Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41 DIE3§£ELT: 1091 Edelsten unseres Volkes wie eine Offenbarung wirkte, war es ja in erster Reihe um das Problem der nationalen Ehre, um die Ebenbürtigkeit der jüdischen Nation im Rate der Völker zu tun. Sein flammender, prophetischer Protest galt der verächtlichen Rolle, die dem Volke, das einst seine Makkabäer hatte, in der Reihe der andern Nationen zuteil wurde. Das jüdische Volk sollte sich endlich :zur Selbstbefreiung aufraffen und sein Geschick in die eignen Hände nehmen. Es sollte seine Energie und Intelligenz, Ehrgeiz und Eigenliebe daran setzen, um dem kläglichen-Zustande von heute ein Ende zu machen und durch die Wiederherstellung eines eignen einheitlichen nationalen Bodens zugleich einen Akt historischer Rehabilitation und real-politischer Vorsorge um die nationale Zukunft zu vollbringen. Es war natürlich, daß der Mann, der diese stolze Lehre in Worten voll hinreißender Schönheit und edlen Pathos verkündete und sie auch an die Juden im Okzident richtete, der Führer der Bewegung zu freiem und selbständigem Leben im Lande der Väter wurde. Und wie er bereits in seiner gekennzeichneten Schrift (Autoemanzipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen, von einem russischen Juden. Berlin 1882, deutsch) zur Verwirklichung seines Planes einen Nationalkongreß der bestehenden Organisationen in Vorschlag brachte, so ging jetzt sein Bestreben auf Zusammenfassung der einzelnen Vereine und Vereinheitlichung Ihrer Tätigkeit aus. In dem einflußreichen und von den großen Volksmassen hochverehrten Rabbi Samuel Mohilewer, einem Manne von edlem aufopferungsfreudigem Charakter, hatte Pinsker einen tatkräftigen und unermüdlichen Mitarbeiter, der gleich ihm nie die großen Gesichtspunkte aus den Augen verloren hat. Wie er später nicht verfehlt hat, sich Herzl und seinen großzügigen Plänen mit rührender Begeisterung zur Verfügung zu stellen, so war er jetzt schon bestrebt, seine Tätigkeit auch aufs Ausland auszudehnen und warb überall für die Palästinaidee. Unter anderm fand er in Dr. Israel Hildesheimer, Berlin und Dr. Adolf Salvendi, Kirchheim, freudige Helfer. Inzwischen wurd e die nationale Idee durch S m o 1 e n s k y, Lilienblum, Lewanda (und andere) mit Eifer und Erfolg weiter propagiert und gewann immer mehr Boden. Gleichzeitig stellte sich aber das dringende Bedürfnis nach Klärung der Situation, nach einheitlicher Zusammenfassung und Regelung der „Chowewe-Zion"-Vereine ein. Die Lage der palästinensischen Kolonien erheischte gebieterisch eine einheitliche und planmäßige Hilfsaktion. Zu Pethach-Tikwah und Jessod-Hamaleh, die sich selbst überlassen waren und wo die Not die höchsten Grenzen erreicht hatte, gesellte sich bald die im November 1884 von neun unverbesserlichen Bilu- Pionieren — darunter der jetzige Vertreter des Odessaer Komitees in Palästina Chaim Chissim und Israel Beikind — unter den denkbar ungünstigsten Umständen gegründete Kolonie Gederah. Alle drei Kolonien hatten weder Wohnhäuser noch auch die bescheidensten Geräte, ja nicht einmal der Bodenbesitz war den Eigentümern rechtlich gesichert. Die Gederahner litten einfach Hunger und Durst, da sie nicht einmal einen Brunnen hatten und sich mit Sumpfwasser bescheiden mußten: Und wenn sie sich auch, von Regen und Sturm gepeitscht, in ihrem Bretterschuppen, der ihnen als einziges „Gebäude" der Kolonie zur Kommunalwohnung diente, glücklich und wohlgemut fühlten, im Bewußtsein einen neuen Eckstein im Bau der Volksheimat zu legen, — so war doch Hilfe von außen für die Dauer unentbehrlich. Der Mangel an organisatorischer Einheit, und nicht zuletzt auch die Unmöglichkeit, in Rußland ohne Genehmigung der Regierung eine öffentliche Werbe- und Sammeltätigkeit zu entfalten, ließen indes eine einheitliche, planmäßige Ordnung der Kolonisationsverhältnisse in Palästina nicht zu. Die Vereine wirtschafteten in der Hauptsache ein jeder auf eigne Faust und eigne Rechnung. Der Warschauer Verein publizierte und verbreitete in vielen tausenden Exemplaren das Bild des großen jüdischen Philantropen und Palästinafreundes Moses Montefiore aus Anlaß seines hundertjährigen Geburtstages und widmete den Ertrag der palästinensischen Kolonisation. Der Odessaer Verein konnte im Laufe des Jahres die in Kattowitz erschienene Zeitschrift „Der Kolonist" subventionieren und nach den palästinensischen Kolonien ca. 2500 Mark abführen. Im allgemeinen waltete in den einzelnen Vereinen die Tendenz ob, die Geldeingänge vorläufig für einen ihnen selbst noch unklaren Zweck zurückzulegen. Nun war aber auch die Zusammenschlußidee zur Reife gelangt. Infolge der Bemühungen von Pinsker, Li 1 i e n b 1 u m, Rabbinowitsch, wie auch der rumänischen Chowewe-Zion L. Lippe und S. Pineies, konnte schließlich Anfang November 1884 die denkwürdige Kattowitzer Konferenz stattfinden, jene erste Zusammenkunft der Vertreter der verschiedenen Chowewe-Zion-Vereine, die über gemeinsame Schritte zur Hebung und Unterstützung der Palästina-Kolonisation beriet und Beschlüsse faßte. Dr. Pinsker, Delegierter des Odessaer Vereins, die Seele des Ganzen, wurde zum Präsidenten, Rabbi Mohilewer zum Alters- und Ehrenpräsidenten gewählt. Die Konferenz sollte im Sinne der Einberufer nicht nur eine Beratung der engeren Gesinnungsgenossen über Mittel und Wege zum gemeinsamen, unbestritten anerkannten Ziele sein, sie sollte vielmehr gleichzeitig eine eindringliche Kundgebung nach außen sein. Es galt, der jüdischen Öffentlichkeit die Notwendigkeit der Förderung des Ackerbaus unter den Juden, und zwar durch die Kolonisation Palästinas, als nationale Pflicht zum Bewußtsein zu führen und zugleich praktische Schritte nach dieser Richtung in Aussicht zu nehmen. Es sollten die nötigen Organe zur Leitung der Kolonisationsarbeit geschaffen und die geeignetste Form hierfür gefunden, der Arbeitsplan des zu schaffenden Zentralorgans festgestellt werden usw. Ohne die Bedeutung der Konferenz überschätzen zu wollen, muß man zugeben, daß sie sich ihrer Aufgabe in der Hauptsache befriedigend erledigt hat. Die Beschlüsse der Konferenz enthielten bereits im Keime die* wichtigsten organisatorischen und politischen Prinzipien der Bewegung, wie sie im Laufe der späteren Entwicklung zur Reife gelangen sollten. Von großer Bedeutung war. der auf Antrag Pinskers gefaßte Beschluß, aus Anlaß des hundertjährigen Geburtstages Montefiores einen Montefiore-Verband zur Förderung des Ackerbaus unter den Juden, speziell zur Unterstützung der jüdischen Kolonisten in Palästina, ins Leben zu rufen. Diesem Verbände sollten natürlich in erster Reihe die bestehenden Cho wewe-Zion-Vereine beitreten. — Es sei hier noch hervorgehoben, daß die sog. Infiltration von vornherein ganz entschieden abgelehnt