Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
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1084 DIE2§KELT No. 41 man kann sie an allen jüdischen Wohnstätten an den Sabbath- und Festtagen vernehmen. DieZahl der Kinder in den Kindergärten Palästinas beträgt jetzt Tausende, und diese hebräischsprechenden Kleinen bilden den stärksten Heerbann, die Pioniere unserer heiligen Sprache.*) Den Kindern, die aus den Kindergärten zur Schule übergehen, ist die Sprache bereits vollständig geläufig, so daß sich die Schulerziehung in organischer Fortsetzung anschließt. Naturgemäß bleibt die Wirkung davon auch auf die Erwachsenen nicht aus. Zahlreiche palästinensische Familien sprechen gegenwärtig nur Hebräisch; viele Mütter haben von ihren Kindern Hebräisch gelernt, und die Schulen haben bereits ein gewisses Kontingent von Hebräisch verstehenden Müttern herangebildet. Namentlich gibt es unter den Kolonien, diesem Mittelpunkte nationaljüdischen Lebens, ganze Ortschaften, in denen man nur die Laute der hebräischen Sprache vernimmt. Als ein ferneres geeignetes Mittel zur Förderung der hebräischen Renaissance unter den Volksmassen erwies sich die Aufführung von hebräischen Theaterstücken. Solche Versuche wurden zunächst in den Schulen, dann aber auch außerhalb derselben gemacht.4) Die Wirkung dieser anziehenden Vorstellungen auf die Hebräisierung der breiten Volksschichten ist um so größer, als es in Palästina Theateraufführungen in andern Sprachen überhaupt nicht gibt. * * * Wie kann aber eine nun seit mehr denn tausend Jahren tote Sprache zu neuem Leben erwachen? Und wie sollen wir z. B. in dieser Sprache all die neuen Begriffe und Gegenstände bezeichnen, die während ihres langen Schlafes entstanden sind? Ja, daß dies möglich ist, dessen sind wir Zeugen. Natürlich geht es aber nicht ohne entsprechende Hilfsmittel. Die ausgedehnte hebräische Literatur spräche, welche alle Lebenserscheinungen während vieler Generationen in der Schrift behandelte; alle Ausdrücke, die uns aus früheren Zeiten im großen Schatz der Talmud- und Midrasch-Literatur aufbewahrt geblieben sind; jene Wortbildungen, welche die Talmudisten und die späteren Geschlechterden andern östlichen und westlichen Sprachen nach Bedarf entnommen haben, — all das bildet ein bedeutsames Element für die Neubelebung der Sprache. Ebenso sind die verschiedenen bei Ausgrabungen in Palästina und andern Orientländern zutage geförderten Inschriften von Nutzen dabei gewesen. So entnehmen wir der bekannten „Schiloah-Inschrift" das Wort „Nikbah" als Bezeichnung für Tunnel, und der berühmten „Mischa- Inschrift" das Wort „Chalif" für Nachfolger. Aus den Weiten des Landes und seinen Tiefen sind die Perlen zu heben für den Rahmen unserer Sprache, sind die Bausteine zusammenzutragen für dieses große Werk. Und wo all das nicht ausreicht, da bleibt uns eben nichts übrig, als neue Worte zu bilden und andern Sprachen (namentlich den orientalischen) zu entnehmen. Wie es unsere Vorfahren seit jeher gemacht hatten und wie es in allen modernen Sprachen jetzt noch geschieht. Keine Sprache vermag heutzutage nur mit dem Eigenen 8) Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat in fast sämtlichen Städten Palästinas und auch sonst hebräische Kindergärten begründet, deren Kinderzahl in Palästina allein über tausend beträgt. Außerdem unterhält er in Jerusalem eine Kindergärtnerinnen-Schule. 4) Die zuerst aufgeführten Stücke waren: „Serubabel", „Der Arzt wider Willen" und „Bar-Giona" (bearbeitet durch den Schreiber dieses), sowie „Uriel Acosta" und „Jaktau-Jakschau" (bearbeitet durch den Lehrer M. Krischewsky). auszukommen. Selbstverständlich muß es die Aufgabe sachkundiger Sprachforscher sein, die Entscheidung über die neuen Wortbildungen zu treffen.5) Und zu diesem Zwecke ist das „Waad Halaschon" in Jerusalem eingesetzt worden. V. In alledem hat Palästina auf die Diasporaländer einen Einfluß ausgeübt, so daß in unserem Zeitalter die prophetische Verkündung in Erfüllung geht: „Denn von Zion wird die Lehre ausgehen!" Kaum hatte sich die Renaissance der hebräischen Sprache in Palästina angebahnt, so wurden auch in der Diaspora an verschiedenen Orten „Sapha B'rurah"- Vereine zur Pflege der hebräischen Konversation ins Leben gerufen. Sobald die „Ibrith bibrith"-Methode bekannt geworden, so wurden in der Diaspora die zahlreichen „reformierten Chadarim" nach diesem Qrundsystem gegründet. Ebenso hat die Schaffunghebräischer Kindergärten außerhalb Palästinas in verschiedenen Städten Nachahmung gefunden (wie in Saloniki, Bagdad, New York u. a. m.) Die in Palästina entstandenen neuen Wortbildungen haben sich auch in der Diaspora eingebürgert und sind nun trotz ihrer hartnäckigen Ablehnung seitens einiger nichtpalästinensischer Schriftsteller zu einem wichtigen Bestandteil der modernen hebräischen Sprache geworden. Wie auch die in Palästina verfaßten Lehrbücher überall freudige Aufnahme und weitere Nachahmung gefunden haben. Es fragt sich nur: Inwieweit ist all das in der Diaspora erfolgversprechend und existenzfähig?. Bei der Erörterung dieser Frage müssen wir die Lebensverhältnisse in Palästina und den andern Ländern in Betracht ziehen. In Palästina, in den Städten sowohl wie in den Kolonien, führen die Juden ein räumlich und gesellschaftlich gesondertes Leben. An Bildung übertreffen sie im allgemeinen die andern Bevölkerungsteile. Sie besitzen eigene Schulen und sonstige Gesellschaftsinstitutionen. Die Postverwaltungen lassen auch hebräisch geschriebene Adressen zu. Auf diese Weise trägt die hebräische Kultur einen natürlichen Charakter. Die Eltern wie die Kinder schöpfen ihre geistige Nahrung aus der hebräischen Literatur, der hebräischen Presse; und die Umgebung übt so auf sie fast keinerlei Einwirkung aus. Ist aber derartiges in der Diaspora möglich? Dort, wo die allgemeine Zivilisation die herrschende ist, wo der Jude von den Lebenswogen des Milieus verschlungen wird, wo er auf Schritt und Tritt Äußerungen der neuen allgemeinen Kultur sieht, wo man sozusagen die Landessprache zum großen Teil bloß an den Reklameschildern lernen kann. Vermag die hebräische Sprache einen bedeutenden Platz im Schulleben dort einzunehmen, wo die Kinder tagsüber in den allgemeinen Schulen sind und obendrein noch bis spät in die Nacht hinein die häuslichen Aufgaben zu machen haben? Wir müssen die bittere Wahrheit eingestehen: Das Los der hebräischen Sprachrenaissance im Qolus gleicht dem Schicksal eines Dattel- &) Mit dieser Aufgabe haben sich in Palästina außer dejn genannten Herrn Ben-Jehuda die Herren Pines, Jawitz, Sapir, Dr. Masje, Mejuches und meine Wenigkeit befaßt Das führte auch zur Bearbeitung des großangelegten „Wörterbuches der hebräischen Sprache in der Gegenwart" durch Ben-Jehuda,