Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 78)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316447--53862-3347631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1072 DlESg&ELT NO. 41 Das Kreditwesen in Palästina Von D. Levontin, Jaffa, Direktor der Anglo Palestine Co. in Jerusalem Die Handelsgeschichte weist drei Stadien des wirtschaftlichen Verkehrs auf, die, sich den zeitgemäßen Bedürfnissen und dem Fortschritt des sozialökonomischen Lebens anpassend, nach und nach entwickelt haben. Diese sind: der Tauschhandel, der Geldverkehr und, das dritte Stadium, — das Kreditwesen. Mit Kredit bezeichnet man das Vertrauen, welches einer dem andern schenkt bei Übergabe eines Wertobjekts oder baren Oeldes bis zur Rückerstattung resp. Rückzahlung. Dieses Vertrauen basiert auf der Kenntnis des wirtschaftlichen Zustandes des Kreditnehmers, auf der Bürgschaft einer dritten Person oder, auf Verpfändung gewisser Werte. Man unterscheidet gewöhnlich kurzfristige kommerzielle Kredite, Darlehen an Landwirte bis zur nächsten Ernte und Agrarkredite, die auf eine längere Reihe von Jahren gewährt werden. Ich möchte, soweit der enge Rahmen eines Artikels es gestattet, hier das palästinensische Kreditwesen besprechen. In Palästina sind die europäischen Begriffe von Kredit ganz verwirrt. Die Kreditbasis bildet nicht überall die Kredit- und Zahlungsfähigkeit der Kreditnehmer, sondern sehr häufig, — wenn man sich so ausdrücken darf, — die Einkassierungsfähigkeit des Kreditgebers. Der kleine Wucherer des arabischen Dorfes passiert ruhig die Dorfstraße und ruft: „Wer braucht Qeld?" Er gibt seine Münzen jedem, der nur die Hand ausstreckt, und trägt keine Bedenken wegen des Verfalltags, denn er ist seiner Macht sicher; er würde schon die Mittel ausfinden, sein Qeld mit den Wucherzinsen einzubringen. Der Effendi, meistens ein Großgrundbesitzer aus der Nachbarschaft oder ein Kaufmann aus der nächsten Stadt, der größere Beträge im Dorf verleiht, kümmert sich auch nur sehr wenig um die Kreditfähigkeit des Schuldners; gelingt die sofortige Eintreibung seiner fälligen Forderung nicht, so läßt er die Schuld durch Zinsen und Zinseszinsen wachsen und ist bemüht, den Boden des verschuldeten Fellachen in seinen Besitz zu bekommen. Bei Eintreibung der Schuld, wenn der Fellache nicht zahlen kann, kommen sehr oft Prozeduren vor, die in Europa ganz unbekannt sind. Der Effendi kommt nämlich mit seinen Freunden oder mit Soldaten, die ihm der Kaimakam (Polizeimeister) der nächsten Stadt für einen „Bakschisch" zur Verfügung stellt, ins Dorf seines Schuldners und holt ohne lange Prozesse mit Gewalt einige Viehstücke. So wird hier die Einkassierung praktiziert. Diese Art und Weise des Geschäftsverkehrs der hiesigen halbkultivierten Landbevölkerung, welcher, wie gesagt, nicht auf dem Vertrauen zum Darlehnsnehmer, sondern auf der Macht und dem Einfluß des Gläubigers basiert, hat merkwürdigerweise in gewissem Maße auch in manchen modernen Kreditinstituten im Lande Fuß gefaßt. Zur Illustration möge folgendes Sittenbild aus der letzten Zeit dienen: Ein christliches Bankinstitut hatte einer jüdisch-philanthropischen Gesellschaft ca. 15000 Francs geliehen; letztere bot keine besondern Garantien, besitzt keine Immobilien. Nun starb einer der Vorsteher dieser Institution, ein angesehener und vertrauenswürdiger Mann. Da kam der Direktor der Bank in Begleitung seines Kawassen und sagte: „Sie bestatten Ihren Rabbi nicht eher, als bis Ihre Schuld bezahlt ist." Die 15000 Francs mußten auf der Stelle beschafft werden, und erst dann konnte man den Rabbiner zu Grabe bringen. Die Verhältnisse des jüdischen Lebens der sogenannten alten Ansiedlung in Palästina haben ebenfalls die Auffassung von Kredit in diesen Kreisen ganz verwirrt. Es gibt in Jerusalem Wohltätigkeitsinstitute, die kein Vermögen haben, die nicht einmal juristische Körperschaften sind und keine öffentliche Rechenschaft ablegen, und dennoch finden sich Leute, die ihnen Vertrauen schenken und freie Gelder zur Verfügung stellen. Noch mehr: sie emittieren Schuldschreiben, sogen. „Schtaroth", die am hiesigen Geldmarkte Abnehmer finden. Diese Erscheinung, die keine ökonomische Grundlage hat, ist darauf zurückzuführen, daß es in Jerusalem viele alte Leute gibt, die ihre Ersparnisse in irgendwelcher Weise fruchtbar machen wollen und ihr Geld in solchen Schtaroth anlegen, ohne sich um Bonität und Sicherheit derselben zu kümmern. Je mehr der Zufluß solcher Leute sich vergrößert, desto mehr verschulden sich diese Institute, und desto verworrener wird das Kreditwesen in Jerusalem, Hebron, Saf ed und Tiberias, in den Städten der jüdischen Ansiedlung. So steht es um den Kreditverkehr in der alten Ansiedlung. Nicht viel besser jedoch ist der Begriff von Kredit bei der neuen Kolonisationsansiedlung. Einen mächtigen Einfluß auf die falsche Auffassung des Kreditwesens übte das Administrationssystem des Barons Rothschild aus. Die Millionen dieser groß angelegten Philanthropie, der Goldstrom aus Paris ergoß sich hier nicht unter dem richtigen Namen „Wohltätigkeit", sondern er galt immer als „Kredit". Es entfaltete sich also ein Kreditsystem, das seinesgleichen kaum finden kann. An nichtvermögende Leute, die boden- und mittellos waren, die keinen Pfennig Kredit im europäischen Sinne des Wortes verdienten, wurden durchschnittlich „Darlehen" von 40—50000 Francs gewährt. Ich kenne Kolonisten, die dem Baron bis 100000 Francs schulden, manche sogar bis 150—300000 Francs. Der Administrator des Baron Rothschild hat mit leichtem Herzen solche großen Subventionen gegeben, denn als Geschäft waren das bei seinem Prinzipal keine großen Beträge, und die Kolonisten haben die Hand mit ruhigem Gewissen darnach ausgestreckt, weil sie ja keine Almosen, sondern Darlehen bei einem reichen Kreditgeberverlangten. So haben sich Kredit und Unterstützung identifiziert und Demoralisation in die neue Ansiedlung getragen. Die Chowewe-Zion mit ihren kleinen Mitteln schlugen denselben Weg ein. Das „Kreditsystem", welches die Administration des Baron Rothschild mit Millionen angewendet hatte, haben diese mit Tausenden und Zehntausenden Francs wiederholt. Es wurden Kolonien gegründet, arme Leute subsidiert, unvermögende Arbeiter angesiedelt, aber nicht unter der richtigen Flagge der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.