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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 100

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 100)
Language
German
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Chederah, dessen Boden von zahlreichen Menschenleibern gedüngt werden mußte, bis es dem Opfermut hartnäckiger Pioniere der jüdischen Renaissance endlich gelungen ist, aus den todbringenden Malariasümpfen eine kostbare Perle in der werdenden Krone der verjüngten Volksheimat zu heben. Es fiel dem Odessaer Komitee nicht leicht, all diesen Aufgaben gerecht zu werden. Gederah erforderte zur endgültigen Befestigung noch recht beträchtliche Summen. Mischmar-Hajarden war, wie jemand von dieser Kolonie sagte, „ein Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt". 24 Personen hatten ein ungenügendes Stück Land auf Kredit erstanden, einige Häuser mit fremdem Geld errichtet, den stolzen Namen „Mischmar-Hajarden" geprägt und — eine neue Kolonie war da, und neue Kolonisten — hungerten in den Tag hinein. Damit den Leuten geholfen werde, war eine Kleinigkeit vonnöten: es fehlte bloß, daß man den Boden und die Häuser bezahlte, für Wasser sorgte, den Kolonisten die nötigen Mittel für Hausvieh, Saat, Anlage von Pflanzungen, Geräte, ja sogar für den Lebensunterhalt gäbe, um dann erst die Hälfte der Kolonisten auf dem kleinen Landstrich mit knapper Not unterbringen zu können. Was Chederah anbetrifft, so hatte diese umfangreichste, fruchtbarste, dicht am Strande des Mittelmeeres gelegene Kolonie infftlge verwickelter rechtlicher Verhältnisse, Mangel an Häusern, namentlich aber infolge des ungesunden Klimas schwer zu leiden. Die Sanierung des Klimas, die das Komitee durch Austrocknung der Sümpfe oder Anpflanzung von Eukalyptuswäldern erzielen zu können hoffte, erforderte immense Summen.— Auch aus Rischon-Lezion wandten sich einige Familien, die nicht das Glück hatten, zu den Proteges des Barons Rothschild zu gehören, an das Odessaer Komitee um Hilfe. Das Komitee hatte ferner auch für die Handwerker in den Städten und Kolonien, ganz speziell aber für die landwirtschaftlichen Arbeiter in den Kolonien, — es hatte sich nämlich inzwischen in Palästina eine ansehnliche Anzahl landwirtschaftlicher Tagelöhner angesammelt, die häufig arbeitslos waren, — zu sorgen. Später kamen noch kulturelle und gemeinnützige Einrichtungen hinzu, als da sind: Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser usw., die namentlich in Jaffa, dem Mittelpunkte der neuen Ansiedlungen, nottaten. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die Arbeit des Odessaer Komitees zwar große Summen verschlingen, dabei aber sich auf den engen Kreis der wenigen genannten Kolonien beschränken mußte, daß daher die an die Gründung des neuen Komitees geknüpften Hoffnungen auf eine ausgedehnte, umfassende Kolonisationsarbeit in raschem Tempo sehr bald in die Brüche gingen. Dazu kam, daß mit dem anderthalb Jahre nach Gründung der Gesellschaft erfolgten Tode Pinskers und der Wahl A. Grünbergs zum Vorsitzenden die großen Gesichtspunkte tatsächlich immer mehr in den Hintergrund traten und die Gesellschaft sich, äußerlich wenigstens, nicht viel von einem philanthropischen Vereine unterschied. Mehr aber als durch die Unzufriedenheit der wenigen Ernsten, ä la Achad-Haam, dessen gründliche, vielleicht etwas einseitige, in der Hauptsache aber durchaus gerechte Kritik der einreißenden Oberflächlichkeit schon 1889 mit dem berühmten "Loh seh haderech!" einsetzte; mehr auch als durch die Enttäuschung der vielen Ungeduldigen über den schleppenden Gang der Arbeit — wurde die Entwicklung des Komitees durch äußere Momente ungünstig beeinflußt. In dieser Beziehung kommt weniger eine störende Intervention der Behörde in Betracht, die allerdings die Einstellung jeder Sammeltätigkeit für mehrere Monate hindurch zur Folge hatte. Schwerer fielen ins Gewicht die traurigen Ereignisse in Palästina in der zweiten Hälfte des Jahres 1891, die über das Kolonisationswerk eine schwere Krisis brachten. Zu jener Zeit entstand nämlich in weiten Kreisen infolge der schweren Judenverfolgungen, die in den großen Ausweisungen aus Moskau zu prägnantem Ausdruck kamen, eine lebhafte Palästinabewegung. Es wurden zahlreiche Privatgruppen zum Zwecke des Landankaufs und der Niederlassung in Palästina gebildet. Alle diese Vereine entsandten ihre Delegierten nach Palästina, die sich dort nach geeigneten Grundstücken umsehen sollten. Der Mangel an einheitlicher Organisation des Ganzen, an Kenntnis von Land und Leuten führte zu einer ungeheuren Verwirrung der Verhältnisse. Es entstand ein förmliches Börsenspiel auf käufliche Grundstücke, verschiedene dunkle Ehrenmänner spekulierten in der skrupellosesten Weise auf die Unerfahrenheit der Delegierten; falsche Nachrichten über goldene Berge in Palästina wurden lanciert, um neue Gimpel aus Rußland heranzulocken usw. . . Die Folge dieses heillosen Spektakels, dem gegenüber die palästinensischen Vertreter des Odessaer Komitees, Temkin, Pines und Bentobim, ganz machtlos waren, — war eine starke Emigration ungeeigneter Elemente nach Palästina, trotz der energischen Warnungen des Odessaer Komitees, die zwecklose Verpulverung von Hunderttausenden Franken privater und Gruppengelder, die in die Taschen der „Verkäufer" und „Vermittler" wanderten, und — schließlich das Verbot der türkischen Regierung auf Landkauf und Einwanderung russischer Juden. So schien der Knoten der Ereignisse und Verhältnisse heillos verwirrt. Die allgemeine Depression sollte indes bald von gesunder Kritik und Reformvorschlägen abgelöst werden, die einem neuen Aufschwung die Bahn ebneten. Noch vor Eintritt der Katastrophe von 1891 war nämlich einer der besten und umsichtigsten Freunde des Palästinawerkes mit einer entschiedenen konsequenten Kritik des herrschenden Systems und der gesamten Tätigkeit der Chowewe-Zion aufgetreten. Achad-Haam, der zu Beginn des Jahres 1891 in Palästina gewesen und die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte, sah mit dem ihm eigentümlichen Scharfblick die Katastrophe voraus, und erhob in der jüdischen Presse seine warnende Stimme gegen das verfehlte System. Er hob hier in der Hauptsache bereits all die Grundfehler hervor, von denen das Komitee sich nachmals selbst überzeugen sollte. Er rügte das Fehlen einer zentralen Organisation für das gesamte Kolonisationswesen, welches bei der Unerfahrenheit der ersten Kolonisten verschuldet hätte, daß häufig wenig fruchtbare oder klimatisch ungesunde, in der Regel aber für eine extensive Wirtschaft quantitativ ungenügende Grundstücke erworben worden seien usw. An dem Menschenmaterial der Kolonisation hatte er auszusetzen, daß es nicht ganz auf der Höhe seiner

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