Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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NO. 41 DIE ELT 1083 Mühseligkeiten erinnern und Qott dafür danken, daß sie dieselben nun los geworden. Und dabei sollten wir noch hoffen können, daß unsere Kinder, unser Nachwuchs, das Judentum und dessen Schätze lieben würden? In Palästina, dem Sammelort aller Qolusländer, wo die Eltern alle möglichen Sprachen (zumeist verschiedene Jargone) gebrauchen, gestaltet sich diese Aufgabe noch schwieriger an den Schulen, in denen kein Unterschied gemacht wird (uifid gemacht werden darf) zwischen den Aschkenasen, Sepharden, Jemenitern und Qrusiern usw. Die kleinen Kinder kommen aus ihren Elternhäusern lahin, ohne sich miteinander verständigen zu können; ind sie alle zusammen verstehen die Sprache ihrer ehrer nicht. Fürwahr, ein herrliches Bild! Was sollen nun die armen Lehrer anfangen? Sollen ie etwa den Kindern eine ihnen allen fremde Sprache sagen wir: Französisch, Englisch oder Deutsch) beiubringen suchen, um dann mit deren Hilfe sie in der obligatorischen zweiten fremden Sprache (<Jer lebräischen) zu unterweisen? Oder sollen sie mit jedem Kinde seine Sprache sprechen, so daß die ganze Klasse in Bild der „babylonischen Sprachenverwirrung" böte? Glaubt Ihr etwa, derartiges hätte es bei uns nicht regeben? Man erkundige sich doch, wie es in den alästinaschulen früher ausgesehen hat, und. wie es in den Allianceschulen jetzt noch zugeht. Hier fühlt man die unbedingte Notwendigkeit, Jem Kinde das Hebräische als eine lebende Sprache beizubringen, noch ehe es in der Schule lesen zu ernen begonnen hat. Und welche erfreuliche und schöne Resultate werden rzielt! Beginnt das Kind das erste Wort in Hebräisch u lesen, so versteht es auch gleich dessen Bedeutung, •is liest einen Satz — und weiß dessen Inhalt. Alles st ihm lebendig. Kann es schon lesen, so sucht es nach Büchern, um darin selbst zu lesen. Hat es einen Abschnitt aus der Bibel gelesen, so möchte es die Fortsetzung kennen. Der Lehrer braucht ihm nicht jedes Wort zu übersetzen — es kennt selbst die Bedeutung davon. Der Lehrer braucht ihm nur den Gegenstand zu erläutern, seine Ansicht darüber zu äußern, die sittlichen Folgerungen daraus zu ziehen usw. Wieviel Mühe und Anstrengung sparen wir dadurch dem Kinde! Wieviel Leben bringen wir damit in den Lehrstoff hinein, Jen wir dem Knaben als „Reisevorrat" für das ganze Leben mitgeben! Auch er ist Abraham, Isaak und iakob verwandt. Auch er kennt die Großen seines Volkes: Moses, Samuel, David, ßliah, Joseph, Salomo usw. Erlebt in der gesunden Atmosphäre seines Volkes, begeistert sich für die Handlungen der nationalen Helden. Bin solches Kind wird, wenn es Mann geworden, nicht mehr seufzend der Stunden und Jahre gedenken, die es in der Jugend über trockene Gegenstände zugebracht hat. Hin solcher Knabe wird, zum A'lanne herangereift, sich seines Volkes rühmen und Stolz und Erhebung empfinden hei den Worten: Ein Hebräer bin ich und fürchte den Gott des Himmels und der Erde! IV. Die Neubelebung der hebräischen Sprache bahnte sieh in Palästina zunächst in einigen Häusern an, in denen nur Hebräisch gesprochen wurde.1) Zwar hatten *) Der erste, der das Hebräischsprechen in seinem Hause einführte, war, wie erwähnt, Herr Ben-Jehuda. . auch vorher schon die sephardischen Rabbinen manchmal Hebräisch gesprochen, und insbesondere bediente man sich dieser Sprache zu Beginn des neuen Jischnos im Verkehr zwischen den Sephardim und Aschkenasim, die sich sonst miteinander nicht verständigen konnten; all dies hatte jedoch keinen Dauercharakter getragen. Aus den Häusern einzelner ging dann diese Tendenz in einige Vereinsgesellschaften über (so die palästinensischen „Bnei Brith"-Logen), die es sich zum Grundsatz machten, in ihren Sitzungen und Zusammenkünften nur Hebräisch zu sprechen. Ebenso wurden in zahlreichen gesellschaftlichen Anstalten bei allgemeinen Versammlungen nur hebräische Vorträge gehalten. Vor allem aber waren es die neuen Schulen in den palästinensischen Städten und Kolonien, die diesen Bestrebungen den Weg ebnen sollten. Hier wurde es zum feststehenden Prinzip erhoben, dieKinder in derhebräischenKonversation einzuüben und Hebräisch als Unterrichtssprache ausschließlich oder teilweise zu gebrauchen. Mit den älteren Kindern, welche diese Sprache, und sei es auch bloß als Buchsprache, bereits verstanden, ging es leichter. Man mußte sie nur daran gewöhnen, diese ihre Sprachkenntnis auch beim Sprechen anzuwenden. Die Hauptschwierigkeiten zeigten sich bei den jüngeren Kindern, für welche die sogenannte „Ibrith bibrith"-Methode kreiert wurde, die zuerst von einigen Lehrern in Palästina in Lehrbüchern dargestellt worden ist.-) Nach dieser Methode lernen die kleinen Kinder die Sprache nicht mittels Uber- Setzung, sondern systematisch im Hebräischen selbst mit Hilfe von Anschauungsbildern und Sprechübungen über die das Kind umgebenden Gegenstände. Man lehrte im Hebräischen, als einer lebenden Sprache, nicht allein die hebräischen Fächer, sondern auch allgemeine Lehrgegenstände und Wissensstoffe. Die Fortschritte waren jedoch zunächst nicht bedeutend. Die Kinder waren in die Schule mit dem deutschen Jargon (Jiddisch) oder dem sephardischen Jargon (Ladino) gekommen, so daß man ihnen das Hebräische als eine neue Sprache beibringen mußte. Die Schulen übten auf die Elternfamilien keinen wesentlichen Einfluß aus, und die Kinder gebrauchten zu Hause wieder ihre Muttersprache. Um diesem Übelstande abzuhelfen, wurden die „hebräischen Kindergärten" nach dem Fröbelschen System begründet für Kinder im Alter von drei bis vier Jahren aufwärts. In diesen Gärten lernen die Kinder, denen noch keine Sprache geläufig ist, nur Hebräisch sprechen. Die Lehrerinnen sprechen, singen, spielen und tanzen mit ihnen — nur Hebräisch. Nach zwei bis drei Monaten schon beginnen die Kinder Hebräisch zu sprechen. Und da sie fast den ganzen Tag im Kindergarten zubringen, so lernen sie keine andere Sprache sprechen und sprechen auch zu Hause mit ihren Eltern und Verwandten nur Hebräisch. Die zarten kleinen Kinder üben so in der Tat einen großen Einfluß auf die Eltern aus; denn wer liebt sein kleines Kind nicht; Wer wird sich nicht bemühen, ihnen in der ihm verständlichen Sprache zu antworten? Mit den Kindergärten entstand das Bedürfnis nach hebräischen Kinderliedern, die auch während der letzten Jahre in großer Fülle geschaffen worden sind. Diese Lieder bilden die größte Freude der kleinen Kinder, und 2) „Ibrith bibrith", verfaßt vom bekannten Pädagogen Isaak Epstein; und das 4teilige Lehrbuch „L'fi Nataf" vom Schreiber dieses.