment erkannte man den großen Fehler, den man dadurch begangen hatte, daß eine große Produktion ins Leben gerufen worden war, noch ehe man den nötigen Absatz gesichert hatte. Die jährlich eingelagerten Weine erreichten allmählich einen Wert von vielen Hunderttausende« Franken. So konnte es nicht weitergehen. Die ganze Sachlage wurde noch nicht genau erkannt. Nur eins war klar: daß der jährliche Absatz kaum die Spesen deckte. Für die Trauben selbst und alle Ausgaben, die sowohl seitens des Barons wie seitens der Kolonien selbst investiert worden waren, wurde nichts hereingebracht. Wie hier Wandel geschaffen werden sollte, um den gemachten Fehler zu beseitigen, davon hatte man keine Ahnung. Es blieb nur übrig, für die Trauben weniger zu bezahlen, und im Laufe von zwei bis drei Jahren fielen die Preise um die Hälfte! Außerdem wurde bekanntgegeben, daß die Preise allmählich noch billiger werden. . . . Selbstverständlich war dies keine Lösung. Die Krisis wäre zu schrecklich, und so kam man zu dem einzig möglichen Entschluß, die Verwaltung der Kellereien den Weinbauern selbst zu übergeben. Es entstand eine Vereinigung der Weinbauern von Gederah, Rechoboth, Wadi-Chanin, Rischon le Zion, Petach-Tikwah, Sichron Jakob unter dem Namen „Societe Cooperative de vignerous de grandes Cakes Rischon le Zion et Sichron Jacob" mit dem Hauptsitz in Rischon. Von diesem Moment an beginnt die zweite Periode unseres Weinbaues, die die gegenwärtige bildet. Wenn die erste Periode einen großen ökonomischen Fehler zeigte, hatte sie anderseits aber das großartige Verdienst aufzuweisen, das fast ausschließlich dem Baron Rothschild zugeschrieben werden muß, nämlich, daß man erkannte, wofür das Land sich eigne und daß dank seiner Hilfe die seltensten, feinsten und besten Weine erzeugt wurden, die als solche von Fachleuten anerkannt worden sind. Mit einem Worte, man überzeugte sich, daß der Boden und das Klima Palästinas einerseits, die Selbstaufopferung und Intelligenz der Weinbauer anderseits imstande waren, den Weinbau im Lande auf die höchste Stufe zu bringen. Und diese Erkenntnis ist vom Kolonisationsstandpunkte von größter Bedeutung für die Zukunft.