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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 79

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 79)
Language
German
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No. 41 DiE3§KELT 1073 Wohltätigkeit, da es doch klar war, daß die Leute niemals ihre Schulden werden zahlen können, sondern abermals unter dem wohlklingenden Titel „Kredit und Darlehen". Es gibt reiche Kolonisten da, die sonst guten Kredit genießen, und die den Chowewe-Zion geringe Summen schulden und sich dennoch kategorisch weigern, ihre Schuld, wie klein sie auch sei, zu decken. Ein reicher Kolonist hat dieser Tage sein vor einigen Jahren in einer jüdischen Kolonie gekauftes Gut mit einem schönen Barprofit von ca. 15000 Francs verkauft. Nun kam der Vertreter der Chowewe-Zion und insistierte auf Einzahlung einer Forderung von 1500 Francs. Da hätte man sehen sollen, wie sich der Kolonist gebärdete. 5r schrie vor aller Welt, daß man ihn berauben wolle. Als die Anglo Palestine Co. vor sieben Jahren ins Land kam und ihre Banktätigkeit begann, hatte sie von dem ersten Schritt an mit der Erbschaft ihrer Vorgänger zu rechnen. Sie mußte gegen die alten Begriffe vron Kredit kämpfen, um ein rationelles Kreditsystem einführen zu können. Bei den vor der A.P.C. existierenden Banken war es Gepflogenheit, off eneKredite ohne bestimmte Zahlungstermine zu eröffnen. Die A. P. C. hat aber gleich in erster Zeit moderne Usancen eingeführt. Sie latte nämlich, mit wenigen kleinen Ausnahmen, keine Darlehen in offener Rechnung gewährt, sondern, wie 3S in Europa Usus ist, rein kommerzielle Wechsel gefordert, die den Gegenwert von gekauften Waren epräsentieren. Es ist ihr auch gelungen, kurzfristige \ommerzwechsel von 30 bis 40 Tagen Frist in der ^olonialwarenbranche und dreimonatliche Wechsel in ler Holzbranche einzuführen, die ihr zum Diskont überleben werden. An die hiesigen industriellen Unternehmungen hat die A. P. C. Kredite gegen Kundenvechsel auf verkaufte Waren oder gegen die bei ihr erpfändeten Waren eröffnet. Sie war dabei immer iarauf bedacht, die Kredite nur bis zu solcher Höhe zu gewähren, daß es den Unternehmungen möglich sein soll, ich nach den lokalen Erfordernissen ausdehnen zu können. )iejenigen industriellen Unternehmungen, die sich mit em Kredit der Bank nicht zufrieden geben wollten und loch andere Geldquellen aufsuchten, um ihren Betrieb sber die Grenzen der Ortsverhältnisse zu erweitern, haben eider nicht existieren können und sind zugrunde gegangen. Die Idee vom kommerziellen Kredit, der am Fälligveitstage strikt zu regeln ist, konnte durch die Wirkung ■•er vorhin erwähnten Faktoren nur schwer eingebürgert verden. Nicht wenig Unzufriedenheit entstand natürlich iurch diese Handlungsweise der A. P. C, und nicht wenig vritik wurde an dem neu eingeführten Modus derselben ^eübt. Viel schwerer noch war es mit den Krediten an üe Kolonisten. Dank des frühern Systems, bei dem man >ich um die Rückzahlung wenig gekümmert hat, sind der \. P. C. seitens der Kolonisten auch solche Ansuchen um \redit gemacht worden, die jeder soliden Basis entbehrten. Um ein europäisches Kreditsystem in die Kolonien Anzuführen, beschloß die A. P. C, kooperative Genossenschaften ins Leben zu rufen, Sie-ließ sich hierbei von tem Gedanken leiten, den Leuten den in der ganzen vVelt anerkannten Grundsatz der Selbsthilfe beizubringen, 1 h. nicht die A. P. C. sollte die Gründerin der Genossenschaften sein, sondern die Initiative hierzu soll von den Kolonisten selbst ausgehen. Zu diesem Zweck hat die A. P. C. populäre Flugschriften und Broschüren über die Wichtigkeit und die Bedeutung der kooperativen Genossenschaften herausgegeben und in den Kolonien verteilt. Die Kolonisten waren aber noch weit davon entfernt, die Selbsthilfe und den großen Nutzen, den solche Genossenschaften mit sich bringen, zu verstehen. Bis heute noch bestehen nur Kreditgenossenschaften, deren Zweck es ist, Darlehen auf solidarischer Haftung aufzunehmen; Genossenschaften aber, die alle Zweige des wirtschaftlichen Lebens umfassen sollen, wie Konsumvereine, Absatz- und Viehzuchtgenossenschaften u. dgl., sind trotz vieler Bemühungen der A. P. C. noch nicht geschaffen. Es ist auch zu bemerken, daß sich die Kolonisten jetzt anschjcken, ihre kurzfristigen Wechsel gegen langfristige umzutauschen, — eine Erscheinung, die auch in Europa nicht selten ist. Es ist aber zu erwarten, daß sich die kooperativen Genossenschaften in absehbarer Zeit Entwickeln und ihre Tätigkeit auf alle Gebiete des ökonomischen Lebens ausdehnen werden. Zu Beginn ihrer Tätigkeit hatte die A. P. C. im Auge, nur kurzfristige Kredite einzuführen; die Bedürfnisse der Kolonisten und auch der städtischen Bevölkerung haben aber mit der Zeit auch die Notwendigkeit von langfristigen Darlehen erzeugt, die eine Vollendung der Plantationen und des Häuserbaues erzielen sollen. Die Bank war daher bemüht, Depots auf lange Termine zu erwerben, um diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Bei diesen Krediten aber, die nur gegen Verpfändung der Immobilien gewährt werden können, stieß die A. P. C. auf große Schwierigkeiten. Denn einerseits sind die Schulden mehrerer Kolonisten in kurzfristigen Krediten so bedeutend, daß eine weitere Anleihe für sie nicht nur keinen Nutzen bringen, sondern sie zum Ruin bringen könnte, und anderseits bieten die an die Bank verpfändeten Immobilien oder Ländereien keine genügende Sicherheit, und zwar aus folgenden Gründen: erstens hat keine Bank in der Türkei das Recht, Hypotheken auf ihren Namen aufzunehmen, zweitens sind hier die Agrargesetze so verworren und undeutlich, daß ein Hypothekengeschäft auch für Privatpersonen nicht gesichert ist, und drittens hat uns die Erfahrung gelehrt, daß es im Nichtzahlungsfalle eines jüdischen Schuldners der A. P. C. nicht möglich ist, die Hypothek zu veräußern, denn ein Jude wird den Besitz eines andern Juden nicht kaufen wollen, und an einen Nichtjuden wird die Bank nicht verkaufen. Die Bank hat daher nur solche langfristige Darlehen gewährt, deren Rückzahlung bei Plantationen durch die Ernte oder beim Häuserbau durch den Mietzins genügend gesichert ist. Wie gesagt, hat die Bank in den drei Arten des Kreditwesens ihre Tätigkeit ausgeübt: sie hat an Industrielle und Kaufleute kurzfristige Darlehen gegen Kundenwechsel oder gegen Ware gewährt; sie hat für Kolonisten, Arbeiter und Kleinhändler die kooperativen Genossenschaften eingeführt und schließlich langfristige Agrarkredite im engen Rahmen an Plantatoren und Häuserbaugesellschaften gewährt. Es sind auch an hiesige jüdische kulturelle und wohltätige Institutionen Kredite gewährt worden bis zum Eingang ihrer jährlichen Subventionen und Unterstützungen. Bei der jetzigen jüdischen Bevölkerung Palästinas und in dem engen Kreise ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ist eine Ausdehnung der Kredite in allen Zweigen nur in ganz kleinem Maße möglich; eine größere Ausdehnung, die vielen vorschwebt, wird nur dann möglich sein, wenn diei jüdische Bevölkerung hier stark zunehmen und Neues auf dem Gebiete der Kolonisation, des Handels und der Industrie schaffen wird.

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