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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 88)
Language
German
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Wenn das Volk wieder in seinem Lande zu leben beginnt, muß es auch seine Sprache im Munde führen, muß es sich aller Faktoren bedienen, die es an sein nationales Sein gemahnen. In Obereinstimmung mit der Ansicht des Rabbi MeTr: «Wer sich in Erez Israel aufhält,% die heilige Sprache spricht und Krias Schema morgens und abends liest, der ist des Anteils am künftigen Dasein sicher." (Jeruschalmi, Schkolim 3.) Die Renaissance der hebräischen Sprache als Umgangssprache proklamierte und verwirklichte, trotz aller schwierigen Widerstände, zuerst der bekannte Schriftsteller E. Ben-Jehuda, der Verfasser des hebräischen Millon, der in diesem Jahre das dreißigjährige Jubiläum seiner diesem Ideal gewidmeten literarischen und persönlichen Wirksamkeit feiert. IL Die hebräische Sprache, wenn sie in unserm Munde lebt, erinnert uns und nähert an die vormalige Glanzepoche unseres Volkes, richtet und muntert uns auf und läßt uns das Golus samt all seiner Häßlichkeit vergessen. Wir leben in der Vorstellung jenes Lebens unserer Ahnen, da sie unter ihrem Weinstock und Feigenbaum saßen; wir sprechen so wie Abraham, Isaak und Jakob gesprochen hatten. Wie wir bei der Durchquerung Palästinas die Jugendepoche unseres Volkes im Geiste wieder erstehen sehen, indem uns jedes Denkmal und jedeKSteinhaufen an eine Begebenheit aus jener Vorzeit erinnert, ebenso lassen auch die Sprüche und Redewendungen unserer Ursprache, die Zitate aus unsern einstigen Dichtern und Propheten diese selbst vor unserm Geistesauge wieder auferstehen. Wir sprechen nicht allein die Sprache der Vorfahren, denen wir uns zu rühmen allen Grund haben, sondern zugleich auch die Sprache der Bibel, jenes ewigen Buches, das unser Stolz und unsere Zierde ist, das eine Leuchte und Gemeingut aller Kulturvölker geworden. Wir sprechen jene Sprache, in der David seine Psalmen dichtete, Eliah vom Gipfel des Karmelberges seine Donnerstimme ertönen ließ, Jeremias seine „felsenzerschmetternden" Reden hinschleuderte, in der ja Gott selbst „seine heiligen Worte aus Feuerflammen" verkündete. — — „Was für eine Sprache reden Sie?" fragte mich einmal eine Engländerin, als sie mich mit einem Freunde hebräisch sprechen hörte. „Wir sprechen Hebrew." „Was ist es, Hebrew? Der Jargon, den die polnischen Juden sprechen?" fragte sie darauf mit ein wenig verzogenem Munde. „Nein, Lady, wir sprechen die Originalsprache der Bibel!" erwiderte ich stolz. Ihr könnt euch das Erstaunen der Lady vorstellen, die es sich gar nicht denken konnte, daß man in dieser erhabenen Sprache sich noch zu unterhalten vermag. Und welch eine herzenverbindende Kraft hat diese Sprache, wenn wir in ihr zueinander reden! Wieviel zärtliche Verwandschaf tsgefühle ruft sie in uns hervor! Mein Freund braucht mir nicht nachzugeben und zu mir die Sprache meines Golus zu reden; und ich brauche ihm nicht nachzugeben "und zu ihm die Sprache seines Golus zu sprechen. Wir sprechen eine Sprache, die uns beiden seit uralten Zeiten gemeinsam ist; eine Sprache, die ganz unsere ist, und nicht die Sprache derer, die uns einstmals mit Haß und Brutalität verfolgten. Und schließlich müssen wir doch diese Sprache auf alle Fälle erlernen, wenn wir nicht alle religiösen und historischen Bande zerreißen wollen. In der Tat beherrschen wir ja unsere Sprache, nur fehlt uns die Gewohnheit ihres mündlichen Gebrauchs. Was sollte uns also Palästina, dem Sammelpunkt für Juden aller Länder und aller Golussprachen, dazu veranlassen, uns den zweifelhaften Reichtum an verschiedenen Jargonen anzueignen, da wir doch alle eine gemeinsame Sprache besitzen, in der uns nur eine gewisse Übung fehlt? Ist es doch viel leichter, die praktische Übung in einer Sprache zu erlangen, die wir theoretisch bereits beherrschen, als mannigfache Jargone erst zu erlernen, die uns ganz und gar nicht zur Ehre gereichen und uns lediglich an die Länder der Finsternis und des Fanatismus erinnern, aus denen wir gewaltsam herausgedrängt worden sind. Kurzum: Wenn wir Hebräisch sprechen, so arbeiten wir am nationalen Werk und nützen zugleich uns selbst. III. Die geistigen und sittlichen Vorzüge der lebendigen hebräischen Konversation zeigen sich besonders beim Kinderunterricht. Wie schwer fällt doch dem zarten Kinde das Hebräischlesen, wenn es nicht ein Wort dabei versteht! Das Lernen ist dann mechanisch, langweilig, peinigend und abstoßend für das Kind. Wozu und weshalb muß es etwas lernen, das es gar nicht versteht? Es hat nicht die Freude des Kindes, das in einer ihm verständlichen Sprache lesen lernt und nach jedem schönen Satze den folgenden Satz zu entziffern sucht. Es hat nicht jene Hilfe, die das Verstehen der Sprache beim Lesenlernen leistet, indem es von einem Wort- oder Redeteil auf das folgende schließen läßt. Hier ist dem Kinde alles stumm und verschlossen, und es muß da im Dunkel herumtappen. Es hat nur geistlose tote Wesen vorsieh — und welches Kind fürchtet sich nicht vor Toten? Welches Kind will nicht unter den Lebenden weilen? Hat es nun das mechanische Lesen erlernt und im Gebetbuch zu lesen begonnen, so liest es entweder bloß um der Lektüre halber (manchmal auch auswendig), ohne überhaupt zu wissen, was es liest; ohne die darin enthaltene Zartheit und Schönheit, Inbrunst und tiefe Gemütsstimmung auch nur im entferntesten zu ahnen, Was zur Folge hat, daß es auch späterhin, wenn es bereits herangewachsen ist und die Sprache versteht, das in der Jugend Erlernte nicht mehr innerlich zu erfassen vermag. Oder es lernt die Gebete durch Übersetzung in die Sprache, die es spricht. Wie fremd und sonderbar muß ihm aber dann die hebräische Sprache vorkommen! Um zu verstehen, was es liest, muß es die Erklärung jedes Wortes'in seiner Sprache lernen, die ihm die eigentliche Sprache ist. Die reizenden biblischen Geschichten, die herrlichen Prophetenreden müssen dem Knaben stückweise, in Text und gleichzeitiger Übersetzung, beigebracht werden. Wie kann da das Kind noch Lust verspüren, selbst etwas zu lernen, was ihm der Lehrer nicht eingeimpft hat? Und doch müßten gerade diese Gegenstände unseren Kindern am ehesten nahegebracht werden. Denn geschieht das nicht in ihrem Kindesalter — späterhin werden sie sich dafür nicht mehr interessieren können. Wenn sie herangewachsen sind, werden sie sich nur der ihnen durch diese Lehrfächer bereiteten

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