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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 87)
Language
German
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No. 41 DlE2§&ELT 1081 0 DI DI LITERATUR IDI DI DI Die Renaissance der hebräischen Sprache in Palästina Von David Yellin, Jerusalem I. Mit dem Erstarken des nationalen Empfindens eines Volkes, — jenes Gefühls, das in den einzelnen Volksgliedern die Selbsterkenntnis erzeugt, daß sie gemeinsam eine Einheit bilden, — entsteht in ihm auch naturgemäß das Bestreben, die ihm eigenen Güter zu pflegen und fortzubilden. Die Volksglieder lieben diese Güter, die der Nation im Laufe der historischen Entwicklung ihre geistige Physiognomie gegeben haben, im Bewußtsein, daß sie ausschließlich ihr Besitz sind. Diese Güter sind: 1. Die Eigenschaften des Volkes, seine Sitten, seine Auffassungen von der Welt und ihren Erscheinungen vom Guten und Bösen, vom Schönen und Häßlichen; seine aus alldem resultierende Lebensart,— die Lehre und das Gesetz; 2. die Hülle, worin das Volk sein geistiges Interieur kleidet und zum Ausdruck bringt — die Sprache; 3. der Ort, der alle Volksglieder zu gemeinsamem Leben und beständiger Wechselwirkung sammelt; der durch Charakter, Klima und Form die Geistesproduktion des Volkes beeinflußt — das Land. Die Juden sind, seitdem das Verhängnis sie zu einem unter allen Nationen „zerstreuten" Volk gemacht, auch ein von den andern „abgesondertes" Volk geblieben. Sie wollen in den Völkern nicht aufgehen, in deren Länder das Schicksal sie hingeführt hat. Sie fühlen sich stets von den andern getrennt durch ihre geistigen Güter, die den Tiefen ihres Innenlebens einen unverwischbaren Stempel aufdrücken; während sie anderseits eine tiefe Neigung zu ihren Stammesgenossen hegen, wo immer diese auch wohnen mögen. Das die Juden der verschiedenen Ländern einigende Band und ihre gegenseitige Beeinflussung sind viel stärket als ihre Berührungen mit ihrer Umgebung. Auch fern von seinem Lande hat Israel nicht aufgehört, ein nationales Leben zu führen: eine Lehre, eine Sprache und die Hoffnung, ein Land zu besitzen. Diese drei Güter waren ihm stets heilig: die heilige Thora, die heilige Sprache und das heilige Land. Und meinten auch unsere Weisen: höre — in jeder Sprache, die du verstehst; und „dieMegillah lese man Nichthebräern in einer profanen Sprache vor", — so hat das Volk doch nie aufgehört, seine Gebete im Hebräischen zu verrichten und die Megillah nur in hebräischer Sprache zu lesen. Das Leben jedoch bat seine eigene Wirkungskraft. Das lange Golusleben, das zweitausendjährige Leben der Unfreiheit zwingt zu Verzichtleistungen. Die einfachen Alltagsbedürfnisse legen dem geistigen Leben Fesseln an. Das hat sich auch in bezug auf unsere Nationalsprache gezeigt, als Minderheit in fremdem Lande, durch das Golusleben gezwungen, Handel zu treiben und in ständigen Verkehr mit der Umgebung zu treten, — vermochte unser Volk nicht, in seiner eignen Sprache ganz zu leben. Es mußt sich überall die fremde Sprache aneignen, ebenso wie es vort den Erzeugnissen seines jeweiligen Wohnortes leben mußte. Doch vermochte die fremde Sprache nicht seine nationale Sprache völlig zu verdrängen. Täglich brachte der Jude seine Herzenswünsche und Seelenregungen, seine Inbrunst vor Gott nur im Hebräischen zum Ausdruck; all seine Geistesschätze speicherte er im Hebräischen auf, und in dieser Sprache schrieb er seine Briefe an Freunde und Bekannte. Selbst die fremden Sprachen hebraisierte er, indem er sie in hebräischer Schrift gebrauchte, in Persien sowohl wie in Indien, an der Seine wie am Rhein. Nichtsdestoweniger ist die nationale Sprache nur zum Teil lebendig geblieben. Derselbe Jude, der seinem Volksgenossen aus der Ferne in der Nationalsprache zu schreiben pflegte, redete zu ihm in der Nähe in einer andern Sprache. Die durch Generationen sich hinziehende Gewohnheit, eine fremde Sprache zu sprechen, der tägliche Gebrauch dieser Sprache im Verkehr mit der Umgebung brachte es mit sich, daß der Jude auch in seinem eigenen Hause und seinen Volksgenossen gegenüber sich jener fremden Sprache bediente, während er sich damit begnügte, an seiner eigenen Sprache als bloßer Buch- und Schriftsprache festzuhalten, ebenso wie er in bezug auf sein Land sich mit guten Hoffnungen auf künftige Tage zufrieden gab. Das lange Golus, welches das nationale Empfinden abgestumpft, hat auch die nationale Sprache als lebendige Umgangssprache im Hause eines jeden Juden zerstört. Die gleiche Erscheinung kann man auch bei andern Völkern wahrnehmen, daß, mit der Schwächung des nationalen Gefühls eine gleichsam absichtliche Abkehr von der eigenen Sprache eintritt. Im Palast Friedrich des Großen, des Deutschen, wurde Französisch gesprochen, und in Rußland pflegte man früher sämtliche Militärrange (die Vaterlandsverteidiger!) mit deutschen Benennungen zu bezeichnen. Und das bei Völkern, die auf ihrer eigenen Scholle leben und die Herrschaft in Händen haben. Was Wunder also, wenn das jüdische Volk, das seit bald zwei Jahrtausenden in fremden Ländern weilt und seine Rückkehr nach dem eignen Lande sich auf übernatürliche Weise vorstellte, sich nicht die eigene Sprache in all ihren Lebensfunktionen erhalten hat? Doch, was zeigt sich uns in jenen erwähnten Ländern zurzeit, da der nationale Geist und der nationale Stolz einen Aufschwung erlebt hat. Die deutsche Regierung ist bestrebt, die fremdsprachigen Worte von ihrer nationalen Sprache auszuscheiden und durch reindeutsche Bezeichnungen zu ersetzen, während jenes Russenvolk jetzt einen Vernichturigskampf gegen die polnische Sprache führt und1 die polnischen Schulen mit aller Gewalt zu ossifizieren sucht. Die jüngste Epoche brachte auch den Juden die nationale Renaissanceidee, das Streben nach vollem und ganzem nationalen Leben. In ganz Israel erscholl der laute Ruf: Genug des langen Goluslebens auf fremder Erde! Kehre in das Land der Väter zurück, um dort das Einheitsleben eines gesunden, kraftblühenden Volkes zu führen! Damit war zugleich auch das Los der nationalen Sprache entschieden, aufs neue eine Lebenssprache zu werden. Das Gedenken an das uralte Land erwecke von selbst das Gedenken an die uralte Sprache.

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